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DJ Westbam:"Ich wollte nicht im Angesicht des Todes auflegen"

"Es ist ein Wunder, dass in 20 Jahren zuvor nie etwas passiert ist": Loveparade-Urgestein DJ Westbam über Sicherheitsmängel in Duisburg und den schwarzen Tag des Techno.

Es sollte sein großer Abschied von der Loveparade werden. DJ Westbam, der einzige DJ, der auf allen Loveparades seit 1989 aufgelegt hatte, hatte bereits im Vorfeld seinen Abschied vom Event angekündigt - auch deshalb, weil er eine gewisse Distanz zu den neuen Veranstaltern und Veranstaltungsorten im Ruhrgebiet spürte. Als Abschiedsgeschenk erschien zuvor sein fast vierstündiges Monumentalepos, die Triple-CD "A Love Story 89-10" mit der Single "Don´t look back in anger". Für sein letztes Set wollte er noch mal ein paar Highlights seiner Mixe spielen. Doch daraus wurde nichts. Als er von der Katastrophe erfuhr, sagte er seinen Auftritt ab.

DJ Westbam während eines früheren Auftrittes: "Mit so einer Tragödie hat die Love Parade für immer ihre Unschuld und Leichtigkeit verloren."

(Foto: Ralph Bergmann)

sueddeutsche.de: Wie haben Sie von dem Unglück erfahren?

Westbam: Als die Katastrophe passierte, saß ich im Flieger aus meinem Urlaub, den ich für die Loveparade unterbrechen wollte. Nach der Landung hatte ich jede Menge SMS auf meinem Handy mit Sätzen wie "Schade, dass das jetzt alles so endet" - ich habe das im ersten Moment gar nicht verstanden, bekam dann aber telefonisch alle Infos.

sueddeutsche.de: Wollte die Veranstalter der Loveparade, dass Sie trotzdem spielen?

Westbam: Man hat mich schon gebeten. Aber das hätte nun wirklich gar keinen Sinn gemacht, noch mal Hits wie "Sunshine", "United States of Love" und "Music is the key" im Angesicht des Todes aufzulegen und die Leute aufzupeitschen. Ich wollte noch mal 21 Jahre Loveparade hochleben lassen und das wäre nun angesichts der Tragödie vollkommen unpassend gewesen. Und um ehrlich zu sein, hatte ich auch keine andere Musik dabei und bin auch nicht mehr zur Veranstaltung gegangen.

sueddeutsche.de: Loveparade-Gründer Dr. Motte hat den Veranstaltern fahrlässige Tötung vorgeworfen und die Schuld zugesprochen. Wie schätzen Sie das ein?

Westbam: Man sollte mit voreiligen Schuldzuweisungen sehr vorsichtig sein, denn ich glaube, all die Fachleute hatten sich im Vorfeld schon sehr viele Gedanken gemacht. Allerdings deutete sich schon in Essen und Dortmund und bei der ausgefallenen Parade in Bochum das Problem an: Die Städte des Ruhrgebiets agierten mit ihren 200.000 bis 300.000 Einwohnern mit der Durchführung des Events absolut an der Grenze zur Überforderung. Die Loveparade stand immer unter einem sehr glücklichen Stern. Es ist ein Wunder, dass in den 20 Jahren zuvor nie etwas Ernsthaftes passiert ist. Dieses Glück hat sich nun abgewendet. Mit so einer Tragödie hat die Loveparade für immer ihre Unschuld und Leichtigkeit verloren.

sueddeutsche.de: Ihr neues Video spielt in sehr morbider Kulisse, in Ihrem CD-Booklet finden sich Zitate auch zum Thema Liebe und Tod. Haben Sie eine düstere Vorahnung gehabt?

Westbam: Nicht bewusst. Im Nachhinein ist das Werk, wenn man es so sehen will, schon ein Statement zum Thema Abschied. Der Titel "A Love Story 89-10" klingt nun wie eine Grabinschrift. Ich hoffe dennoch, dass man sich in Zukunft an all das Gute, was die Loveparade für die elektronische Musik, für Deutschland und für die Völkerverständigung getan hat, erinnern wird - und nicht nur an diesen einen schwarzen Tag.

© sueddeutsche.de/bön

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