Süddeutsche Zeitung

Diversität im Tanz:Schwarzer Schwanensee

Lesezeit: 5 min

Weibliche Choreografen wie Dada Masilo und farbige Ballerinen wie Misty Copeland sind im Tanz noch immer in der Minderheit. Doch das ändert sich langsam.

Von Dorion Weickmann

Neulich hat Hollywood angerufen. Ob Misty Copeland, Promi-Ballerina des American Ballet Theatre (ABT), die Hauptrolle im "Nussknacker" der Disney-Studios übernehmen möchte. Dass eine namhafte Tänzerin als Leinwandkönigin taugt, weiß die Welt, seit Moira Shearer 1948 in dem Ballettfilm "Die roten Schuhe" in die titelgebende Fußbekleidung schlüpfte. Aber Shearer war hellhäutig und entsprach perfekt dem Ballett-Ideal.

Misty Copeland ist dunkel und afroamerikanischer Herkunft. Sie fällt aus dem Apartheids-Schema, das den klassischen Tanz lange prägte. Selbst in den USA kam es selten zur Kohabitation von Schwarzen und Weißen im Corps de ballet.

Deshalb wird Misty Copeland als Pionierin gefeiert, seit sie 2015 vom Time Magazine unter die 100 einflussreichsten Menschen gelistet und wenig später von ihrem Arbeitgeber zur Top-Tänzerin - "Principal Dancer" - befördert wurde.

Binnen Jahresfrist ist die 34-Jährige zur Celebrity geworden, zum Maskottchen der New Yorker Kulturszene, zum Idol der schwarzen Gettojugend. Ihr Aufstieg gilt als politisches Signal und künstlerischer Durchbruch: Schluss mit dem weiß besetzten "Schwanensee"!

Im Foyer des Berliner Ellington Hotels sitzt Dada Masilo - zart, klein, mit rasiertem Kopf. Sie ist in der Stadt, um eine Arbeit ihres südafrikanischen Landsmannes William Kentridge zu zeigen.

Die Afroamerikanerin Misty Copeland schlachtet für die Karriere auch ihre Biografie aus

Ausnahmsweise, denn eigentlich inszeniert und choreografiert die Tänzerin selbst. Eine auf Attacke gebürstete "Carmen", ein furioser "Swan Lake" gehen auf ihr Konto, in New York bringt sie im Herbst "Giselle" heraus, den romantischen Klassiker schlechthin.

Die Technik dafür hat sie auf der Tanzakademie von Anne Teresa De Keersmaeker in Brüssel gelernt. So ausgebildet, hätte sie bei einer großen Kompanie anheuern können. Sie winkt ab: "Hierarchien sind nichts für mich. Ich will kreativ sein und eigene Stücke machen."

Copeland ist keineswegs die erste farbige Starsolistin

Dada Masilo vertritt in doppelter Hinsicht eine Minderheit: Sie ist Choreografin, und sie ist schwarz. Beides sind Ausnahmen in der internationalen Ballettszene, die über Fragen der Diversität inzwischen heftig diskutiert.

Dada Masilo teilt die Euphorie über Misty Copelands Versetzung an die Spitze des ABT nur in Maßen: "Wird das eine Öffnung bewirken? Werden andere folgen? Oder ist es eher das öffentlichkeitswirksame Ergebnis guter PR und ein Kniff, um ein anderes Publikum anzuziehen?"

Berechtigte Skepsis, denn Copeland ist keineswegs die erste farbige Starsolistin. Nur haben ihre Vorgängerinnen weder einen Hype entfesselt noch die Besetzungspolitik verändert. Stattdessen stehen schwarze Tänzerinnen, die heute in den Rang der "Principal Dancer" aufrücken, im Verdacht, nur dank eines Minderheitenbonus zu punkten.

Vorab die mediale Maschinerie mit dem Öl der Biografien geschmiert

Das betrifft Misty Copeland ebenso wie Michaela DePrince, die bei Het Nationale Ballet in Amsterdam in Rekordzeit Karriere gemacht hat. Ihr Chef Ted Brandsen betont, dass allein künstlerische Kriterien dafür ausschlaggebend waren.

Trotzdem fällt auf, dass Copeland und DePrince vorab die mediale Maschinerie mit dem Öl ihrer Biografien geschmiert hatten. Copeland stammt aus zerrütteten Familienverhältnissen, DePrince ist in Sierra Leone geboren und in den USA unter dramatischen Umständen als Kriegswaise adoptiert worden.

Beide Ballerinen haben in Autobiografien ausführlich erzählt, wie sie den Mädchentraum vom Tutu gegen alle Widerstände verwirklichten. Misty Copeland bewirbt zudem sportive Outfits, sie hat ihr Leben verfilmen lassen und beschäftigt ein Management mit Erfahrung im Wall-Street-Marketing.

Bisweilen verschwindet ihre Leistung hinter der glamourösen Inszenierung ihrer Person. Zweifellos ist die Kamera Copelands wichtigster Kapitalfaktor. Was sie vom Gros der Kollegen, die ohne viel Aufhebens ihre Arbeit tun, unterscheidet und nicht überall in der Black Community gut ankommt.

Denn damit werden die wirklichen Pionierinnen gleichsam ausradiert - schwarze Tänzerinnen wie Raven Wilkinson, Debra Austin, Anne Benna Sims, Nora Kimball, Lauren Anderson, von denen einige schon vor Jahrzehnten die Position einer "Principal Dancer" innehatten.

Die Nachwuchsrekrutierung kennt keine Chancengleichheit

Zudem vertuscht Copelands Vermarktung als Rollenmodell für Kinder aus sozial schwächeren Milieus, was - jenseits rassistischer Klischees - für die Unterrepräsentation von Schwarzen in den Reihen des Balletts ausschlaggebend ist: Der Zugang zu den Schulen hängt von den finanziellen Möglichkeiten der Eltern ab. Die Nachwuchsrekrutierung kennt keine Chancengleichheit.

Das trifft übrigens auch auf Deutschland zu, wo dunkelhäutige Tänzer zwar von Dortmund über Hamburg bis Leipzig zu finden sind, aber zahlenmäßig hinter der asiatischen Konkurrenz weit zurückliegen.

Talente aus Fernost gehören längst zum Erscheinungsbild jeder größeren Kompanie - so sehr, dass Jean-Christophe Maillot, der Chef der Ballets de Monte Carlo, warnt: "Das Ballett hat weniger Probleme mit Diversität als mit Distinktion. Alles wird gleich und gleicher, der Stil wie das Profil der Truppen."

Das stimmt insofern, als grandiose All-black-Teams wie Arthur Mitchells Dance Theatre of Harlem verschwunden sind. Das Ensemble produzierte dezidiert schwarze Ballettkunst, bis es 2004 finanziell in Schwierigkeiten kam. Unlängst revitalisiert, ist es nur noch ein Schatten seiner selbst.

Die führenden Choreografen sind fast alle Männer

Derweil bespielt das britische Ballet Black zwar regelmäßig die kleinere Bühne des Royal Opera House in London. Aber das eigentliche Royal Ballet ist, abgesehen von zwei Kubanern, weiß geblieben.

In Paris scheiterte der Ex-Direktor Benjamin Millepied auch deswegen, weil er es nicht vermochte, dem Ballett der Opéra mehr Diversität zu verordnen. Was die USA betrifft, liegt die diskriminierende Weichenstellung schon Jahrzehnte zurück.

George Balanchine, der Gründer des New York City Ballet und der angeschlossenen Schule, wollte ursprünglich je acht weiße und acht schwarze Eleven aufnehmen. Es kam anders, und die Folgen beschreibt Dada Masilo: "In vielen amerikanischen Kompanien sind Schwarze deutlich in der Minderheit. Das vermittelt gesellschaftlich ein falsches Bild."

Könnte eine Quotierung für Abhilfe sorgen? Choreografinnen, vom Ballettbetrieb ebenfalls benachteiligt, haben in England kürzlich entsprechende Forderungen erhoben. Sie wollen nicht länger dulden, dass Männer den Ton angeben, dass ein berühmter Vertreter des Fachs wie Akram Khan erklärt: "Wir brauchen keine Choreografinnen, nur weil sie Frauen sind - es geht um Qualität." Khan erntete für diese Bemerkung mehr Prügel als Zuspruch.

In der Szene wächst das Bewusstsein dafür, dass eine männlich beherrschte Kreativzone entsprechend stereotype Tanzfantasien hervorbringt. Wer sich die Liste der weltweit führenden Ballettschöpfer anschaut, findet in den Top Ten allenfalls die Kanadierin Crystal Pite. Ansonsten machen die Herren von Alexei Ratmansky bis Liam Scarlett das Geschäft unter sich aus.

Mehrfarbigkeit statt Uniformität

Woran das liegt, skizziert Dada Masilo: "Du brauchst Zeit und wahnsinnig viel Energie, um zu choreografieren und die ganze Aufführung, die ganze Mannschaft zusammenzuhalten." Die meisten Choreografen beginnen schließlich ihre Laufbahn als Tänzer und finden genug Freiräume, um eine Debüt-Inszenierung und damit den Spurwechsel vorzubereiten.

Anders ihre Kolleginnen, wie Lourdes Lopez, Chefin des Miami City Ballet, der New York Times erklärte. In den meisten Werken tanzen mehr Frauen, "deshalb haben die Männer Zeit, ins Studio zu gehen und sich als Choreografen auszuprobieren". Schwangerschafts- und Mutterschaftspausen samt nachfolgendem Fitness-Tief kosten die Tänzerinnen ebenfalls Zeit und Kraft.

Ändern wird sich das vielleicht unter den ambitionierten Ballettdirektorinnen, die neuerdings in Paris, Washington, Rom und London das Sagen haben: Aurélie Dupont, Julie Kent, Eleonora Abbagnato und Tamara Rojo. Die Spanierin, die seit 2012 das English National Ballet erfolgreich umkrempelt, beauftragte unlängst drei Choreografinnen mit einem Tanz-Triptychon. Für das Ergebnis gab es Lobeshymnen.

Zudem verpflichtete Rojo zahlreiche Südamerikaner und veränderte so Temperament und Ästhetik der Truppe. Rojos Konzept steht für Vielfalt und das Lebensgefühl einer Metropole. Was vorbildlich ist, hat das Ballett des 21. Jahrhunderts doch nicht weniger verdient als eben das: Mehrfarbigkeit statt Uniformität.

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Quelle:
SZ vom 08.08.2016/cag
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