Diversität im Tanz:Vorab die mediale Maschinerie mit dem Öl der Biografien geschmiert

Lesezeit: 5 min

Das betrifft Misty Copeland ebenso wie Michaela DePrince, die bei Het Nationale Ballet in Amsterdam in Rekordzeit Karriere gemacht hat. Ihr Chef Ted Brandsen betont, dass allein künstlerische Kriterien dafür ausschlaggebend waren.

Trotzdem fällt auf, dass Copeland und DePrince vorab die mediale Maschinerie mit dem Öl ihrer Biografien geschmiert hatten. Copeland stammt aus zerrütteten Familienverhältnissen, DePrince ist in Sierra Leone geboren und in den USA unter dramatischen Umständen als Kriegswaise adoptiert worden.

Beide Ballerinen haben in Autobiografien ausführlich erzählt, wie sie den Mädchentraum vom Tutu gegen alle Widerstände verwirklichten. Misty Copeland bewirbt zudem sportive Outfits, sie hat ihr Leben verfilmen lassen und beschäftigt ein Management mit Erfahrung im Wall-Street-Marketing.

Bisweilen verschwindet ihre Leistung hinter der glamourösen Inszenierung ihrer Person. Zweifellos ist die Kamera Copelands wichtigster Kapitalfaktor. Was sie vom Gros der Kollegen, die ohne viel Aufhebens ihre Arbeit tun, unterscheidet und nicht überall in der Black Community gut ankommt.

Denn damit werden die wirklichen Pionierinnen gleichsam ausradiert - schwarze Tänzerinnen wie Raven Wilkinson, Debra Austin, Anne Benna Sims, Nora Kimball, Lauren Anderson, von denen einige schon vor Jahrzehnten die Position einer "Principal Dancer" innehatten.

Die Nachwuchsrekrutierung kennt keine Chancengleichheit

Zudem vertuscht Copelands Vermarktung als Rollenmodell für Kinder aus sozial schwächeren Milieus, was - jenseits rassistischer Klischees - für die Unterrepräsentation von Schwarzen in den Reihen des Balletts ausschlaggebend ist: Der Zugang zu den Schulen hängt von den finanziellen Möglichkeiten der Eltern ab. Die Nachwuchsrekrutierung kennt keine Chancengleichheit.

Das trifft übrigens auch auf Deutschland zu, wo dunkelhäutige Tänzer zwar von Dortmund über Hamburg bis Leipzig zu finden sind, aber zahlenmäßig hinter der asiatischen Konkurrenz weit zurückliegen.

Talente aus Fernost gehören längst zum Erscheinungsbild jeder größeren Kompanie - so sehr, dass Jean-Christophe Maillot, der Chef der Ballets de Monte Carlo, warnt: "Das Ballett hat weniger Probleme mit Diversität als mit Distinktion. Alles wird gleich und gleicher, der Stil wie das Profil der Truppen."

Das stimmt insofern, als grandiose All-black-Teams wie Arthur Mitchells Dance Theatre of Harlem verschwunden sind. Das Ensemble produzierte dezidiert schwarze Ballettkunst, bis es 2004 finanziell in Schwierigkeiten kam. Unlängst revitalisiert, ist es nur noch ein Schatten seiner selbst.

Zur SZ-Startseite