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Diversität im Tanz:Schwarzer Schwanensee

Szene aus Dada Masilos "Schwanensee" am Joyce Theater in New York im Februar 2016.

(Foto: AFP)

Weibliche Choreografen wie Dada Masilo und farbige Ballerinen wie Misty Copeland sind im Tanz noch immer in der Minderheit. Doch das ändert sich langsam.

Neulich hat Hollywood angerufen. Ob Misty Copeland, Promi-Ballerina des American Ballet Theatre (ABT), die Hauptrolle im "Nussknacker" der Disney-Studios übernehmen möchte. Dass eine namhafte Tänzerin als Leinwandkönigin taugt, weiß die Welt, seit Moira Shearer 1948 in dem Ballettfilm "Die roten Schuhe" in die titelgebende Fußbekleidung schlüpfte. Aber Shearer war hellhäutig und entsprach perfekt dem Ballett-Ideal.

Misty Copeland ist dunkel und afroamerikanischer Herkunft. Sie fällt aus dem Apartheids-Schema, das den klassischen Tanz lange prägte. Selbst in den USA kam es selten zur Kohabitation von Schwarzen und Weißen im Corps de ballet.

Deshalb wird Misty Copeland als Pionierin gefeiert, seit sie 2015 vom Time Magazine unter die 100 einflussreichsten Menschen gelistet und wenig später von ihrem Arbeitgeber zur Top-Tänzerin - "Principal Dancer" - befördert wurde.

Binnen Jahresfrist ist die 34-Jährige zur Celebrity geworden, zum Maskottchen der New Yorker Kulturszene, zum Idol der schwarzen Gettojugend. Ihr Aufstieg gilt als politisches Signal und künstlerischer Durchbruch: Schluss mit dem weiß besetzten "Schwanensee"!

Im Foyer des Berliner Ellington Hotels sitzt Dada Masilo - zart, klein, mit rasiertem Kopf. Sie ist in der Stadt, um eine Arbeit ihres südafrikanischen Landsmannes William Kentridge zu zeigen.

Die Afroamerikanerin Misty Copeland schlachtet für die Karriere auch ihre Biografie aus

Ausnahmsweise, denn eigentlich inszeniert und choreografiert die Tänzerin selbst. Eine auf Attacke gebürstete "Carmen", ein furioser "Swan Lake" gehen auf ihr Konto, in New York bringt sie im Herbst "Giselle" heraus, den romantischen Klassiker schlechthin.

Die Technik dafür hat sie auf der Tanzakademie von Anne Teresa De Keersmaeker in Brüssel gelernt. So ausgebildet, hätte sie bei einer großen Kompanie anheuern können. Sie winkt ab: "Hierarchien sind nichts für mich. Ich will kreativ sein und eigene Stücke machen."

Copeland ist keineswegs die erste farbige Starsolistin

Dada Masilo vertritt in doppelter Hinsicht eine Minderheit: Sie ist Choreografin, und sie ist schwarz. Beides sind Ausnahmen in der internationalen Ballettszene, die über Fragen der Diversität inzwischen heftig diskutiert.

Dada Masilo teilt die Euphorie über Misty Copelands Versetzung an die Spitze des ABT nur in Maßen: "Wird das eine Öffnung bewirken? Werden andere folgen? Oder ist es eher das öffentlichkeitswirksame Ergebnis guter PR und ein Kniff, um ein anderes Publikum anzuziehen?"

Berechtigte Skepsis, denn Copeland ist keineswegs die erste farbige Starsolistin. Nur haben ihre Vorgängerinnen weder einen Hype entfesselt noch die Besetzungspolitik verändert. Stattdessen stehen schwarze Tänzerinnen, die heute in den Rang der "Principal Dancer" aufrücken, im Verdacht, nur dank eines Minderheitenbonus zu punkten.

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