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Dissidenten:Hochsicherheitstrakt

Oksana Schalygina ist Chefredakteurin der Zeitschrift Politiceskaja Propaganda, die sie zusammen mit Pjotr Pawlenski herausgibt.

Der russische Aktionskünstler Pjotr Pawlenski sitzt in Haft und wurde misshandelt. Die SZ konnte mit seiner Lebensgefährtin Oksana Schalygina sprechen.

Interview von Tim Neshitov

Der russische Aktionskünstler Pjotr Pawlenski steht in Moskau vor Gericht, weil er im vergangenen November die Eingangstür der Geheimdienstzentrale FSB anzündete. In einem zweiten Verfahren wurde Pawlenski vergangene Woche zu einem Jahr und vier Monaten Haft verurteilt, muss aber diese Strafe wegen Verjährung nicht absitzen. Es ging dabei um seine Aktion "Freiheit" im Februar 2014, bei der er im Zentrum Sankt Petersburgs mit brennenden Reifen die Atmosphäre des Maidan heraufbeschwor. Der ersten Anklage wegen bleibt Pawlenski aber in Untersuchungshaft. Seine Lebensgefährtin Oksana Schalygina wird an diesem Mittwoch in Oslo in seinem Namen den Vaclav Havel Prize for Creative Dissent entgegennehmen.

SZ: Können Sie Pjotr im Gefängnis besuchen?

Oksana Schalygina: Nein, wir sehen uns nur im Gerichtssaal. Er sitzt immer in diesem Käfig, in dem die Angeklagten verwahrt werden. Ich gehe hinüber, wenn sie ihn hereinführen, und manchmal können wir ein bisschen sprechen., bevor die Richter kommen. Die Wärter zischen uns an, aber wir ignorieren sie.

Vergangene Woche wurde er auf dem Weg vom Gericht ins Gefängnis von mehreren Beamten zusammengeschlagen. Wie geht es ihm?

Es waren acht Leute, die auf ihn einschlugen. Zuerst auf die Leber. Eine Rippe ist wohl gebrochen, ein Knie tut ihm weh. Aber er ist tapfer, vor allem im Gerichtssaal, vor den Kameras, und er lächelt dann. Ich sehe nur, dass er sich anders bewegt als sonst. Eine Gefängnisärztin hat ihn untersucht und als gesund eingestuft. Sie hat ihm Schmerztabletten gegeben. Wir versuchen, die Beamten, die ihn schlugen, zu verklagen.

Sie haben auf Facebook einen kleinen karierten Zettel gepostet, in dem Pjotr Ihnen von seinen Verletzungen erzählt. Er schreibt: "Jeder Atemzug tut weh."

Er konnte mir den Zettel im Gericht übergeben. Telefonieren dürfen wir nicht mehr. Sonst schreiben wir uns Briefe, aber Briefe werden zensiert.

Wie werden sie zensiert?

Nach Schlagwörtern. "Innenministerium", "FSB", "Revolution", "Regime", das sind vor allem die Sachen, die auf dem Index stehen. Einige Wörter werden geschwärzt, einige Briefe kommen einfach nicht an.

"Putin" steht nicht auf dem Index?

Über Putin schreiben wir uns nicht. Als Person ist er uninteressant, nicht der Unterhaltung wert.

Wissen Sie, wie es in Pjotrs Zelle aussieht?

Er sitzt in einem Hochsicherheitstrakt des Untersuchungsgefängnisses Medwed ("Bär"), wo sonst Angehörige der Mafia und Wiederholungstäter sitzen.

Einzelhaft?

Nein, es sind noch zwei andere mit ihm in der Zelle, zwei große Schwindler. Aber er kommt mit ihnen klar. Sie respektieren ihn.

Sie haben zwei Töchter, fünf und acht Jahre alt. Wie geht es ihnen?

Gut. Wir sind vorübergehend nach Moskau gezogen (aus Sankt Petersburg - Red.), damit ich in die Gerichtssitzungen gehen kann. Für Petja (Koseform von Pjotr - Red.) ist es sehr wichtig, dass ich dabei bin. Die Kinder versuche ich so zu erziehen, dass sie freie Menschen sind. Sie lesen viel, zeichnen, machen Thaiboxen.

Was lesen sie?

Gedichte von Majakowski. Erzählungen von Schalamow.

Ihre ältere Tochter haben Sie nicht eingeschult. Bleibt es dabei?

Klar. In Schulen werden keine freien Menschen erzogen, sondern Sklaven des Systems. Denken wird nicht unterrichtet. Kinder tragen Uniform und lernen Disziplin. Mal sehen, ob da auch noch was Juristisches auf uns zukommt, von wegen Verletzung der Schulpflicht.

Wie bringen Sie Ihren Töchtern das Denken bei?

Sie essen zum Beispiel wie wir kein Fleisch. Früher, als wir bei Pjotrs Mutter gewohnt haben, hat die Oma den Kindern heimlich Fleisch gegeben, weil sie das ernährungstechnisch für wichtig hält. Sie kamen auf den Geschmack und wollten, dass auch wir ihnen Fleisch kauften. Wir sagten: Gut, lasst uns zum Geflügelmarkt fahren, ein lebendiges Huhn kaufen, ihr tötet es und esst es. Sie haben es sich mit dem Fleisch dann anders überlegt.

Pjotr und Sie führen eine freie Ehe.

Ja, und wir erzählen uns alles. Wir lügen uns nicht an. Als ich einmal nicht Wort gehalten habe, habe ich mir den kleinen Finger abgehackt. Mit einem Beil. Pjotr akzeptierte das, und das Vertrauensverhältnis war wiederhergestellt.

Die Tür der FSB-Zentrale, die Pawlenski angezündet hat, ist laut Anklage wertvoll, weil dahinter während der Stalin-Herrschaft "hervorragende Staatsmänner und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Heerführer, Wissenschaftler und Kulturschaffende inhaftiert waren". Der Staatsanwalt muss wie ein schlechter Clown ausgesehen haben, als er das vorlesen musste.

Es gehört zu Petjas Kunst, dass er möglichst viele Menschen in sie verwickelt. Bei dem Prozess um die verbrannten Autoreifen ließ er Prostituierte als Zeugen auftreten. Er hat sich als Künstler gefunden. Vor zehn Jahren, als wir uns kennengelernt haben, war das noch anders. Dieses Regime hat ihn zum Künstler gemacht.

© SZ vom 23.05.2016
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