Disney: Neue Micky Maus Die Maus rastet aus

Disney gibt seiner berühmtesten Figur Micky Maus ein neues Image: weg vom langweiligen Streber, hin zum biestigen Helden.

Von Alex Rühle

Man weiß gar nicht, wem man mehr gratulieren soll, dem Disney-Konzern oder der kleinen Maus, die in die charakterliche Wildnis entlassen wird: Micky Maus darf ab sofort böse sein. Anscheinend merkt der Konzern, dass die Figur, gerade weil sie ein so tadelloses Image hat, mittlerweile ein massives Problem wegen dieses Images hat. Die Maus gilt vielen als langweiliger Streber, zumindest in den USA werden immer weniger Mäuse-Werbeartikel verkauft, und so beginnt Disney hinter den Kulissen damit, sein berühmtestes Aushängeschild vorsichtig neu zu erfinden. Den Anfang macht das Videospiel "Epic Mickey", das ab kommendem Jahr verkauft wird. In dem Spiel bewegt sich Micky durch eine kaputte Comicwelt, bevölkert von längst vergessenen und deshalb verbitterten Figuren aus der Geschichte des Disney-Konzerns. Als Spieler kann man selbst entscheiden, ob sich Micky dabei edelmütig wie eh und je verhält, oder ob er verschlagen und abgefeimt vorgeht.

Aus die Maus - so glücklich naiv wird Micky Maus womöglich nie wieder strahlen.

(Foto: Foto: ap)

Warren Spector, der die Spielfigur miterfand, sagt, er habe Micky "zumindest die Chance geben wollen, böse zu sein". Spector und seine Mitarbeiter geben der Maus damit auch die Chance, endlich wieder so zu sein, wie sie ursprünglich war: wild, ja zuweilen geradezu anarchisch. In "Steamboat Willie", dem Film, der die Figur 1928 bekannt machte, gleicht Micky eher einem Rabauken als dem makellosen Helden späterer Jahre. Als Matrose eines Mississippi-Dampfers knutscht er im Dienst mit Minnie herum, widersetzt sich den Weisungen des Kapitäns und kämpft mit derart schmutzigen Tricks, dass eine 30-Sekunden-Sequenz, in der Micky eine Katze an deren Schwanz herumschleudert und eine Gans als Dudelsack benutzt, aus vielen Kopien herausgeschnitten wurde.

Eigentlich wurde Micky der Erfolg seiner ersten Filme zum Verhängnis: Besorgte Elternverbände überzogen Disney mit Briefen, in denen sie die Vorbildfunktion der Maus betonten. Ub Iwerks, der Zeichner, der die erste Maus für Disney skizzierte, sagte Jahre später, er habe ursprünglich ein anziehendes Wesen schaffen wollen, "das eine ähnliche Wehmut wie Charlie Chaplin ausstrahlte, ein kleiner Bursche, der versuchte, das Beste zu geben." Von einer so ambivalenten Figur wie Chaplins Tramp entfernte sich Micky mit jedem Jahr mehr. Seine Zeichner zogen ihm bald die kurzen Hosen der ersten Filme aus und kleideten ihn in gebügelte Anzüge, immer zahmer wurden die Streiche, immer weicher die Linien. So sah Micky spätestens Ende der vierziger Jahre aus wie ein gediegener Junggeselle. Donald Duck, der so menschliche Großmeister des Scheiterns, hatte ihm da längst den Rang als beliebteste Figur des Disney-Universums abgelaufen. Micky wurde zur Plüschfigur, zum Grüßaugust in den Vergnügungsparks - und zur Hassfigur für die Disney-Zeichner. Animator Ward Kimball sagte einmal entnervt, Micky sei "die einzige Figur in unserer Besetzung, die nicht glaubhaft wirkt". Kein Wunder, dass die Filme Mitte der fünfziger Jahre eingestellt wurden - wer derart brav ist, erlebt nichts Erzählenswertes.

Dass Micky nun just in der Woche aus seinem engen Korsett entlassen wird, in der Disney die Erlaubnis für den Bau eines Themenparks in Shanghai bekam, dürfte kein Zufall sein. Schließlich erhofft sich der Konzern ein Riesengeschäft in China, und gerade die jüngere Generation kann man mit einer politisch korrekten Maus sicherlich weniger begeistern als mit einem wenigstens potentiell biestigen Helden.

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Micky Maus wird 75