bedeckt München 20°

Diskussion:Schöne neue Welt

Titelholzschnitt zu dem Buch "Utopia", 1516

Wie sieht die ideale Gesellschaft aus? Thomas Morus entwarf sie bereits 1516 in seinem Werk "Utopia". In Augsburg diskutieren Autoren, wie sie heute die Gesellschaft formen.

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Passend zum Thema "Utopie" beim Augsburger Hohen Friedensfest treffen diesmal zehn Autoren drei Tage lang zusammen, und sprechen über Literatur und Engagement

Schriftsteller werden Expertendiskussionen gerne vorausgeschickt, weil sie ja im Allgemeinen als Experten für das Leben gesehen werden und sich damit die Hoffnung verbindet, sie mögen das jeweilige Thema sozusagen lebensweltlich grundieren, gerne in biografisch inspirierter, anekdotischer Form", schrieb Jonas Lüscher in der Neuen Züricher Zeitung Ende 2017. Jonas Lüscher ist einer dieser Experten, sicher ein beliebter. Der mehrfach ausgezeichnete Schweizer Autor ist kein Schriftsteller im Elfenbeinturm; er befasst sich in seinen belletristischen Texten und Essays mit gesellschaftsrelevanten Fragen. Nun ist Lüscher von Sonntag bis Dienstag in die Hauptstadt Schwabens eingeladen zu einer neuen, sehr spannend zusammengesetzten Diskussionsrunde: den "1. Augsburger Gesprächen zu Literatur und Engagement", die zum Kulturprogramm des Augsburger Hohen Friedensfestes gehören. Passenderweise lautet hier das Titelthema "Utopie".

Insgesamt zehn Autoren kommen zu dem Forum, das die Germanistikprofessorin Stephanie Waldow (Universität Augsburg), der Schriftsteller Thomas von Steinaecker und der Autor und Theaterleiter Sebastian Seidel initiiert haben, darunter Sharon Otoo, Clemens Meyer, Felicitas Hoppe und Friedrich-Christian Delius. "Wir arbeiten mit einem erweiterten Autorenbegriff", sagt Seidel. Deshalb ist nicht nur die Belletristik vertreten, sondern auch Songwriter durch die Rapperin Ebow, Dramatiker durch Alexander Eisenach oder Filmautoren durch Nina Grosse. Verschiedene Generationen und verschiedene Blickwinkel kämen so zusammen, sagt Seidel. Und mit dieser Mischung sollen die Literaturgespräche ausloten, wie Schreiben und gesellschaftliches Engagement zusammengehören.

Eine Besonderheit ist dabei, dass es nicht nur ein zweistündiges Podium gibt und sich dann die Diskutanten wieder an ihre Schaffensorte zurückziehen. In Augsburg haben die Literaten von Sonntag bis Dienstag Zeit, sich mit den Meinungen der Kollegen auseinanderzusetzen und ihr eigenes Schreiben zu reflektieren. Dies geschieht nur zum Teil in öffentlichen Debatten (Monatg, 20 Uhr und Dienstag, 10.30 Uhr). Teilweise bleiben die Autoren auch unter sich und teilweise sind sie in anderen Zusammenhängen beim Friedensfest-Kulturprogramm zu sehen: Ebow etwa mit einem kurzen Konzert im Annahof (Mo., 16.30 Uhr), Clemens Meyer mit einer Lesung auf dem Stadtmarkt (Mo., 17 Uhr) und Nina Grosse mit einer Filmvorführung in der Kresslesmühle (Mo., 17.30 Uhr). Die Literaturgespräche sollen so in die Stadt hinein wirken, sagt Seidel. Eben so, wie Literatur in die Gesellschaft hinein wirkt.

Was es mit dieser Wirkung auf sich hat, ist nun Teil der Reflexion: Ist jemand Schriftsteller geworden, um sich zu engagieren wie beispielsweise Sharon Otoo? Oder hat jemand begonnen zu schreiben und spürt nun die gesellschaftliche Auswirkung wie Thomas von Steinaecker? Welche Motivation und welche Strategie verbindet ein Autor mit seiner Arbeit? Und wie radikal oder zurückhaltend lässt sich Engagement denken?

Denn ohne Engagement, so sagt Seidel, ist Literatur in der heutigen Zeit nicht möglich. Doch der Weg, eine Partei zu unterstützen wie beispielsweise damals Günter Grass, ist nicht mehr üblich. Vielleicht, sagt Seidel, entsteht in Augsburg auch eine neue Idee. "Ich glaube, dass man die Früchte, die daraus entstehen, noch gar nicht sehen kann." In jedem Fall werden sie inspiriert sein von Utopie-Vorstellungen. Clemens Meyer hat hierfür schon etwas formuliert: "Gebt mir ein U, gebt mir ein T, gebt mir ein O ...".

1. Augsburger Gespräche zu Literatur und Engagement, Montag u. Dienstag, 23. u. 24. Juli, verschiedene Orte, Eintritt frei

© SZ vom 20.07.2018
Zur SZ-Startseite