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Diskriminierung und Vorurteile:Kluft zwischen Tolerierten und Tolerierenden

Amerika gilt als Labor der gesellschaftlichen Umwälzungen. Egal ob Gleichberechtigung, Digitalisierung oder Selbstoptimierung, Amerika ist dem Rest der Welt in der Regel immer noch ein paar Schritte voraus. Die Dynamik hat sich beschleunigt. Toleranz ist in Amerika als gesellschaftliche Norm längst etabliert. Natürlich fallen einem unzählige Fälle ein, in denen diese Norm nicht greift. Doch Diskriminierung und Hass sind der Sonderfall.

Amerika unterscheidet sich von Europa in einem entscheidenden Punkt. Amerika war immer Einwanderungsland und musste deswegen immer wieder aufs Neue einen gesellschaftlichen Konsens finden. Der beruhte nie auf Größen wie Heimat oder Volk. Der Konsens beruhte auf der Verfassung, auf der gemeinsamen Geschichte und der oft so trügerischen Hoffnung, in diesem Land werde man mit Fleiß und Talent sein Glück finden. Doch gerade in den Städten hat man gelernt, sich auf "die anderen" einzustellen, Wege zu finden, friedlich mit ihnen zusammenzuleben.

Jede neue Welle der Einwanderung brachte ja neue Kulturen ins Land - auf die Einwanderer aus dem katholischen Europa folgen die Einwanderer aus dem jüdischen Europa, darauf die aus Lateinamerika, aus der Karibik, aus Asien, aus Afrika. Eines war allen gemeinsam - spätestens mit der zweiten Generation waren sie nicht mehr "die anderen". Sie waren Amerikaner.

In Deutschland gab es nie den Zwang zum Konsens

Europa funktioniert anders und Deutschland unterscheidet sich wiederum von den meisten Ländern Europas. In den ehemaligen Kolonialmächten waren "die anderen" meist Menschen aus den Besitzungen in Übersee. In Deutschland waren es immer wieder Wellen der Wirtschaftswanderung. Doch wer immer auch kam - sie blieben "die anderen", selbst wenn sie einen Pass bekamen. Deutschland und Europa waren jedenfalls nie gezwungen, einen Konsens mit ihnen zu finden. Es reichte schon - die Toleranz.

Und so zieht sich durch jede Toleranzgesellschaft eine Kluft zwischen den Tolerierten und Tolerierenden. Da bleibt eine Frage der Macht und mit ihr das Moment der Demütigung. Es gab Versuche einer Konsensfindung, in den Sechziger- und Siebzigerjahren vor allem, nach amerikanischem Vorbild. Dann kam der Marsch durch die Institutionen, die einstmals Progressiven, die Grünen, die Kämpfer und Rebellen kamen an die Macht. Nach ihrem Aufstieg verbreitete sich fast unbemerkt ein Überdruss. Der Konsens wurde als Diktat empfunden, als "politisch korrekt", als freudlos und mürrisch. War man denn nicht das Land, das den Faschismus verjagt, die Umwelt gerettet, die Arbeiter ermächtigt und den Frieden gewollt hat? Was sollten die Empfindlichkeiten? Bald schon waren die untergründigen Vorurteile wieder vordergründig und gar Pop. Im Fernsehland Deutschland pflegten Harald Schmidt die fremdenfeindliche Ironie und Thomas Gottschalk den Sexismus mit Handkuss.

Toleranz wird durch Respekt ersetzt

Die historisch größten Stacheln der Intoleranz, Rassismus und Antisemitismus halten sich aber hartnäckig im Unterbewusstsein so vieler. Das hat zwei Gründe. Zum einen ist da das Selbstverständnis, in einem Land zu leben, das die Intoleranz in jeder nur erdenklichen Form so lange und redlich bekämpft hat. Zum anderen gab es eben nie den gesellschaftlichen Druck, sich mit "den anderen" wirklich zu arrangieren. Die Machtverhältnisse blieben.

Jedes Pendel gesellschaftlicher Entwicklungen wechselt immer wieder seine Richtung. Nach der Rehabilitierung der Vorurteile im Überdruss der politischen Korrektheit setzt sich gerade in der jungen Generation eine neue Selbstverständlichkeit durch, die Toleranz durch Respekt ersetzt. An der ältesten und immer noch vordersten Front der Bürgerrechtskämpfe, beim Ringen um die Gleichberechtigung der Frau, sieht man das am deutlichsten. Als sich in den sozialen Netzen unter dem Hashtag #aufschrei scheinbar eine ganze Generation gegen den oft so kumpelhaften Alltagssexismus in Stellung brachte, waren es keineswegs nur Frauen, die da ins digitale Feld zogen. Es war ganz klar - Feminismus ist keine Frauensache. Denn gesellschaftliche Missstände betreffen alle.

Doch wie steht es nun wirklich um Toleranz und Gleichberechtigung in diesem Land? SZ.de und Süddeutsche Zeitung haben sich eine Woche lang diesem Thema gewidmet - im Rahmen des Projekts Die Recherche. Analysen, Interviews, Reportagen, Videos und Grafiken haben sich mit Themen wie dem Alltagsrassismus, der Ausländerfeindlichkeit, dem Verhältnis der Gesellschaft zum Islam, ihren Umgang mit Homosexualität und der Inklusion von Menschen mit Behinderung beschäftigt. Die wichtigsten Beiträge finden Sie in diesem Dossier.

Die Recherche zu Toleranz

"Vielfalt und Vorurteile: Wie tolerant ist Deutschland?" - Diese Frage hat unsere Leser in der siebten Abstimmungsrunde unseres Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Das folgende Dossier soll sie beantworten.

  • Schwules Priesterpaar Der Herr Pfarrer und sein Mann

    Alexander Brodt-Zabka und Jörg Zabka sind schwul, miteinander verheiratet - und arbeiten beide als Pfarrer. Die Toleranz der evangelischen Kirche hat das gehörig auf die Probe gestellt.

  • Teaser Toleranz Kampf um die Tribünen

    Neonazis recken die Fäuste in die Luft, in den Kurven echauffiert sich die Masse: "Was für ein schwuler Pass!" Wochenende für Wochenende erlebt der Fußball Rassismus und Homophobie. Warum ist das Problem so schwer in den Griff zu bekommen? Eine Spurensuche in der Münchner Arena.

  • - Was hinter 78 antimuslimischen Vorfällen steckt

    Die Regierung, die Medien, die muslimischen Verbände: Wenn es um das Thema Islamfeindlichkeit geht, wird immer wieder eine Zahl zitiert. 78. Doch was ist in diesen Fällen eigentlich passiert? SZ.de hat nachgefragt.

  • Konvertitin Toleranz-Recherche Muslima mit Mütze

    Seit sich Claudia Jansen vor drei Jahren entschied, Muslima zu werden, hat sie ein Problem: In der Arbeit darf sie nur Mütze tragen - die Schulleitung will es so. Dabei ist das Kopftuch für die Konvertitin aus München ein Stück Freiheit.

  • Behinderung Toleranz-Recherche "Wo will der Rollstuhl denn raus?"

    Muss ich einen Blinden vom Bahnsteigrand wegziehen? Hilft es, einem Stotternden die Worte in den Mund zu legen? Und kann ich Behinderte behindert nennen? Betroffene erklären Nichtbetroffenen, wie sie Situationen vermeiden, die für beide Seiten peinlich sind.

  • "Wehe, du bist nicht auf Arbeit"

    Ist eine tolerante Gesellschaft gut für das Wirtschaftswachstum? Wenn ja - warum ist dann die Wirtschaft selbst so intolerant? Ein Gespräch mit dem Wirtschaftsphilosophen Wolf Dieter Enkelmann über Toleranz, Wirtschaft, Konformitätszwang - und die Leibeigenschaft der Corporate Identity.

  • Straftatbestand: Liebe

    Kann ein Urteil, das vor 50 Jahren gesetzeskonform war, heute falsch sein? Deutschland machte Heinz W. zum Straftäter, weil er schwul ist. Mit ihm fordern Zehntausende Homosexuelle, dass die Urteile aufgehoben werden. Doch die Politik lässt sich Zeit - Zeit, die den Betroffenen fehlt.

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    Geschlecht ist immer eindeutig und Intersexualität eine Krankheit: Es gibt viele Vorurteile gegenüber Menschen, die nicht dem klassischen Mann-Frau-Schema entsprechen. SZ.de widerlegt die fünf häufigsten.

  • Düstere Aussichten

    Etwa die Hälfte der Deutschen meint, in Deutschland gebe es zu viele Ausländer. Was wäre, wenn es weniger wären? Oder sagen wir: gar keine? Ein Szenario gegen Stammtischparolen.

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    Wer Mohammad, Phuong oder Dhakiya heißt, bekommt die Frage "Wo kommst du her?" dauernd zu hören. Warum sich darin Rassismus versteckt und welche Erfahrungen unsere Leser mit noch schlimmeren Sätzen gemacht haben.

  • Die Macht der Toleranten

    In unserer Toleranzgesellschaft herrscht ein gewisser Überdruss der politischen Korrektheit. Trotzdem stecken die Stacheln von Rassismus und Antisemitismus fest im Unterbewusstsein. Denn in Deutschland ist Toleranz auch eine Form der Demütigung.

© SZ.de/sebi/cat
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