Billig-Baukultur:"Hehr und leer"

Im Spot wird eine Stadt gezeigt, die nicht beliebig ist: Es ist die Stadt. Ein Ort der Tristesse, eine karge, depressiv verstimmende Betonwüste, die nach Maßgabe der Baumarkt-Farbskala nur den Bereich zwischen Mausgrau, Steingrau und Schiefergrau kennt; in der es nur Schachtelhäuser gibt - und Wohnregale.

Müsste man den Clip in Begriffe übersetzen, es käme exakt das heraus, was auch in der öffentlichen Debatte um Architektur und Städtebau immer wieder aufscheint, ob in Foren oder auf den Leserbriefseiten, anlässlich der zunehmenden Projekt-Beteiligungsverfahren oder - am anderen Ende des bürgerlich-demokratischen Engagements - am Stammtisch.

Ernst Bloch nannte die Architektur der Moderne, um die es letztlich auch Hornbach geht, "reisefertig". Alexander Mitscherlich nannte die Städte als Stätten dieser Reisefertigkeit "unwirtlich". Tom Wolfe nannte es "grell und hell und hehr und leer", während Martin Mosebach zuletzt von "Monstrosität und Lächerlichkeit" schrieb. Kein Wunder, dass Harald Martenstein schon vor Jahren auf die glossenhafte Idee gekommen ist, das "Architekturverbrechen" ins Bürgerliche Gesetzbuch einzuführen. Das Leiden am Raum ist schon längst Allgemeingut.

Nur lässt es sich nicht lindern mit der individuellen Neigung zur Schönheit. Im Gegenteil: Hätte die Hornbach-Kampagne, die interessanterweise auch die zeitgeistige Welle der "Kultur der Reparatur" (Wolfgang Heckel) reitet, Erfolg, so führte das direkt in die Hölle.

Die Welt wird durch den Baumarkt nicht schöner (weil individueller oder gar menschlicher) - sondern tatsächlich nur noch hässlicher. Unsere Städte sind nicht (nur) deshalb so grausam, weil sie von unfähigen Stadtplanern und ignoranten Architekten ruiniert werden - sondern, in weit größerem Maßstab, weil wir unseren Alltag nach Maßgabe der Billigkeit und Pflegeleichtigkeit und Wegwerfbarkeit der Baumärkte ruinieren. Das gilt, denn "man kommt der Architektur nicht aus" (Adolf Loos), für den öffentlichen wie für den privaten Raum. Siehe Efeuoptik.

Gemein machen ohne Gemeinsinn

Was den Städten fehlt, das sind nicht die individuell blauen Dachziegel aus dem Baumarkt, mit denen man meint, etwas Besonderes zu sein - doch um den Preis, sich ohne Gemeinsinn gemein zu machen mit all den anderen Individualisten. Was fehlt, sind nicht die schäbigen Carport-Missverständnisse (die mit Walmdach-Aufpreis noch gruseliger sind als ohne). Was fehlt, ist die Erkenntnis, dass die Schönheit der Stadt eben nicht im Auge des Betrachters liegt, sondern einer kulturell-gesellschaftlichen Absprache entspricht.

Schönheit ist daher dort, wo der Baumarkt nicht ist. Man muss sich die absurd klobigen, menschenfeindlichen, renditefreundlichen Behältnisse der armselig gekleideten, sich lediglich farblich schreiend prostituierenden Hochregallager inmitten unserer Städte nur ansehen, um zu begreifen, dass von dort keine Rettung zu erwarten ist.

Genau das ist das Paradoxon, das besagtem Spot zugrunde liegt: Wir akzeptieren diesen Wahnsinn und frequentieren die Baumärkte in Deutschland an den Wochenenden millionenfach - einfach, weil sie uns etwas Billiges bieten: Discountbaukultur jeder Unart. Billig sind die Märkte aber auch deshalb, weil sie auf Qualität verzichten. Man weiß es, das ist ja der Deal. Billig ist: eine tote Fassade. Billig ist: maßstabslos. Billig ist: gut erreichbar über breiige Straßen. Billig ist: umgeben von einer Parkplatzsteppe. Mach was gegen Hässlich. Verdammt gute Idee.

© SZ vom 11.04.2014/pak
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB