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Disco, House und Krautjazzfuturismus:Dreimal so viel Bar-Umsatz

Mathias Modica in seinem Kreuzberger Studio.

(Foto: David Bornscheuer/OH)

Der Produzent, Labelbetreiber und Musikfinder Mathias Modica zeigt mit seinem neuen Album, dass Berlin so viel mehr ist als Techno.

Von Jan Kedves

Irgendwie hat er's mit Kondomen. Früher war Mathias Modica Betreiber des Münchner Plattenlabels Gomma, und wer einigermaßen italophil ist, weiß natürlich, dass in Italien das Präservativ umgangssprachlich so genannt wird. Auf Gomma erschien eine Zeit lang, so von 2001 bis 2006, mit die aufregendste Musik für Clubgänger und Auskenner: "Anti NY", "Teutonik Disaster", WhoMadeWho. Der Gomma-Sound ließ sich nie festlegen, außer dass er superhip war und immer tanzbar. Acid-Disco-Punk, Proto-Rap, wen kümmern schon die Namen von Genres? Seit einigen Jahren nun ruht Gomma, und Modica lebt in Berlin, wo er mit zwei neuen Labels die Fährte in unterschiedliche Richtungen weiterverfolgt. Wieder mit Kondom. Als Produzent nennt er sich jetzt nämlich Kapote, so wie die französische "capote", nur mit K wie Kapuze. Da grinst Modica.

Ein bisschen Spaß muss eben sein, vor allem in der häufig viel zu ernsten Technostadt Berlin. "Die Stadt erstickt in ihrem Technoklischee, im Positiven wie im Negativen", sagt Modica im Kreuzberger Kellerstudio, und sein Blick lässt keinen Zweifel daran, dass für ihn das Negative überwiegt. Das heißt: Um ins Berghain oder ins Sisyphos zu gehen und drei Tage ohne Schlaf durchzustampfen, dafür ist er schon mal nicht in die Stadt gezogen. Warum dann? Eigentlich lief es in München doch bestens.

Er und sein Studiopartner Jonas Imbery - zusammen nannten sie sich Munk - arbeiteten in einem kleinen Studio in einem Eckladen im Glockenbachviertel, Adresse: "GommaStudio Craxi P2, Monaco, Bavariae". Die Gesangskabine war in die quadratmeterkleine Toilette eingebaut, wo sich zum Beispiel die Regisseurin Asia Argento für Gesangsbeiträge hineinquetschte ("Live Fast! Die Old!") oder Leute mit Namen wie Palermo King & The Limonaden Hasen. Auch James Murphy, der Chef von LCD Soundsystem aus New York, sang für Munk, oder man sollte besser sagen: Nie schrie er sich schöner die Kehle wund als 2004 in ihrem Track "Kick Out The Chairs". Ja, die Welt blickte auf dieses Label mit Studio in München.

Und sie schaut nun wieder auf Modica in Berlin. Denn nach der Trennung von Jonas Imbery hat er hier wieder einen Lauf, als Produzent, als Betreiber der Labels Toy Tonics und Kryptox, und vor allem: als staunender, begeisterter Musikfinder. "Im ersten Jahr hier war ich umgeblasen davon, wie viele geile Typen ich kennengelernt habe, die mit Techno nichts zu tun haben!", schwärmt er. Diese Typen spielten in Jazz-Läden in Neukölln die schrägste, befreiendste Musik, die er seit Langem gehört hatte. "Im Donau 115 denke ich: Kann doch nicht wahr sein, die sind alle unter 25, tragen Balenciaga-Kappen, und der Typ vorne spielt ein Solo, vier Minuten lang!" Oder im Sowieso: "Härtestes Neukölln, und da spielen japanische Free-Jazzer oder Typen aus L. A. oder Melbourne, und ich bin immer der Älteste!" Sagt der reifende Hipster mit ungefähr Mitte 40.

Das heißt: "Meine Aufgabe ist, das abzubilden!" Dies tut Modica nun mit der von ihm zusammengestellten Kompilation "Kraut Jazz Futurism". Englische Fachmedien wie Mojo oder Wire sind schon hellauf begeistert. 16 komplexe, tiefschichtige Stücke von Musikern und Bands, die in Berlin arbeiten und "von Krautrock, Afrobeat, Jazz und Electronica" inspiriert sind - so steht es auf dem Cover, denn: Ganz ohne Erklärungen geht es ja doch nie. Da ist etwa "J Schleia" vom Andromeda Mega Express Orchestra, eine himmlische, elfeinhalbminütige Bigband-Jazz-Extravaganza, die gleichermaßen mathematisch wie funky um sich selbst herum stolpert. Oder der verschleppt-triphoppige "Acrasian Beat" von Sissi Rada. Die griechische Harfenistin arbeitet in Berlin mit Electronica und vertrackter Harmonik und wird 2020 auf dem Kryptox-Label ein ganzes Album veröffentlichen, teils produziert von Brian Eno.

Ob "Kraut Jazz Futurism" nun wirklich eine Szene abbildet in dem Sinne, dass die versammelten Musikerinnen und Musiker noch mehr verbindet als der Fakt, dass sie sich in Berlin noch vergleichsweise günstige Proberäume und Studios leisten können? Darüber könnte man debattieren. "Es ist eine Szene, die ich sehe - andere noch nicht. Wie auch immer. Subjektive Sache", sagt Modica. Wobei die Kunst des Kompilators schon immer darin bestand, Zusammenhänge nicht nur zu erkennen, sondern auch zu behaupten. "Kraut Jazz Futurism" ist auf jeden Fall ein erfrischendes Statement, ein anderer Blick auf Berlin. Und weil der anspielungsreiche Dreiklang im Titel auch genug Offenheit lässt, passt sogar der kühle Chillwave-Pop von einer Band wie Oracles ("That Was I") mit hinein.

Die Offenheit ist Modica wichtig. Man könnte sogar sagen, sie ist bei ihm biografisch angelegt. Er wuchs zwar mit klassischer Musik auf - sein Vater war Professor für Musiktheorie und Kirchenmusik an der Münchner Musikhochschule und jahrelang deren Rektor. Er selbst spielte als Kind natürlich Klavier, "sechs Stunden am Tag", klassisch. Später kam der Jazz, wobei Mathias mit 16, als er gerade Förderpreisträger der Jazzwoche Burghausen geworden war, dann doch lieber Punk-Sänger sein wollte, mit Dreadlocks. Später wurde er DJ, Produzent, auch Veranstalter und Betreiber einiger Bars. Das ganze Programm des Vollzeit-Musiknerds.

So einer blickt eher nach vorne als zurück, weswegen Modica in Bezug auf "Kraut Jazz Futurism" sagt: "Es geht nicht um den alten Jazz. Es geht nicht um die Jungs, die am Berklee College oder in Weimar studieren und so schnell spielen können wie Charlie Parker 1955. Das interessiert niemanden, dafür hatten wir schon Charlie Parker." Und er sagt, dass er Probleme mit elektronischer Musik habe, wenn deren Produzenten sich gar keine Mühe machten, die Optionen ihrer Instrumente zumindest einmal zu erkunden: "Da läuft dann vier Stunden lang ostinat ein Grundton durch, an einem Synthesizer, bei dem achtstimmige Polyphonie möglich ist!"

Damit wäre man dann wieder zurück in Berlin und in dessen ernster Technofeierwelt. Die mischt Modica gerade auch auf, als Impresario seines Toy-Tonics-Labels. Das gründete er 2012 zunächst als Gomma-Schwester, er verfolgt mit ihm die Traditionen von Disco und House. Dies waren ja schon immer die melodischeren, verspielteren, letztlich spaßigeren Tanzmusiken. Toy-Tonics-Künstler wie das Münchener DJ-Duo Coeo oder die Phenomenal Handclap Band sind in den vergangenen Jahren zu Stars in den Clubs geworden. Er selbst veröffentlichte 2019 auf dem Label unter seinem Kapote-Hut das Album "What It Is" mit dem hübsch überdrehten Disco-Hit "Delirio Italiano". Es ist ein Sound, zu dem man sich gleich mit vielen Gin Tonics zuprosten und im Rhythmus der Beats mit den Eiswürfeln klirren möchte.

Das scheint das Publikum auf der Tanzfläche offensichtlich auch fleißig zu tun, denn wenn Toy Tonics zu "Jams" ruft, dann kommt das Barpersonal kaum mehr hinterher. "Die Leute fragen uns: Verrückt, zum einen lachen bei euch alle, und zum anderen saufen die so viel - was ist denn da los?" Modica hat als Nachtlebenprofi und Gelegenheitsgastronom natürlich die Erklärung: "Wenn Disco und House läuft, machst du dreimal soviel Bar-Umsatz wie bei Techno."

© SZ vom 27.12.2019

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