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Dirigentenauftakt:Betont herzhaft

Alan Gilbert und sein NDR Elbphilharmonie Orchester, hier beim Saisonauftakt, kennen sich schon lange, vertrauen sich und wollen sich kräftemäßig wie auch programmatisch viel zumuten.

(Foto: Peter Hundert/NDR)

Alan Gilbert absolviert sein Antrittskonzert beim NDR Elbphilharmonie Orchester mit Brahms, Bernstein, Varèse und Unsuk Chin.

Wer der Hamburger Elbphilharmonie längere Zeit fern geblieben ist, darf sich beim neuerlichen Besuch wieder hinreißen lassen - von der himmelwärts kühnen Architektur dieses Bauwerks im Hafenviertel, vom terrassenförmig geschwungenen Konzertsaal mit seiner enorm direkten, scharfen, heiklen Klangpräsenz. Zu erleben jetzt beim Antrittskonzert von Alan Gilbert als Chefdirigent beim einstigen NDR-Symphonieorchester, das jetzt die Elbphilharmonie sogar in seinem Namen verankert hat. Gilbert profitiert davon, dass der 2017 eröffnete Kulturtempel sozusagen Patina und eine fast beruhigende Besuchernormalität ansetzen konnte.

Die wohlhabende Hansestadt hat sich zwar den Magnet Elbphilharmonie sündteuer erwirtschaftet und profitiert von dessen permanenter Zugkraft, nur, ihre klassiktreues Musikpublikum muss seit jeher damit leben, dass die Stadt weder München oder Berlin noch Wien oder London heißt, dass sie also nie einen Klangkörper der Weltklasse besaß. Aber das Symphonieorchester des Norddeutschen Rundfunks, einst von Größen wie Günter Wand oder Christoph von Dohnanyi geführt, zuletzt von Thomas Hengelbrock, kann jetzt doch unverbrauchten künstlerischen Ehrgeiz und Mut zeigen.

Die Elbphilharmonie-Musiker spielten beim Antrittskonzert ihres neuen künstlerischen Leiters tatsächlich auf hohem spieltechnischen und klangästhetischen Niveau - entlang eines mit Tradition und Moderne gesättigten, von Johannes Brahms über Leonard Bernstein bis hin zu Edgard Varèse reichenden Konzertprogramms, das sowohl die Energien des Orchesters als auch die Fantasie des Dirigenten offen legte. Alan Gilberts Vorzug dabei: Er war bis 2015 Erster Gastdirigent des Orchesters, er und die Musiker vertrauen einander, was heißt: Sie wollen sich kräftemäßig wie auch programmatisch viel zumuten.

In den Schlusstakten der Brahms-Sinfonie dröhnte der Saal bereits in Lautstärken, als füllte ihn schon die krachende Symphonik von Edgard Varèses monströser Avantgarde-Dichtung "Amériques".

Schon jetzt darf man die Wahl des Amerikaners mit japanischen Wurzeln für das Orchester und für Hamburg, wo just ein amerikanischer Japaner, Kent Nagano, das Opernhaus musikalisch leitet, bei aller Vorsicht als glücklich einschätzen. Alan Gilbert, Jahrgang 1967, Sohn einer Geigerin und eines Geigers des New York Philharmonic Orchestra, gehört heute zu den erfahrensten Dirigenten der mittleren Generation, er ist ein gern gesehener Gast an den Pulten der großen Orchester in Europa, in den USA, in Asien. Und Gilbert, selbst als Geiger ausgebildet, war immerhin acht Jahre lang Chefdirigent bei den Philharmonikern in New York, wo sein ehrliches Musikertum Anerkennung fand.

Seine Hamburger Opening Night, wie die Leitung der Elbphilharmonie leicht pathetisch Gilberts mit zwei Pausen prunkendes Eröffnungskonzert als neuer Chefdirigent des Orchesters nannte, hätte ambitionierter, farbiger, auch inhaltsreicher kaum ausfallen können. Der Abend begann mit einer großen Verbeugung vor dem Hamburger Komponisten Johannes Brahms, mit dessen erster Symphonie als dem Bekenntnis zur klassisch-romantischen Tradition, mit der alle Orchester ihr symphonisches Selbstbewusstsein darlegen.

Alan Gilbert und seine Musiker schufen eine klar durchgeformte sowie spannungsgeladene Aufführung, die gerade im rhythmisch so aufgewühlten Übergang zum Finalsatz mit seiner sich entwickelnden Choralhaftigkeit sehr überzeugte. Beim Hauptthema des Allegro non troppo ma con brio, häufig zu hastig genommen, gelang Gilbert und den Musikern genau die Balance von lyrischer Eindringlichkeit und leicht drängender Impulsivität. Und in den Schlusstakten dröhnte der Saal bereits in Lautstärken, als füllte ihn schon die krachende Symphonik von Edgard Varèses monströser Avantgarde-Dichtung "Amériques".

Alan Gilbert verkörpert nicht den Stardirigentenüberflieger, er will den Musikern nahe bleiben.

Einst Assistent bei Christoph von Dohnanys Cleveland Orchestra, möchte sich Alan Gilbert keinesfalls, so erklärte er, als der Typus "amerikanischer Dirigent" präsentiert sehen. Aber was er nach der Brahms-Symphonie dirigierte, war nun doch sein feuriges Bekenntnis speziell zu Amerikas Moderne. Vor dem Bernstein-Ives-Varèse-Ablauf jedoch erst mal die Uraufführung von "Frontispiece" für Orchester der Koreanerin Unsuk Chin, der einstigen Hamburger Schülerin des Komponisten György Ligeti. Was Chin in nur sieben Minuten artistisch an rhythmischen Überraschungen, klangfarblichen Finessen und - kaum erkennbar - virtuosen Zitatgesten zwischen Bach, Bruckner, Strauss und Strawinsky anbot, meisterte das Orchester und sein Dirigent mit vehementer Spielfreude.

Die erste Symphonie "Jeremiah" des blutjungen Leonard Bernstein ist symbolhaftes Klangbild der Zerstörung des Tempels in Jerusalem. Gilbert dirigierte die Eingebungen aus hebräischer Tradition mit ganzem Mitempfinden - eine Musik der Verzweiflung über Zerstörung und Glaubenskrisen, ein Klagegesang im dritten Satz (Mezzosopran: Rinat Shaham). Charles Ives mystisches Poeme "The Unanswered Question" wurde zur Einübung in "Amériques" des in den USA beheimateten Franzosen Edgard Varèse: eine Orchesterkunst mit Peitschen, Trommeln, Sirenen - ein verstörender Klangstrom, ästhetische Detonationen.

Alan Gilbert verkörpert nicht den Stardirigentenüberflieger, er will den Musikern nahe bleiben. So spielt er die Bratsche in Brahms' Streichsextetten beim folgenden Konzertfestival. Dem markigen Motto "Klingt nach Gilbert", womit die Elbphilharmonie das Festival schmückt, hat er gleich mit Missfallen quittiert. "Klingt nach uns", das hätte ihm besser gefallen. Gilberts Gestus: Am Ende, beim stürmischen Applaus, grüßt er Musiker und Publikum betont herzhaft - mit einem Glas Bier in der Hand.