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Dirigent:Holt Daniel Harding!

(Foto: Astrid Ackermann)

Von Reinhard J. Brembeck

Auch als Musikkritiker darf man heimliche Wünsche haben. Einer wäre, dass der Dirigent Daniel Harding Nachfolger des vor sieben Monaten gestorbenen Mariss Jansons bei den Sinfonikern des Bayerischen Rundfunks würde. Die Gründe dafür lieferte Harding jetzt beim ersten Post-Shutdown-Konzert des Orchesters im Münchner Herkulessaal. Harding, Jahrgang 1975, hat früh schon Simon Rattle und Claudio Abbado beeindruckt. Er ist kein Romantiker, kein Pultstar, kein Virtuose, kein Espressivo-Musikant. Sondern ein musizierender Dirigent. Der schlanke jungenhafte Mann formt die Musik mit seinem ganzen Körper, seine Hände tanzen die Vielschichtigkeit, die Energie sitzt gebündelt in ihm. Da ist Magie mit Nüchternheit gepaart. Harding ist der Erbe von Nikolaus Harnoncourt und Pierre Boulez, der beiden wichtigsten Dirigenten der letzten 40 Jahre. Aber anders als diese Genies drängt er dem Hörer seine Überzeugungen und analytischen Einsichten nie auf. Wenn am Ende der "Metamorphosen" von Richard Strauss, einer Aus-Ruinen-Auferstehung für Streicher, die Marcia funebre aus der "Eroica" von Ludwig van Beethoven zitiert wird, dann hebt Harding das nicht hervor, sondern belässt es organisch im siebenstimmigen Fluss dieser zwischen Betroffenheit, Resignation und Weitermachlust changierenden Musik. Der Trauermarsch, passend zur Jetztzeit, verweist zurück auf die allein von den BR-Bläsern gespielten ersten drei Stücke. Als Auftakt erklingt das kaum bekannte "Russian Funeral" des Pazifisten Benjamin Britten, ein Protest mitten im Spanischen Bürgerkrieg, basierend auf einem russischen Revolutionslied. Nicht weniger ungewöhnlich und grandios gespielt die beiden Himmelssignale, eines begrüßt den Tag, das andere die Nacht, von Toru Takemitsu, die zwei Canzonen des Venezianers Giovanni Gabrieli einrahmen. Harding fremdelt nie. Ganz egal, ob er Karlheinz Stockhausen, Wolfgang Rihm, Wolfgang Mozart oder ein so raffiniert ausgetüfteltes Programm wie jetzt dirigiert: Immer lässt er die Musik wie selbstverständlich und vollkommen logisch dahinströmen. Das macht Daniel Harding zum Ausnahmedirigenten.

© SZ vom 04.07.2020

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