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"Sweep It Into Space" von Dinosaur Jr.:Männinnen an Gitarrinnen

Dinosaur Jr.

Frauen ehrenhalber: "Dinosaur Jr." machen Lärm im Dienst der emotionalen Unsicherheit.

(Foto: Cara Totman)

Wir ernennen "Dinosaur Jr." zu Frauen ehrenhalber. Denn auch mit ihrem neuen Album retten sie mal wieder den Rock.

Von Juliane Liebert

Rock 'n' Roll ist, wenn lüsterne Männer mit flinken Fingern an den Hälsen ihrer vor dem Schritt baumelnden Gitarren rumfummeln. Das sollte dringend verboten werden. Macht nur keiner. Drum gilt's, ein Zeichen zu setzen: Wir schreiben ab sofort nur noch über Gitarristinnen. Da Dinosaur Jr. aber eine der wunderbarsten Bands der vergangenen vierzig Jahre sind und die Männin Kurt Cobain sie liebte, muss eine Lösung gefunden werden, um guten Gewissens über sie schreiben zu können. Im Dilemma sind beherzte Entscheidungen gefragt. Auf, auf! Wir ernennen die drei Juniordinosaurier zu Frauen ehrenhalber.

Die Auszeichnung ist schon deshalb verdient, weil Donna Dresch, lesbische Gründerin und Namenspatronin der rauesten und zärtlichsten aller Riot-Grrrl-Bands, nämlich Team Dresch, für kurze Zeit Lou Barlow am Bass ersetzt hat. Vor allem aber haben Dinosaur Jr. nie Rock 'n' Roll gespielt. Jedenfalls nicht im oben beschriebenen Sinn. Ihr Geschenk an die Menschheit sind vom Lärm verklärte Sehnsuchtshymnen.

Die Verstärker mögen glühen, die Distortion-Effektpedale auf Anschlag geregelt sein, und doch ist selbst die Rückkopplung am Anfang ihres frühen Songs "Sludgefeast" melodisch. Dann klagt die Zerrgitarre wütend in kleiner Terz, bis die Drums losbrechen. Was folgt, ist ein energiegeladenes Instrumental-Intro. Schrammelgroove, loudnessmaximiertes Lead-Dudeln. Schon Rock, zugegeben. Aber einer von scheppernder Unschuld. Und nach etwas mehr als einer Minute wechselt der Rhythmus, beginnt sich die Musik zu wiegen, in ungelenker Grazie und ganz schutzlos, wie ein bittendes Kind. Das gesamte Krachinstrumentarium steht im Dienst der emotionalen Unsicherheit, dem Hadern, das zur Aufrichtigkeit durchdringen will.

Die Dinosaurier verbinden Empfindsamkeit mit Trost

In diesem Moment setzt J Mascis' Gesang ein, mit einfachen Worten: "I'm waiting, please come by / I've got the guts now / To meet your eye". Und was das für eine Stimme ist! Immer knapp neben der Spur intoniert, in den oberen Registern. Entschlossen und doch irgendwie brüchig, beinahe ein Jammern, aber nur beinahe, weil frei von Sentimentalität. "Sludgefeast" stammt vom 1987er-Album "You're Living All Over Me", der ersten der drei LPs (zusammen mit "Bug", 1988, und "Green Mind", 1991), mit denen die Band aus Massachusetts dem Rock alles schlüpfrige Gehampel austrieb, ihn mit seinen eigenen Erfolgsformeln besiegte, entmannte und damit rettete.

Nirvana taten dasselbe auf der Stadionbühne. Aber ihre Musik war bei allem Witz düster. Ein Blick in den Abgrund am Rande der Welt. Auch wenn diese Lieder bis heute widerständig gegen die Kitschmonster der Vermarktung bleiben, wurde ihre Mutter, Kurt Cobain, vom Ruhm gefressen. Die Dinosaurier dagegen (das "Jr." wurde nach einer Rechtsstreitigkeit zugefügt) verbanden immer Empfindsamkeit mit tiefem Trost. Als würde das Wissen darum, dass am Ende eh das Aussterben steht, vor der Verzweiflung schützen. So zumindest blickt das Mädchen auf dem ikonisch gewordenen Cover von "Green Mind" - einer Schwarz-Weiß-Fotografie von Joseph Szabo aus dem Jahr 1969.

Ein Kind noch, das Kinn leicht vorgereckt, um die brennende Zigarette im Mund zu halten. Die langen, dunklen Haare vom Meereswind bewegt, der Strand hinter ihr versinkt in Unschärfe. Ihre Hände an den Hüften wie ein Cowboy, schaut sie stolz in die Ferne, diagonal am Betrachter vorbei ins Jenseits des Bildes. Verletzlich und unbesiegt. In den dreißig Jahren seit Erscheinen dieses Albums haben Dinosaur Jr. nicht mehr viel an ihrem Sound verändert. Mussten sie auch nicht. Weil es eh nicht darauf ankommt, neu zu klingen. Sondern körperlich und beseelt.

Das gelingt auch auf "Sweep it into Space" (Jagjaguwar) wieder, so viel ist schon nach ein paar Takten klar. "I ain't gettin' along / Can't quite face it / Wish you'd bring me home" lauten die ersten Zeilen. Hilfsbedürftigkeit ist eben die eigentliche Conditio humana, und wenn ein - pardon: eine langhaarige Gitarrenmusikerin das auch nicht vergessen hat, nachdem sie Pop-Geschichte geschrieben hat, kann man sich ihren Songs blind anvertrauen. Vielleicht spürt's J Mascis selbst und schöpft daraus die Kraft für ein zu einhundert Prozent wirksames musikalisches Vakzin gegen Resignation wie "Garden": "The center's holding / And can't be broken" - Was soll da noch passieren?

Die Aufnahmen sind vielleicht ein bisschen brillanter als in der Kreidezeit von Dinosaur Jr., aber das macht nichts. So lebendig wie die drei Frauen h. c. aus Amherst müssen andere Bands in Zeiten allverfügbarer Studiotechnik erst mal klingen. Als einziger Gast ist Kurt Vile zu hören, leider nur "halb", weil seine Mitarbeit coronabedingt unterbrochen werden musste. Wegen Covid-19, diesem miesen Verräter, erscheint das Album auch verspätet. Sei's drum, jetzt ist es da. Und es ist gut.

Was bleibt zu sagen? Ach ja, eine Königinnendisziplin J Mascis' wurde noch nicht angemessen gewürdigt: das Gitarrensolo. Die Leserinnen schreien schockiert auf. Völlig zu Recht ist das Gitarrensolo doch die tongewordene toxische Maskulinität. Aber hier eben nicht, obwohl mit Hingabe soliert wird. Woran liegt das? J Mascis spielt keine Highspeed-Frivolitäten. Trillert doch mal was, klingt es, wie seine Stimme, leicht verrutscht. Stattdessen singt die Fender Jazzmaster sustainreich, zerspringt manchmal in knisterndes magnetisches Pfeifen oder gleitet ins harmonische Feedback hinüber. Sie ist Bitte, Klage, Jauchzen und ein Stolpern zu den Sternen.

© SZ/biaz
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