Digitalisierung Eine Gesellschaft der Nutzer bringt eine radikale Individualisierung mit sich

Die Optimierung des Lebens für jeden einzelnen Nutzer ist zunächst einmal eine großartige Sache. Sie ist auf die je eigenen Bedürfnisse zugeschnitten, sie erscheint menschenfreundlich und freiheitlich. Der Algorithmus weiß, welches Buch einen interessieren, welches Auto man brauchen und in welchen Menschen man sich verlieben könnte. Die Nutzeroptimierung gilt nicht nur im Netz. Sie gilt für das Dienstleistungsgewerbe, die Genforschung, die Reproduktionsmedizin, etwa, wenn ein Paar mitbestimmt, ob es ein krankes oder gesundes Kind bekommen will. Es entsteht eine Gesellschaft der Nutzer.

Das bringt eine radikale Individualisierung mit sich. Im Fokus der Aufmerksamkeit stehen die Bedürfnisse und Möglichkeiten des Einzelnen; sie gilt es zu befriedigen, die Möglichkeiten zu nutzen und auszuweiten. Jeder allgemeine Maßstab, jeder übergreifende Anspruch steht im Verdacht, dem Nutzer im Weg zu stehen, Instrument der Unfreiheit zu sein. Diese Bereiche des Ungeregelten befördern das Nutzdenken: Was eine Neuerung dem Käufer, Ratsuchenden, Interessenten bringt, ist offenbar, alle Fragen darüber hinaus werden zweitrangig.

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Künstliche Intelligenz

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Der Preis aber ist hoch: Der optimierte Nutzer beherrscht dieses System weniger, als dass es ihn beherrscht. Er ist ein berechenbar gewordener Datenlieferant. Der Abweichler fällt aus dem System, wenn er krank ist oder arm zum Beispiel, wenn er nicht mehr nutzt und sein Nutzerverhalten zu wünschen übrig lässt, wenn seine Kundenprofile oder Bonitätsdaten ins Negative drehen; leise und nach außen hin gewaltfrei geschieht es: Irgendwann ist der Account gesperrt. Ohne ein ethisches Gegenüber, das Maßstäbe und Grenzen setzt, das verlangsamt und den Zweifel sät, gehört das Netz, gehören die rasanten Entwicklungen den Starken, den Leistungsfähigen, denen, die es sich leisten können; stehen die Einzel- und Gruppenegoismen über dem Gemeinwohl.

Die Situation erinnert in manchem ans Zeitalter der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Auch da entwickelten sich in einer für damalige Verhältnisse unfassbar kurzen Zeit neue Techniken und neue Lebensformen und warfen erst einmal die geltenden ethischen Standards über den Haufen: Bauern zogen in die Stadt und wurden ausgebeutete Proletarier, Unternehmer kämpften rücksichtslos um ihren Platz auf dem Markt und um ihr Monopol. In harten und langen Auseinandersetzungen zwischen Gewerkschaften, Arbeitgebern, dem Staat entstand aber ein neues Regelwerk, das sich um 1850 herum niemand hätte vorstellen können. Warum sollte das jetzt nicht auch gelingen?

Traditionelle Wertelieferanten wie Kirchen und Parteien sind geschwächt

Die Lage ist also nicht hoffnungslos, wohl aber schwierig. Die traditionellen Wertelieferanten sind geschwächt und verunsichert: Kirchen, Gewerkschaften, Parteien. Nach und nach erst entdecken Politiker, Philosophen und Theologen, dass auch das Netz eine Ethik, Theologie und Philosophie braucht. Es müssen neue Wege gefunden werden zwischen einem Rigorismus, wie ihn zum Beispiel offiziell die katholische Kirche in Fragen der Bioethik vertritt, und einem Laissez-faire, das sich aller Bewertungen enthält. Die Ethik im Zeitalter des beschleunigten Fortschritts dürfte viel stärker als heute eine Ethik sein, die erstritten werden muss: Was sind die unverhandelbaren Rechte des Menschen, worin liegt seine unantastbare Würde? Soll, kann das überhaupt immer wieder neu ausgehandelt werden?

Ein paar Maßstäbe gibt es schon: Dem Menschenrecht und der Menschenwürde dient, was universell den Menschen nützt, nicht nur dem einen gegen den anderen, nicht nur diesem Unternehmen oder jener Interessensgruppe; was sich an den Schwachen und Schutzbedürftigen orientiert. Der Menschenwürde dient, was das Recht des Menschen auf Unvollkommenheit garantiert, auf seine Fehler und Macken. Wer die vollkommene Welt verspricht, landet nämlich wirklich beim Algorithmus, der diese wimmelnde Unschärfe namens Mensch abschafft.

Die Welt 4.0 menschlicher zu machen, heißt auch: schneller Maßstäbe zu finden, für das, was da jede Woche an neuen Möglichkeiten auftaucht. Den Abstand zu verkürzen zwischen den schnellen Innovationen und den Debatten, wie diese klug zu regeln sind. Dazu muss die Debatte früh aus den Ethikräten und Fachkreisen geholt werden, in die breite Öffentlichkeit und zum Gesetzgeber. Die Vision, wie wir leben wollen, ist noch lange nicht an ihrem Ende.

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