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Digitalisierung:Daten werden zu einem geologischen Faktor

Die Soziologin Deborah Lupton bemerkte in einem lehrreichen Blogeintrag ( "Swimming or drowning in the data ocean? Thoughts on the metaphors of big data"): "Wenn wir digitale Daten und die Systeme, die sie produzieren, als komplexe lebende Organismen konzeptualisieren, erscheinen sie liebevoller, als Teil einer 'guten Natur', aber gleichsam als potenziell wild und nicht bremsbar, die außer Kontrolle geraten könnten." Datenberg klingt wesentlich netter als Recyclinghof für Datenschrott. Es nährt die Illusion, man könne diese Berge in der Zukunft irgendwann abtragen. Dabei sind Daten ja ein unerschöpflicher Rohstoff - der Raubbau an personenbezogenen Daten geht munter weiter. Ist die Naturalisierung von Big Data also Ausdruck von Gedankenlosigkeit oder eine gezielte Vernebelungsaktion, Data Mining als lukratives Betätigungsfeld erscheinen zu lassen? Eine narrative Mythenbildung, um mit digitalen Kontrollregimen die wilde Natur der Daten zu zähmen?

So etwas klingt schnell konspirativ, doch die Folge des holistischen Weltbilds ist, dass irgendwie alles miteinander vernetzt ist und es keine klaren Zuständigkeiten und Verantwortbarkeit gibt. Der dräuende "Datentsunami", der von der Industrie als apokalyptisches Katastrophenszenario an die Wand gemalt wird, weil dessen Bewältigung beziehungsweise Prävention ein einträgliches Geschäftsmodell ist, erlaubt es, ein von ihr selbst induziertes Phänomen auf eine diffuse Systemumwelt abzuwälzen.

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Der Nächste bitte

Big Data in der Medizin funktioniert nicht

Ob Grippevorhersage von Google oder die Krebsdiagnose durch ein Computerprogramm: Algorithmen in der Gesundheitsversorgung haben bislang hauptsächlich Pannen produziert.

In einer Welt künstlicher Umgebungsintelligenzen, wo man im Smart Home per Sprachzuruf das Badewannenwasser einlässt und den Kühlschrank füllt, scheint man ohnehin einen unscharfen Begriff von innen und außen, von Natürlichkeit und Künstlichkeit zu haben. Je mehr man die sozialen Praktiken des Sprachkommandos internalisiert, desto natürlicher erscheinen die synthetischen Sounds des virtuellen Assistenten aus dem Netzwerk-Lautsprecher, und desto artifizieller natürliche Geräuschkulissen. Es soll Leute geben, die das künstliche Vogelgezwitscher aus dem Wecker-Automaten mit dem natürlichen Vorbild verwechseln. Die Folge ist, dass man die Natur zunehmend in ihrer Datenförmigkeit wahrnimmt - als digitale Repräsentationen oder Zwillinge, was freilich paradox ist, weil das Leben analog ist. Die Emergenz von Computern kehrt diese Logik jedoch dialektisch um: Was keine Daten erzeugt, ist tote Materie.

Gleichzeitig hinterlassen auch Internet-Architekturen einen ökologischen Fußabdruck: riesige Rechenzentren, die in der Prärie implantiert werden oder Treibhausgase, die bei jedem Klick im Netz emittiert werden. Der Emissionscharakter ist ja ein doppelter: Zum einen sind es die CO₂-Emissionen, die durch den Betrieb von Rechenzentren freigesetzt werden. Zum anderen die Datenemissionen, die bei der Raffinierung von Daten entstehen und als eine Art Fallout an die Umwelt abgegeben werden (und diese durch Datenlecks wieder belasten). Im Datapozän werden Daten zu einem gewichtigen geologischen Faktor. Allein, nicht Datenmeere sind das Problem, sondern die sich auch durch die Datenproduktion erwärmenden Ozeane. Es braucht daher neben einer nachhaltigen Datenproduktion auch ein anderes, rationaleres Sprechen über Digitalisierung. Eine Datenumgebung, die zur Natur erwächst, lässt sich nicht mehr einhegen.

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