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Digitalisierung:In Twitter-Gewittern und Datenstürmen

Gewitter

Irreführende Naturmetaphorik: Datenstürme und Twitter-Gewitter

(Foto: dpa)
  • Naturmetaphern prägen die Art, wie in den Medien über Digitalisierung gesprochen wird.
  • Das suggeriert, Daten wären eine unbeherrschbare Naturgewalt.
  • Eine rationalere Sprache wäre notwendig, um das eigentliche Problem von Big Data zu lösen: den klimatischen Fußabdruck.

Von Adrian Lobe

Wenn man Meldungen rund um das Thema Digitalisierung liest, könnte man meinen, eine unheilvolle und gleichsam unaufhaltsame Naturgewalt breche sich gerade Bahn. "So überstehen Sie den drohenden Datensturm", wirbt etwa der Festplattenhersteller Seagate Technology. Das Industrie-Portal "Industr.com" weiß zu berichten, dass das Internet der Dinge zu einem "Daten-Tsunami" führt. Und das österreichische Portal "Schlaglichter" hat in der Datenschutzgrundverordnung ein "Daten-Tsunami-Monster" erblickt. In gefühlt jedem dritten Bericht über "Big Data" türmen sich "Datenberge". Zwischen den hitzigen Debatten entladen sich "Twitter-Gewitter". Und in den Tälern der Ahnungslosigkeit stauen sich "Datenseen", in deren Flut man zu ertrinken drohe oder wertvolle Daten bergen könne.

Die englische Autorin und Forscherin Sue Thomas schreibt in ihrem lesenswerten Buch "Technobiophilia: Nature and Cyberspace" von 2013, dass der Cyberspace schon immer mit Naturmetaphern und Begrifflichkeiten aus der Biosphäre assoziiert war. Als Beispiele nennt sie den "Bug" (Insekt), (Daten-)Wolken, (Computer-)Maus, Ströme, Schwärme, Viren, Würmer. Dieser Holismus, man möchte fast schon sagen: Animismus, war der Gegenkultur gewissermaßen in die DNA eingeschrieben. Stewart Brand, der Gründer des "Whole Earth Catalog", auf dessen Cover eine Weltkugel prangte und das schon im Titel den ganzheitlichen Ansatz betonte, versuchte die Kybernetik mit organischen Gärten zu versöhnen. Die Informationstheorie modellierte die Welt als ein System aus Kommunikation und Kontrolle. Ein DNA-Strang lässt sich demnach genauso wie ein Personal Computer als Informationssystem beschreiben. Kevin Kelly, der Mitgründer des Technik-Magazins Wired, sagte einmal: "Das Web riecht nach Leben."

Letztlich bedeutet das Sprechen von Datenbergen einen Rückfall in den Mystizismus

Seit den Anfangstagen des Internets, argumentiert Thomas in ihrem Buch, hätte man "ein aus der physischen Natur abgeleitetes Sensorium" entwickelt, mit dem man die Erfahrungen im virtuellen Raum interpretieren würde. Wenn man das Internet als Landschaft darstellen müsste, käme eine Topografie mit Hügeln und Tälern dabei heraus. "Tatsächlich haben einige der ureigenen Geräusche des Internets Naturgefühle in unseren Herzen und Köpfen ausgelöst, wie der größtenteils vergessene Sound des Modems, der elektronische Song, der sich mit jeder Einwahlprozess in die virtuelle Welt ankündigte." So wie die Natur im Wald kann man auch das Grundrauschen des Internets "hören" und mit seinen Sinnesorganen wahrnehmen. Technobiophilie nennt Thomas dieses Phänomen: die "Tendenz, sich auf Lebens- und lebensähnliche Prozesse zu fokussieren, die in der Technologie auftauchen".

Es gibt ja seit Längerem eine Diskussion, ob das Internet einen Bioorganismus darstellt und dereinst ein Bewusstsein entwickeln könnte. Der Mathematiker Nils Aall Barricelli versuchte schon in den Fünfzigerjahren, Evolutionsmodelle auf Computern zu simulieren. Doch es geht viel weniger um die Funktionalität dieses Ökosystems als vielmehr um das Sprechen darüber. Die nebulösen Rhetoriken von "Datenwolken" und "Datenbergen" suggerieren, es handele sich bei dem Phänomen Big Data um eine natürliche Topografie, eine urwüchsige Kraft, die in Gestalt einer gottgegebenen Ordnung daherkommt. Die Allmacht von Big Data wird mystifiziert, der Glaube an Zahlen, mit denen sich das irdische Dasein im Voraus berechnen lässt, trägt quasireligiöse Züge. Dabei ist es ja, um mit Ludwig Feuerbach zu sprechen, der Mensch und kein Automatismus, der diese Datenlandschaften als eine Art Imaginär erschafft.

Gewiss, der Mensch hatte kulturgeschichtlich schon immer eine Tendenz, Dinge zu anthropomorphisieren oder zu naturalisieren. Um das "Neuland" Internet gedanklich zu erschließen, sucht man nach vertrauten Analogien und Bildern. Nun wäre der - angesichts der Naturkatastrophe etwas degoutante - Begriff des "Datentsunami" nicht das erste schiefe Bild der Netzkultur. Doch das Fatale an der Naturmetaphorik ist, dass sie ein Bild von einer "natürlichen", sprich unabänderlichen Entwicklung zeichnet, als sei der Mensch gar nicht mehr die treibende Kraft, sondern der Getriebene, als gehorche die Datenproduktion Naturgesetzlichkeiten. Wenn der Datensturm über die Gesellschaft hereinbricht, dann ist das eben keine menschliche Fehlleistung, sondern die Laune einer datenförmigen Natur, die man schnell als Zeichen einer außerweltlichen Instanz deuten kann. Nach dem Motto: Das war eben der Furor technicus, der diejenigen ereilt, die sich nicht mit entsprechenden Schutzvorkehrungen und Frühwarnsystemen wappnen. Letztlich bedeutet dies einen Rückfall in den Mystizismus.

Daten werden zu einem geologischen Faktor

Die Soziologin Deborah Lupton bemerkte in einem lehrreichen Blogeintrag ("Swimming or drowning in the data ocean? Thoughts on the metaphors of big data"): "Wenn wir digitale Daten und die Systeme, die sie produzieren, als komplexe lebende Organismen konzeptualisieren, erscheinen sie liebevoller, als Teil einer 'guten Natur', aber gleichsam als potenziell wild und nicht bremsbar, die außer Kontrolle geraten könnten." Datenberg klingt wesentlich netter als Recyclinghof für Datenschrott. Es nährt die Illusion, man könne diese Berge in der Zukunft irgendwann abtragen. Dabei sind Daten ja ein unerschöpflicher Rohstoff - der Raubbau an personenbezogenen Daten geht munter weiter. Ist die Naturalisierung von Big Data also Ausdruck von Gedankenlosigkeit oder eine gezielte Vernebelungsaktion, Data Mining als lukratives Betätigungsfeld erscheinen zu lassen? Eine narrative Mythenbildung, um mit digitalen Kontrollregimen die wilde Natur der Daten zu zähmen?

So etwas klingt schnell konspirativ, doch die Folge des holistischen Weltbilds ist, dass irgendwie alles miteinander vernetzt ist und es keine klaren Zuständigkeiten und Verantwortbarkeit gibt. Der dräuende "Datentsunami", der von der Industrie als apokalyptisches Katastrophenszenario an die Wand gemalt wird, weil dessen Bewältigung beziehungsweise Prävention ein einträgliches Geschäftsmodell ist, erlaubt es, ein von ihr selbst induziertes Phänomen auf eine diffuse Systemumwelt abzuwälzen.

In einer Welt künstlicher Umgebungsintelligenzen, wo man im Smart Home per Sprachzuruf das Badewannenwasser einlässt und den Kühlschrank füllt, scheint man ohnehin einen unscharfen Begriff von innen und außen, von Natürlichkeit und Künstlichkeit zu haben. Je mehr man die sozialen Praktiken des Sprachkommandos internalisiert, desto natürlicher erscheinen die synthetischen Sounds des virtuellen Assistenten aus dem Netzwerk-Lautsprecher, und desto artifizieller natürliche Geräuschkulissen. Es soll Leute geben, die das künstliche Vogelgezwitscher aus dem Wecker-Automaten mit dem natürlichen Vorbild verwechseln. Die Folge ist, dass man die Natur zunehmend in ihrer Datenförmigkeit wahrnimmt - als digitale Repräsentationen oder Zwillinge, was freilich paradox ist, weil das Leben analog ist. Die Emergenz von Computern kehrt diese Logik jedoch dialektisch um: Was keine Daten erzeugt, ist tote Materie.

Gleichzeitig hinterlassen auch Internet-Architekturen einen ökologischen Fußabdruck: riesige Rechenzentren, die in der Prärie implantiert werden oder Treibhausgase, die bei jedem Klick im Netz emittiert werden. Der Emissionscharakter ist ja ein doppelter: Zum einen sind es die CO₂-Emissionen, die durch den Betrieb von Rechenzentren freigesetzt werden. Zum anderen die Datenemissionen, die bei der Raffinierung von Daten entstehen und als eine Art Fallout an die Umwelt abgegeben werden (und diese durch Datenlecks wieder belasten). Im Datapozän werden Daten zu einem gewichtigen geologischen Faktor. Allein, nicht Datenmeere sind das Problem, sondern die sich auch durch die Datenproduktion erwärmenden Ozeane. Es braucht daher neben einer nachhaltigen Datenproduktion auch ein anderes, rationaleres Sprechen über Digitalisierung. Eine Datenumgebung, die zur Natur erwächst, lässt sich nicht mehr einhegen.

© SZ vom 25.01.2019/heka
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