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Digitalisierung:Bildersturm, Faktensturm

Können diese Augen lügen? Steve Buscemis Kopf auf Jennifer Lawrences Körper.

(Foto: Nova PBS Official/Youtube)

Es wird immer leichter, mit der Hilfe von Computerprogrammen Videos täuschend echt zu manipulieren.

Deepfakes. Cheapfakes. An diese beiden Begriffe wird man sich leider gewöhnen müssen. Beide bezeichnen Videoformate, die mithilfe künstlicher Intelligenz verändert wurden. Beide Formate wiederum wirbeln unser Verständnis von der Wahrhaftigkeit realistischer Bewegtbilder auf unheimliche Art durcheinander.

"Deepfakes", ein Wortspiel aus "Deep Learning" und "Fakes", entstehen, wenn man Algorithmen darauf ansetzt, Videobeiträge selber zu erstellen, und zwar so täuschend echt, dass sie wie abgefilmte Realität wirken. Im vorigen Jahr konnte man etwa eine Weihnachtsansprache Barack Obamas sehen, die er nie gehalten hat.

Vor wenigen Tagen machten zwei Sequenzen Furore, in denen einmal Facebooks Mark Zuckerberg erklärt, dass derjenige, "der jetzt die Daten der Menschen besitzt, die Zukunft beherrschen wird". In der anderen gesteht Kim Kardashian im Instagram-Plauderton, dass sie Menschen manipuliert, um reich zu werden. Alles falsch, nie so gesagt, die Videos wurden gemacht, um die neuen Möglichkeiten der Manipulation zu demonstrieren.

Die Entwicklung hin zu immer größerer Perfektion (und noch einfacherer Handhabung) dieser Techniken ist in vollem Gange. Zu Beginn des Monats veröffentlichten Wissenschaftler der Stanford University eine neue Form des algorithmischen Verfeinerns: Man verändert einen geschriebenen Text, an den ein Video mit sprechendem Gesicht gekoppelt ist. Jedes Mal, wenn man den Text bearbeitet, übernimmt der Menschenkopf im Video die Änderungen simultan. Als ob sie gerade gesprochen würden. "Unsere Technologie zieht auch böswillige Akteure an", so Ohad Fried, ein Beteiligter an dieser Arbeit. "Den Ärger wird man verschmerzen können, wenn man bedenkt, welche Kreativität das Verfahren bei der Content-Erstellung ermöglicht."

Befragt nach solchen "Aufhübschungen", erklärte Hany Farid, Professor für Informatik am Dartmouth College und der sogenannte Vater der Bildforensik, der PBS, dem öffentlichen Senderverbund in den USA: "Man muss jetzt gar nicht mehr wissen, wie die Techniken funktionieren, man muss auch nicht mehr programmieren können, um derartige Fakes herzustellen."

Es kursieren auch bereits umgestrickte Szenen, in denen etwa einer der Hauptdarsteller von "Game of Thrones" nun in seiner Rolle erklärt, dass die letzte Staffel der HBO-Serie völlig misslungen sei. Oder der Kopf von Steve Buscemi, der sich auf dem Körper von Jennifer Lawrence artig für einen Preis bedankt, den sie erhalten hat. Reddit verbietet "Deepfakes", seitdem dort "Fake Porn" überhandnahm, also Porno- Videos auftauchten, in denen man die Gesichter der Darsteller durch die von Prominenten ersetzt hatte.

Angesprochen auf die Möglichkeit, dass "malicious deepfakes", also heimtückische Täuschungen, womöglich Wahlen beeinflussen könnten, meint Farid: "Es ist nicht wahrscheinlich, aber auch nicht unmöglich. Es reicht, um mir schlaflose Nächte zu bereiten." Er arbeite gerade daran, wie man "World Leader" vor Deepfakes schützen könne, er nennt Donald Trump und Angela Merkel.

Unterdessen warnt die amerikanische Webseite Slate.com davor, "Cheapfakes", weniger aufwendig hergestellte Video-Täuschungen, zu unterschätzen. Anlass ist ein Video, in dem die Politikerin Nancy Pelosi verwirrt und betrunken wirkte. Hier wurde einfach nur die Ablaufgeschwindigkeit des Originals punktuell verändert. Man sieht klar die Manipulation, aber, so die Slate-Argumentation, auch erkennbare Manipulationen bekräftigen Weltbilder und nützen somit den Täuschern. Man spricht von der "Dividende des Lügners". Wird er entlarvt, antwortet er mit weiterer Desinformation, genauer: Er diskreditiert die Überführung als Fake News.