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Digitaler Lesesaal:Die Österreichische Nationalbibliothek

Schärding O; Desinfektion
(Foto: Österreichische Nationalbibliothek)

In jedem Computer steckt eine Wunderkammer. Wem das frei schweifende Stöbern nicht so liegt, der kann sich auch an die strenge Ordnung der Archive oder die Kataloge der Spezialbibliotheken halten und systematisch suchen. Aber wo auch immer die Reise hingehen soll, ein idealer Ausgangshafen sind die digitalen Lesesäle der großen Bibliotheken. Vor kurzem hat die Österreichische Nationalbibliothek ihr Portal "ÖNB Digital" freigeschaltet, in dem 600 000 Bücher, 220 000 Fotografien, 210 000 Grafiken, 77 000 Postkarten, 30 000 Papyri, 15 000 Handschriften und zahlreiche weitere Objekte abrufbar sind (www.onb.ac.at).

Es ist nicht sehr originell, in diesen Tagen in die Suchmaske das Wort "Corona" einzugeben, aber beeindruckend ist es schon, wie schnell man damit ins Alte Europa und bis nach Ägypten katapultiert wird. Und wenn man schon einen Besuch in Wien macht, dann ist ein Abstecher in den digitalen Zeitungslesesaal "Anno" empfehlenswert. Man kann da, wenn man in die "Erweiterte Suche" geht, eine Zeitleiste wie eine Ziehharmonika zwischen den Jahren 1527 und 2020 auf- und zuziehen und zum Beispiel in den Zeitungen des Jahrgangs herumstöbern, in denen der österreichische Bundeskanzler Kurz geboren wurde, oder sich die Presse der Kriegsjahre zwischen 1914 und 1918 vor Augen führen, der Karl Kraus in seiner Fackel den Kampf ansagte. Vom digitalen Zeitungslesesaal ist es nur wenige Klicks weit bis zu den Historischen Rechts- und Gesetzestexten im Bereich "Alex". Beide Sonderportale, "Anno", wie "Alex", sollen noch in diesem Jahr in "ÖNB digital" integriert werden.

Das ist nicht nur für Wissenschaftler, sondern auch für das allgemeine Publikum eine gute Nachricht. Man braucht keine akademische Vorbildung, um Entdeckungen zu machen, nur Neugier. Um aber auf die Wunderkammern zurückzukommen, diese Orte eines noch nicht spezialisierten Sammelns und Stöberns im alten Europa, so finden sie im digitalen Lesesaal heutiger Universalbibliotheken ein fernes Echo. Wer einen Suchbegriff eingibt, findet nicht nur Bücher und Zeitschriften, sondern auch Notenblätter, Bilder, Fotografien. Man kann auch viel über Seuchen erfahren im digitalen Lesesaal. Anstecken kann man sich dort nicht.

© SZ vom 21.03.2020

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