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Digitale Welt:Achtung: Hose hört mit

Der Soziologe David Lyon beschreibt in seinem neuen Buch, wie eine "Kultur der Überwachung" soziale Praktiken des Spitzelns normalisiert. Die Kleidung und Dinge wie Googles Datenbrille spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Der Alltag ist vernetzt. Autos, Kühlschränke, Türsysteme, sogar smarte Spiegel - immer mehr Gegenstände sind mit dem Internet verbunden. Als wäre dieser Vernetzungsgrad aufgrund der immanenten Gefahren von Cyberangriffen und für die Privatsphäre nicht schon groß genug, kommt jetzt auch noch die smarte Kleidung. Der Modekonzern Tommy Hilfiger hat kürzlich eine neue Modelinie ("Tommy Jeans Xplore") präsentiert, die den Träger ins Netz mitnimmt. Die Textilien und Accessoires der Kollektion, darunter Hoodies, Jeans und Baseball-Caps, sind mit einem Bluetooth-Chip ausgestattet, der die Bewegungen des Trägers verfolgt. Der Mikrochip, der in die Fasern des Stoffes eingewoben ist, erfasst zudem, wie häufig und zu welchen Anlässen das Kleidungsstück getragen wird. Über eine App erhalten Kunden Rabattgutscheine auf ihr Handy. In virtuellen Challenges können die Träger gegeneinander antreten und Punkte sammeln. Wer öfter sein Tommy-Hilfiger-Outfit trägt, wird belohnt. Der Konzern kann über das Internet genau verfolgen, ob die Kundschaft markentreu ihre Mützen trägt.

Michel Foucault hätte an dem Disziplinar- und Kontrollregime einer elektronischen Zwangsjacke seine Freude gehabt. In seinem Werk "Überwachen und Strafen" (1976) schrieb er von einer "politischen Besetzung des Körpers": "Aber der Körper steht auch unmittelbar im Feld des Politischen; die Machtverhältnisse legen ihre Hand auf ihn; sie umkleiden ihn, markieren ihn, dressieren ihn, martern ihn, zwingen ihn zu Arbeiten, verpflichten ihn zu Zeremonien, verlangen von ihm Zeichen. Diese Besetzung des Körpers ist mittels komplexer und wechselseitiger Beziehungen an seine ökonomische Nutzung gebunden; zu einem Gutteil ist der Körper als Produktionskraft von Macht- und Herrschaftsbeziehungen besetzt."

Die Google-Datenbrille floppte. Wer sie trug, wurde aus den Bars in San Francisco hinausgeworfen

Tommy Hilfiger ist nicht der einzige Bekleidungshersteller, der den Markt smarter Textilien erobern will. Konkurrent Levi's hat in Kooperation mit Google unter dem Namen Project Jacquard eine Hightech-Jacke herausgebracht, die als Smartphone-Erweiterung fungieren soll. In das Kleidungsstück sind elektrisch leitende Fasern eingenäht, die auf Touch-Eingaben reagieren wie ein Smartphone-Display. Über einen am Ärmel befestigten Bluetooth-Sender in Form eines Manschettenknopfs werden Wischbewegungen oder Berührungen erkannt und damit Befehle an das Smartphone weitergeleitet. Man kann so Musiktitel wechseln sowie Telefonate annehmen oder ablehnen. Der Preis: 350 Dollar. Die Begeisterung hielt sich allerdings in Grenzen, vielleicht auch, weil die Jacke aufgrund des leitenden Garns lediglich zehn Waschgänge übersteht.

Bei allem, was man liest und hört, ist nicht nur diese Hightech-Jacke ein Ladenhüter. Offenbar gibt es wenige Kunden, die bereit sind, für etwas mehr E-Komfort einen so hohen Preis zu bezahlen. Dasselbe Schicksal könnte Tommy Hilfiger ereilen.

Und auch die Datenbrille Google Glass floppte auf dem Massenmarkt - ihre Träger wurden aus den Bars in San Francisco hinausgeworfen, als "Glassholes" verunglimpft und tätlich angegangen. Selbst im technologieaffinen Silicon Valley gab es Bedenken, vom datenbebrillten Nachbarn an der Theke durchleuchtet zu werden. Das belegt, dass Technologie nicht bedingungslos akzeptiert wird und Privatsphäre keine überholte soziale Konstruktion ist, wie die Post-Privacy-Bewegung behauptet.

Auf der anderen Seite überraschen die Leichtigkeit und Bedenkenlosigkeit, mit denen Datensammelmaschinen in den Alltag integriert werden. Laut einer Untersuchung von Voicebot.ai. haben 47 Millionen US-Bürger einen Smart Speaker wie Amazon Echo oder Google Home zu Hause stehen. Mit einem gegenkulturellen Habitus und einer Ästhetik der Glattheit ist es den Tech-Konzernen gelungen, Überwachungstechnologien als Lifestyle-Produkte zu vermarkten. Wurde Überwachung vor ein paar Jahrzehnten noch als düstere Drohkulisse eines totalitären Staats imaginiert, ist Überwachung zu einer Art popkulturellem Phänomen avanciert, zum Experimentierfeld einer kreativen Szene, die mit "Technologien des Selbst" (Foucault) aus schierer Explorationsfreude Studien am eigenen Körper durchführt (wobei das Wissen mit Konzernen geteilt wird). Wie sonst könnte man erklären, dass sich Menschen freiwillig elektronische Fußfesseln wie Fitnesstracker anlegen? Doch mit Gadgets lassen sich Distinktionsgewinne erzielen. Es ist ein Statement: Seht her, ich kann es mir leisten, auf Privatsphäre zu verzichten!

Der Soziologe David Lyon, der Spiritus Rector der Surveillance Studies, beschreibt in seinem neuen Buch "The Culture of Surveillance: Watching as a Way of Life", wie eine "Kultur der Überwachung" unerwünschte soziale Praktiken des Schnüffelns und Spitzelns domestiziert und normalisiert. Zwar gebe es immer noch "harte" Formen staatlicher Überwachung wie Polizeikontrollen oder Videokameras. Doch werde Überwachung zunehmend "flüssiger" und softer, indem sie immer stärker in den Konsum eingewoben sei. Überwachung, konstatiert der Soziologe, werde zu einem "Way of Life", zu einer "Form des Seins und Sehens".

Lyon sieht die Gesellschaft auf dem Weg von einer panoptischen zu einer performativen Überwachung, an der der Einzelne mitwirkt - eine These, die auch von John Edward McGrath in dessen Buch "Loving Big Brother" vertreten wird. Die digitale Avantgarde findet einen zunehmend spielerischen Umgang mit Überwachung: Man zahlt per Selfie und entsperrt sein iPhone per Fingerabdruck oder Gesichtserkennung - mit diesen anthropometrischen Techniken wurden weiland Kriminelle und Kranke registriert. Und stigmatisiert. Was deutlich macht, wie aus sozialen Exklusionsprozessen Inklusionsverfahren werden. Man ist "in", gehört zu einer Community, wenn man mit dem iPhone X sein Gesicht scannt. Dass die 2001 erstmals ausgestrahlte Reality-TV-Show "Big Brother" ihren Reiz verloren hat und der Container mit Prominenten gefüllt werden muss, um das Interesse der Zuschauer zu wecken, macht deutlich, dass die Situation dauerhafter Beobachtung etwas Alltägliches ist.

Gilt die Freiheit der Kunst auch dann, wenn man Überwachung zur Performance verklärt?

Zum Super Bowl 2012 strahlte Coca-Cola einen Werbespot aus, der Bilder aus Überwachungskameras auf der Welt kompilierte. Unter dem Supertramp-Song "Give a Little Bit" (den Titel kann man programmatisch verstehen, weil man mit Betreten des videoüberwachten öffentlichen Raums einen Teil seiner Privatsphäre abgibt) wurden Alltagsszenen gezeigt, zum Beispiel, wie sich ein Paar auf einer Bank küsst. Es war der Versuch, die "schönen" Seiten der Kamerafeeds zu zeigen, Überwachung zu ästhetisieren. Angesichts der Vielzahl von Kameras und Mikrofonen, die im öffentlichen und privaten Raum installiert sind, gewinnt man den Eindruck, als würde man ständig an einem Filmset stehen, als wäre man Laiendarsteller einer Szene, von der man erst im Nachhinein weiß, ob es sich um Realität, Fiktion oder Hyperrealität handelt. Es scheint, als würden die Rollen im Panoptikum fatal vertauscht: Im Wachturm der ringförmigen Gefängnisanlage ist kein Aufseher, der die Insassen überwacht, sondern ein Selbstdarsteller, das Panoptikum als Bühne.

Man kann darüber streiten, ob es eine "Kultur der Überwachung" geben kann oder ob Überwachung nicht per se eine Unkultur ist, weil sie in ihrer Ubiquität zivilisatorische Standards erodiert. Nur weil etwas Kultcharakter hat, muss man es nicht gleich zu Kultur überhöhen. Wer Überwachung zur Performance verklärt, schätzt nicht nur die Privatsphäre gering, sondern instrumentalisiert die Kunstfreiheit für mögliche Freiheitseingriffe und Kulturbrüche. Kultur impliziert Offenheit, nicht Kontrolle. Die Frage ist, ob die digitale Gesellschaft auf einen totalitären Punkt zusteuert, wo Distinktion (und damit Differenz) zur Illusion wird, weil jeder mit einer datengenerierenden Uniform herumläuft. Die Banalisierung des Beobachtetwerdens, die mit der Verbreitung internetfähiger Gegenstände einhergeht, ist schon deswegen eine Gefahr für die Demokratie, weil sie aus einer legitimationsbedürftigen Technik einen sozialen Standard macht. Wenn als Designer-Outfits camouflierte Überwachungstechnologien zum Trend werden, könnte die Freiheit des Einzelnen "aus der Mode" kommen. Adrian Lobe