Digitale Revolution Eis, Kirchen und Kaninchen sind Ländersache

Vor einem halben Jahr rief Google Freiwillige dazu auf, Alltagsdinge zu zeichnen, damit eine künstliche Intelligenz daraus Erkenntnisse ziehen möge. Nun liegen die Ergebnisse vor - und offenbaren kulturelle Differenzen.

Von Bernd Graff

119 837 Eiscreme-Tüten, 160 034 Hot Dogs, 115 279 Glühbirnen, 152 696 Messer, 239 527 Laptops, 121 264 Lippenstifte, 163 541 Schnurrbärte, 152 511 Kängurus, 100 819 Schlafsäcke und 133 323 Kaninchen. Google hatte vor einem halben Jahr die Idee, seine künstlichen Intelligenzen mal von organischen trainieren zu lassen. Nicht weniger als die gesamte Menschheit war und ist also seitdem aufgerufen, in maximal 20 Sekunden eine Zeichnung von irgendwas Banalem aus 345 Kategorien anzufertigen. Dinge, Tiere, Pflanzen gibt eine Webseite so als Begriff vor. Die künstlichen Intelligenzen erkennen und benennen sie dann, während man zeichnet. Das ist ziemlich lustig (und ein Tipp für ein verregnetes Wochenende mit Kindern!). Doch es ist auch beeindruckend, mit welcher Trefferrate das Netzwerk das Gekrakel identifiziert. "Quick, Draw!" heißt das Ganze und ist hier zu finden:

https://quickdraw.withgoogle.com.

Gerade ist der in diesem halben Jahr entstandene Datensatz aller Zeichnungen veröffentlicht worden, und der belegt etwa, dass insgesamt 152 511 Kängurus, 100 819 Schlafsäcke und 133 323 Kaninchen von Menschen überall auf der Welt angefertigt wurden. Flamingos sind anscheinend am schwersten zu zeichnen. Was man daran erkennt, dass sehr viele überforderte Künstler sich gar nicht erst ans Malwerk machten, sondern das Wort "Flamingo" schrieben, um die Maschinenintelligenz zu überlisten. Aber nicht mit Google!

Zwar sind Maschinenlernsysteme inzwischen in der Lage, sich selbst zu unterrichten und darin immer besser zu werden. Aber wie viel einfacher ist es noch, wie viel schneller stellen sich auch bei den Automaten Lernerfolge ein, wenn Menschen ihnen zur Seite stehen. Denn während die Do-it-yourself-Maschinen-Bildung sehr schnell sehr große Datenmengen mit allerdings - vor allem zu Unterrichtsbeginn - recht schwammigen Ergebnissen produziert, stellen sich Erfolge mit menschlicher Unterstützung sehr viel schneller ein. Doch auch hier gilt: Künstliche Intelligenzen benötigen immer riesige Datenmengen, um Muster darin finden zu können, die ihre Erkenntnis befördern. "Quick, Draw!" lieferte diese Mengen zuverlässig. Und so verfügt Google nun über einen Satz von mehr als 800 Millionen Krakel-Zeichnungen, eingeteilt in 345 Kategorien.

(https://quickdraw.withgoogle.com/data/)

Google hat jede Zeichnung natürlich säuberlich "getagged", also nicht nur mit der Angabe zur Kategorie, sondern auch mit Uhrzeit der Entstehung und den Geodaten der Länder versehen, in denen sie erstellt wurde. Vor allem aber wurde aufgezeichnet, in welcher Strichfolge eine Zeichnung angefertigt wurde. Das ist gut für die maschinellen Schüler, denn Programme zur Handschriftenerkennung können nun schneller mit diesem Datensatz lernen.

Was aber wir Menschen daraus lernen können, ist auch nachgerade verblüffend: Die Menschen zeichnen regional verschieden und nach kultureller Prägung!

Die auffälligste Voreingenommenheit in den scheinbar belanglosen Dingen ist aber, dass die gesamte Menschheit unter einem Schuh offenbar immer nur einen Sneaker, fast nie aber einen Pumps versteht. Was dazu führt, dass der Maschinenlehrling Pumps nicht als Schuh begreift. Dann aber setzen die (oft unerklärlichen) Unterschiede an. So versteht man zwar noch, dass das Zeichnen eines einfachen Kreises davon abhängt, welche Schrift man erlernt hat: Amerikaner und Europäer malen ihn gegen den Uhrzeigersinn, wer gelernt hat, Japanisch oder Mandarin zu schreiben, zeichnet ihn im Uhrzeigersinn. Diese beginnen ihn unten, jene oben.

Nur in Südostasien schauen Fische und Enten nach links

Dann beginnen die Rätsel. Menschen in beiden Amerikas, Australien und Asien zeichnen eine Eistüte mit einer Kugel, Europäer genehmigen sich drei. Warum? Signifikant für manche Länder ist auch, dass eine Pizza dort als Kreis mit Belag gezeichnet wird, in anderen als Dreieck. Schneemänner gehen in Asien mit zwei Kreisen durch, der Rest der Welt benötigt drei.

Die Befunde haben Google genötigt, den Künstler Kyle McDonald auf die Bilder loszulassen. Er stapelte die Krakeleien am Computer zu sogenannten Overlays, Überblendungen. So fand er: Meist wird ein Stuhl im Profil gemalt, manchmal von vorn (in Afrika). Nur in Südostasien zeichnet man ihn perspektivisch. Und nur dort schauen Fische und Enten nach links. Kirchen haben in Europa ein Seitenschiff, sonst nirgends. Dafür haben Häuser in Russland keine Türen. Kerzenleuchter hängen in England von der Decke, in Frankreich stehen sie auf Tischen. Brot ist in Deutschland ein Laib, in den USA eine Scheibe. Kaffeetassen, das noch, sind fast überall runde oder eckige Henkelbecher. Nur in den USA und Kanada gleichen sie den To-go-Tassen der Coffeeshop-Ketten.