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Digitale Gesellschaft:Körperlos im Spiegelsaal

Die Kunst hat es geahnt: Yayoi Kusamas „Infinity Room“ Mit solchen Installationen macht sie Körperlosigkeit im Raum erfarbar.

(Foto: Roslan Rahman/AFP)

Geschäftsbesprechung im Videospiel und Festivals in Endlosschleife: Während der Corona-Krise eroberte sich die Gesellschaft neue digitale Räume oder deutete die alten um. Das wird nicht nur das Netz verändern.

Von Nicolas Freund

Es scheint, als würde die Welt gerade neu erfunden. Die Maßnahmen gegen das Corona-Virus und die rasende Digitalisierung, die mit diesen einhergehen, haben den öffentlichen und den digitalen Raum neu geordnet. Draußen lauert jetzt die Gefahr, große Teile der Parks, der öffentlichen Orte müssen ungenutzt bleiben. In die Breschen springt der digitale Raum. Man winkt sich bei Zoom zu, streamt Filme und bestellt noch mehr Sachen als ohnehin schon im Internet.

Selbst der dreidimensionale, virtuelle Raum feierte als Treffpunkt ein kleines Comeback. Dabei hatte diese Vorstellung des Netzes als einer Art virtuellem Dorfplatz, wie sie vor 25 Jahren herrschte, als man noch im Internet "surfte", Avatare hatte und Worte wie "Cyberspace" benutzte, abstrakteren Ideen der Vernetzung Platz gemacht. Eigentlich hatte man die Körperlosigkeit im Netz akzeptiert.

Studenten in den USA bauten nun aber zum Beispiel in dem Klötzchenspiel "Minecraft" den Campus ihrer Universitäten nach, um neu angenommenen Studenten einen Rundgang zu ermöglichen. Die Columbia University in New York veranstaltete sogar ihre diesjährige Abschlusszeremonie auf dem nachgebauten "Minecraft"-Campus. Ebenfalls in Minecraft fand das Festival Block by Block West statt, mit Konzerten, einer Ausstellung und Merchandise, das man dann wirklich zugeschickt bekam, so als hätte das Festival nicht nur im Spiel, sondern wirklich auf irgendeinem Acker stattgefunden und als wäre man wirklich in der heißen Sonne vor einer Bühne gestanden und nicht zuhause vor dem Rechner gesessen. Laut Veranstalter tummelten sich mehr als 5000 Besucher auf dem virtuellen Festival, 134 000 sollen zugesehen haben. Auch die Ideen-Konferenz Ted findet in diesem Jahr nicht kompakt an wenigen Tagen in Vancouver statt, sondern zieht sich virtuell über mehrere Wochen von Mai bis Juli. Zukunftsorientierte Konferenzen wie DLD, das Aspen Institute oder das House of Beautiful Business fluten die Terminkalender mit Podiumsdiskussionen, die dank der Onlineräume mit Sprecherinnen und Sprechern besetzt sind, die man sonst nicht so leicht an einen Ort bekommt.

Arbeitsteams treffen sich in Videospielen mit Chatfunktion wie "Red Dead Redemption 2"

Besonders hippe Arbeitsteams besprachen ihre Projekte während der Zeit des Home-Office nicht in Zoom oder Teams, sondern zum Beispiel in der virtuellen Wild-West-Welt von "Red Dead Redemption 2". In so einem Umfeld ist die Motivation der Mitarbeiter natürlich gleich eine ganz andere. Schon alleine, weil man als Unternehmen behaupten kann, seine Meetings in einem Western-Computerspiel am Lagerfeuer und nicht im anstrengenden Zoom abzuhalten.

Die Computerspielbranche ist sowieso schon einer der wenigen Wirtschaftsbereiche, die von der Corona-Krise wahrscheinlich profitiert haben. Die Nintendo Konsole Switch war in Deutschland zuletzt monatelang ausverkauft. Auch privat verabredeten sich manche Freunde zum Beispiel in der Fantasy-Welt von "Diablo 3", um neben dem Quatschen noch ein paar Monster totklicken zu können. Viele suchten während der Pandemie gezielt die oft unwirklich schönen Welten der Computerspiele auf, um sich abzulenken oder gerade so etwas wie die freie Bewegung in einem Raum ohne Virus zu erleben.

Die meisten Multiplayer-Spiele haben heute längst eine Chatfunktion die oft besser funktioniert als viele Telefone. Bei Teenagern haben die Chats auf der virtuellen Insel des Ballerspieles "Fortnite" die traditionellen sozialen Netzwerke wie Facebook abgelöst. Auf der Game-Streaming-Plattform Twitch finden inzwischen auch Debatten, Interviews und literarische Lesungen statt. Manches Filmfestival wich auf Youtube aus, hat der Corona-Hausarrest neue Nutzungsideen für viele digitale Medien mit sich gebracht. Kurze Zeit trat wirklich das Lagerfeuer in "Red Dead Redemption" an die Stelle des Konferenzraums und der virtuell nachgebaute Campus ersetzte die echte Uni, auch wenn die Seminare tapfer auf Zoom zu Ende gebracht wurden. Neu sind diese Räume alle nicht, ihre Nutzung ist aber eine andere als noch vor einigen Wochen.

Das Erscheinen dieser virtuellen Ersatzräume fiel zusammen mit der Vorstellung der "Unreal 5 Engine", einem neuen, nun noch realistischer aussehenden Grafikgrundgerüst, auf dem in den nächsten Jahren viele Computerspiele basieren werden. Das führte bei manchem Apokalyptiker zu der Befürchtung, der reale Raum werde nun endgültig durch den digitalen ersetzt, es entstehe jetzt wirklich eine Parallelwelt im Internet. Dabei zeichnet sich inzwischen eine ganz andere Entwicklung ab.

Mit der Lockerung der Corona-Maßnahmen wird nun langsam aber sicher der öffentliche Raum zurückerobert. Bleiben werden grundlegende Hygiene- und Abstandsregeln aber vermutlich noch sehr lange. Auch viele der digitalen Angebote werden deswegen weiter bestehen bleiben. Manche Festivals kündigten schon an, fortan neben den normalen Kino- und Theateraufführungen, weiter ein digitales Programm zu bieten.

Etwas schwieriger ist die Rückkehr ins Berufsleben. Die Arbeit in Großraumbüros ist bis auf weiteres kaum vorstellbar, viele Arbeitnehmer stellen sich schon darauf ein, in Zukunft mehr und häufiger von zuhause zu arbeiten. Das ist nicht unbedingt schlecht. In vielen Bereichen kann ein kluger Einsatz digitaler Technik viele Vorteile bringen, ohne dass etwas ersetzt wird. Problematisch an dieser Entwicklung ist nicht, dass ein realer Raum durch einen virtuellen ersetzt wird, sondern dass die realen Räume durch die Verfügbarkeit digitaler Ausweichmöglichkeiten einander immer ähnlicher werden.

Die ständige Verfügbarkeit aller und von allem wird auf Kosten der Kleinen gehen

Es ist fast egal, ob ein Student in New York oder Berlin vor dem Computer sitzt, wenn er an einem Seminar in Los Angeles teilnimmt. Es ist egal, ob man in München, Kapstadt oder Tokio ein T-Shirt bei Block by Block West kauft. Es ist egal, ob das Homeoffice in Frankfurt oder auf den Philippinen eingerichtet wird. An Konferenzen kann man ohne zu reisen teilnehmen und manche, wie die Ted Conference, finden nun über Monate hinweg ständig statt, nicht nur an einigen Tagen. Die realen Räume und auch die Zeiten, werden nicht mit ihrem virtuellen Gegenstück, sondern untereinander austauschbar.

Eine ähnliche Entwicklung gab es schon einmal, im 19. Jahrhundert, als die Eisenbahnnetze über die Kontinente gelegt wurden. Bis 1893 hatten vielen Städten und Landstrichen in Deutschland eine eigene Zeit. Wer zwischen Bayern und Württemberg reiste, musste dabei seine Uhr umstellen. Über den nordamerikanischen Kontinent verteilt gab es sogar Hunderte verschiedene Zeitzonen. Die Einführung einer einheitlichen Zeit gilt als Meilenstein des Infrastrukturbaus, der Industrialisierung und der Globalisierung. Gerade letztere wurde durch die Corona-Pandemie nicht nur zurückgeworfen, sondern in mancher Hinsicht auch verschärft, denn die ganze Welt wurde weiter digital synchronisiert. In Zeiten von Home Office und virtuellen Festivals kann man nicht mehr einfach woanders sein, weil alles überall und oft auch gleichzeitig stattfindet. Noch dazu auf dem Smartphone, das jeder in der Hosentasche hat.

Der Germanist und Kulturwissenschaftler Joseph Vogl sagte einmal in einem Gespräch mit Alexander Kluge über die Einführung der vereinheitlichten Zeit im 19. Jahrhundert: "Mit dieser einheitlichen Zeit (ist) garantiert, dass nichts passiert, dass Anschlüsse reibungslos klappen. Man könnte umgekehrt sagen, dass von diesem Zeitpunkt an aber auch Unfälle auftauchen, die Zeitunfälle sind, nicht nur den Anschluss verpassen. Verspätungen, aber auch Verfrühungen oder Verfehlungen können etwa zu Zugzusammenstößen (...) führen."

Auch diese Erfindung des Zuspätkommens und des Verfehlungsanfälligen Umgangs mit der Zeit wurde zuletzt radikalisiert. Wegen der ständigen Verfügbarkeit virtueller Ersatzräume, ist man immer irgendwo gerade nicht, wo man aber sein könnte und vielleicht sollte. Man fühlt sich, um in Vogls Beispiel zu bleiben, als geschähe ein ständiger Unfall, als wäre alles ein einziges Versäumnis, als wäre man immer zur falschen Zeit am falschen Ort, weil man ja überall sein könnte, aber nicht kann.

Manche der virtuellen Veranstaltungen verschicken sogar vorwurfsvolle Nachfragen, wenn man an einem Stream, zu dem man sich angemeldet hat, nicht erscheint. Als zu Beginn der Ausgangsbeschränkungen der Pianist Igor Levit jeden Abend um 19 Uhr ein Konzert streamte, bestand fast schon ein gesellschaftlicher Imperativ, auch einzuschalten. Das taten so viele Leute, dass sich zur selben Zeit kaum ein Angebot anderer Kulturschaffender durchsetzen konnte. Wofür Levit nun nicht direkt etwas kann. Die Möglichkeiten digitaler Angebote mögen endlos sein, die Aufmerksamkeit der Zuschauer ist es nicht.

Wie man pünktlich zum Zug kommen muss, gilt nun der Imperativ, am besten immer überall alles anzusehen. Weil man es ja kann. Ausblenden ist keine Option, wenn vieles nur noch digital stattfindet. Man kann jetzt nicht mehr einfach "woanders" sein, so wie man auch nicht mehr zu spät kommen kann, wenn man am gesellschaftlichen Leben teilnehmen möchte.

Die Eroberung dieser neuen und neu genutzten Räume ist eine Chance

Wie auch in anderen Bereichen der digitalen Kultur und Wirtschaft, fördert diese Entwicklung letztlich Monopole. Denn Synchronisierung ist auch immer eine Vereinheitlichung und wie bereits Facebook, Google und andere Internetkonzerne praktisch konkurrenzlos agieren können, wird auch die ständige Verfügbarkeit von allem überall auf Kosten vieler Kleiner gehen. Warum das Video aus dem kleinen Stadttheater anschauen, wenn auch das Royal Opera House in London streamt? Warum an virtueller Seminaren deutscher Unis teilnehmen, wenn man genauso die digitalen Angebote amerikanischer Elite-Unis besuchen kann? Warum auf das Festival im Nachbardorf gehen, wenn Online ein viel besseres Line-Up lockt und man dafür nicht mal aufstehen muss?

In der Moderne führten die Großstadt und der Zeitdruck zu grassierender Nervosität und einem Rückzug ins Innere, in die Wohnung, aber auch in die Psychosen. Die scheinbar rasende Zeit führte zu einem gesteigerten Gefühl für eine bestimmende Vergangenheit und eine zu bestimmende Zukunft, ein Bewusstsein, das uns bis heute begleitet.

Für die Gegenwart könnte die neue Austauschbarkeit und scheinbare Nutzlosigkeit des Raums zu einem Bewusstsein dafür führen, welchen Wert ein Theaterbesuch, ein Präsenzseminar, ein Museumsbesuch haben und in welchem Verhältnis sie zu anderen realen und virtuellen Räumen stehen. Warum es eben einen Unterschied macht, ein Konzert bei Rock im Park oder in Minecraft zu besuchen, ohne dass das eine besser wäre als das andere.

Die Eroberung dieser neuen und neu genutzten Räume ist auch eine Chance. Jetzt kann man diese virtuelle Welt und das digitale Leben darin neu gestalten. Man kann Veranstaltungsformate entwickeln und Kommunikationsformen verknüpfen. Bestehende Digitalräume können kreativ umgedeutet werden. Auch für Proteste und gesellschaftliche Ereignisse, die bisher unvorstellbar waren. Die Virusmaßnahmen haben eine Bresche in den Raum wie wir ihn kannten geschlagen. Es ist an den Menschen, ihn zu nutzen.

© SZ vom 06.06.2020

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