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Digitale Bildkulturen:Zu sehr auf Kante genäht

Dana Weis erkundet digitale Modebilder und fragt, wie man sich in den sozialen Netzwerken mit Kleidung inszeniert. Möglicherweise führen neue Modebilder zu neuen Menschenbildern.

Von Andrea Gnam

Erst der letzte Satz in Diana Weis' schmalem Band "Modebilder" enthält eine kleine These zur ausbleibenden Innovation bei zeitgenössischen Modestilen, obwohl Kollektionen mehrmals im Jahr auf den Markt kommen und Influencerinnen wie Influencer unentwegt ihre aktuellen Vorlieben posten. Diana Weis sieht im derzeit ersatzweise praktizierten obsessiven "Zitieren vergangener Stile" den Versuch, "die Gleichzeitigkeiten abzubilden, mit der die gesamte Popkultur des 20. Jahrhunderts im Netz abzurufen ist."

Diese eher banale Diagnose trägt allerdings nicht der Tatsache Rechnung, dass in der Modewelt seit geraumer Zeit gerne auch "Moodboards" verwendet werden. Auf diesen Bildtafeln werden von Modeschaffenden Bezüge zur Welt der Kunst, Verbindungen zum Alltagsleben, zur Haptik des Stoffs, zu berühmten Sehenswürdigkeiten, zu Reisefantasien oder bekannten Filmen entworfen. Die auf den Markt gebrachte Kollektion wird so in einen kulturellen Kontext eingebettet, der durchaus auf reflektierten, weiterreichenden Kenntnissen beruht.

Weis übergeht diese Praxis und versucht stattdessen, sowohl den Strategien der Modelabels als auch den individuell über Influencer- und Instagramnutzer ins Netz gestellten Trends mit einem Potpourri aus Theoriepartikeln beizukommen. Meist muss man in den Anmerkungen nachlesen, aus welcher Zeit und von wem all die eingestreuten Aperçus denn nun stammen. Das geht nicht nur auf Kosten der historischen Einordnung, sondern auch zulasten der begrifflichen Trennschärfe. Ein professionelles Modeverständnis, das sich als künstlerische Arbeit an der Erscheinungsform von Menschen zu einem bestimmten, historischen Zeitpunkt versteht, gehorcht nun einmal anderen ästhetischen Regeln und setzt deren gezielten Bruch mit anderer Wirkung ein, als dies in der Welt der Konsumenten geschieht.

Weis verwendet gerne den unbestimmten Begriff der "Kreativität", die Menschen entwickeln können, wenn sie mit der Art, wie sie ihre Kleidung zusammenstellen, den anderen Botschaften zu ihrem aktuellen Befinden mitteilen wollen, zu ihren Sehnsüchten und ihrem tatsächlichen oder vorgespiegelten gesellschaftlichen Status. Mit diesem Verständnis kommt Weis nicht allzu weit, und vor allem erklärt Kreativität nicht das wichtigste Anliegen der Autorin: die möglicherweise anderen Körperbilder, die durch Netzkulturen vermittelt werden, als "Ausdruck eines vestimentären kollektiven Unbewussten" tatsächlich benennen oder gar verstehen zu können.

Manipuliert Mode die Menschen, "sich Hässliches, Lächerliches, Unkleidsames anzutun"?

Bedauerlich ist, wie wenig Kenntnis der Fotografiegeschichte vorhanden zu sein scheint. So muss man über den Streetfotografen Hans Eijkelboom lesen, es sei "nicht vermessen", seine heimlich aufgenommene Werkserie "People of the Twenty-First Century" von global gleichförmigen Modelooks bei Passanten als ein Pendant zu August Sanders epochalem Werk "Menschen des 20. Jahrhunderts" zu sehen, mit der nivellierenden Begründung, dass beide große Chronisten einer Zeit des Umbruchs wären. Die Präsentation mehrerer Bilder in gleichgroßen Rastern sei eine Vorwegnahme der "Darstellungskonventionen der digitalen Sphäre" durch Eijkelboom. Ob die Autorin tatsächlich nicht die Arbeit von Bernd und Hilla Becher kennt, die schon in den Siebzigerjahren konzeptionell mit Tableaus und Typologien arbeiteten? Und kann man ernsthaft beim Blick in ein Familienalbum Mitte der Siebzigerjahre behaupten, dass die Mode Menschen so manipuliert, "sich Hässliches, Lächerliches, Unkleidsames anzutun"? Ist nicht gerade diese Betrachtungsweise zutiefst zeitgebunden und was heute unmöglich erscheint, kann sehr bald schon wieder ästhetisch nobilitiert werden? Und ist es nicht auch eine Frage des Alters der Betrachtenden? Je älter man wird, desto mehr sticht die Jugend der Dargestellten ins Auge und da ist man ja dann sehr großzügig und findet alles kleidsam?

Dem Buch gebricht es nicht nur an theoretischer Klarheit, Strukturierung und sprachlicher Überzeugungskraft, sondern auch an einer souveränen, über den Tellerrand hinaus schauenden Perspektive. Gänzlich unbeleuchtet bleibt der ökologische Aspekt, Nachhaltigkeit bei der Produktion oder Vorschläge des Upcyclings, das Netz ist doch eigentlich auch voll von ressourcenschonenden Modebildern.

Diana Weis: Modebilder. Abschied vom Real Life. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2020. 80 Seiten, 10 Euro.

© SZ vom 05.08.2020

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