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Gesellschaftsgeschichte:Eine halbierte Moderne

Gemälde 'Auszug deutscher Studenten in den Freiheitskrieg von 1813'

Krieg ist wichtig, aber lässt sich das von der Liebe nicht auch sagen? - Deutsche Studenten ziehen in den Freihetskrieg von 1813

(Foto: picture alliance / Universität J)

"Der gewaltsame Lehrer": Dieter Langewiesche fragt, warum Menschen immer wieder auf Krieg setzten

Lange Zeit wurde Geschichte als die Geschichte von Kriegen und Feldherren erzählt. Schüler mussten Gefechte und Truppenbewegungen auswendig lernen, und das öffentliche Gedenken orientierte sich an Generälen, siegreichen Schlachten und immer mehr auch an heldenhaft gefallenen Soldaten. "Der Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König", so hatte schon Heraklit argumentiert.

Spätestens seit den 1970er-Jahren wurde Geschichte vielfach zur Revolutionsgeschichte, der Alltag kam in den Blick, die Arbeiter tauchten auf - und hatten die sich nicht mit Manneskraft und, tja, mit Gewalt die Freiheit erkämpft? Die neuen Meistererzählungen wandelten sich von Schlachten- zu Barrikaden-Gesängen, die demokratischen Zeiten bedurften neuer Gründungsmythen. Die Kriegshelden verblassten. Von Königgrätz zur Bastille, von Moltke zu Liebknecht. Nun hat Dieter Langewiesche ein Buch über den Krieg als Lehrmeister vorgelegt. Kehrt hier ein Altmeister, einer der großen Historiker des Landes, zu den alten Erzählungen zurück?

Natürlich nicht. Langewiesche argumentiert umsichtig, und mit Bedacht präsentiert er die Kriegsnarrative. Immer wieder verweist er auf Ausnahmen, auf entscheidende Entwicklungen, die ohne Krieg auskamen. In seinem voluminösen Werk über "Europas Kriege in der Moderne", so der Untertitel, kommt der Tübinger Historiker gleichwohl zu dem Schluss, dass etwas dran sei an der Behauptung vom Krieg als Vater aller Dinge. Kein Fortschritt ohne Krieg, diese Vorstellung habe der Moderne vom 18. Jahrhundert bis heute den Stempel aufgedrückt, ob uns das gefalle oder nicht. Langewiesche bietet keine Kriegsbeschreibungen. Er sucht nach Antworten auf die Frage, warum Menschen immer wieder zum Mittel des Kriegs gegriffen haben, um die Welt zu verändern.

In einem einleitenden Teil legt er die ideengeschichtlichen Zusammenhänge von Kant bis zu den bewaffneten humanitären Interventionen im 21. Jahrhundert dar. In vier weiteren Kapiteln plausibilisiert Langewiesche seine These jeweils anhand eines großen Areals, in dem Krieg die moderne Welt geprägt, vorangebracht oder doch entscheidend verändert habe: der Krieg als Gestalter der globalen Ordnung, als Garant für die erfolgreiche Revolution, als Vater der Nation und schließlich als Begründer und als Totengräber der Kolonialreiche. Deutlich werden in den Ausführungen die grausamen Seiten des Krieges, aber auch - seit der Moderne - seine vielfache Verwobenheit mit Revolutionen.

Nation ist ein offenes Konzept, das Veränderungen zulässt und damit Fortschritt fördert

Besonderes lohnend ist das Kapitel über Nation und Nationalismus, eines der zentralen Forschungsgebiete Langewiesches. Tatsächlich gründen die meisten Nationen auf Kriegen. Die Nation aber gehört zu den erfolgreichsten Institutionen der Moderne, sie ist ein europäischer Exportschlager. Ihre Attraktivität bringt Langewiesche treffend auf den Punkt - und allein für diese Einsicht ist das Buch wichtig in einer Zeit, in der Intellektuelle oft nur die Schattenseiten dieses Konzepts zu sehen vermögen: Nation ist ein "Gleichheitsvehikel"; Nation ist ein offenes Konzept, das Veränderungen zulässt und damit Fortschritt fördert; dazu gehört, dass Nation als "Zentralisierungsmaschine" fungiert, die einen effektiven Staat und Sicherheit für seine Bürgerinnen und Bürgern ermöglicht.

Langewiesche kann also anhand der Nation einleuchtend das Narrativ von Fortschritt und Krieg aufzeigen. Dabei haben häufig erst die Geschichten von nationaler Identität diese Verbindung geschaffen, durchaus nicht immer in Übereinstimmung mit den historischen Gegebenheiten, wie der Historiker betont. So deuteten etwa die deutschen Liberalen die "Freiheitskriege" gegen Napoleon später in eine Volkserhebung um, damit sie für das vermeintlich national kämpfende Mannesvolk Verfassung und Mitbestimmung am Staatsgeschehen einfordern konnten.

Auch sonst ist das Buch voll kluger Einsichten. Das 19. Jahrhundert konnte deswegen das europäische Jahrhundert werden, so eine zentrale These, weil Europa mit dem "gehegten Krieg" einen "Sonderweg des Krieges" ging. Ein bewaffneter Konflikt lieferte die Zivilbevölkerung nicht mehr der Gewalt aus; Krieg wurde zu einem Geschäft zwischen Kriegern und zwischen staatlichen Armeen. Das eröffnete Ressourcen für wirtschaftlichen Fortschritt und koloniale Projekte. Bedenkenswert ist auch Langewiesches Interpretation von 1917. Die unverhoffte Proklamation von "Demokratie" als Kriegslegitimation und Kriegsziel durch die Alliierten sei ein Widerruf des 19. Jahrhunderts gewesen, in dem die Staatenlenker gelernt hatten, um des Friedens willen die unterschiedlichen Herrschaftsformen zu tolerieren.

Eine große Stärke der Studie ist gewiss ihr globaler Horizont. Die fortschrittsoptimistische Aufbruchszeit um 1900 etwa zeigt im globalen Kontext ihr dunkles Gesicht. Während Europa in lang anhaltendem Frieden blühte, betrieben die europäischen Kolonialherren auf anderen Kontinenten grausame Kriege. Briten, Italiener, Deutsche, Belgier, sie alle richteten Massaker an der indigenen Bevölkerung an und ordneten "Vernichtung" ganzer Völker in ihr Vokabular und ihren Alltag ein.

Gewiss waren Kriege wichtig und oft entscheidend. Aber lässt sich dasselbe nicht auch von der Liebe sagen?

Doch wird hier nicht die Argumentationskette brüchig? Wie kriegslüstern waren die Menschen vor dem Ersten Weltkrieg? Schon Langewiesches Argumentation für die Zeit um 1800 wirkt nicht gänzlich überzeugend. Ausgerechnet Kant muss hier als Fürsprecher des Krieges herhalten, und die Abscheu des intellektuellen Europas gegen die revolutionäre Gewalt findet kaum Berücksichtigung. Gerade auch das Entsetzen der Zeitgenossen über die revolutionären Kriege Frankreichs, auf das der Germanist Hans-Jürgen Schings hingewiesen hat, bleibt unterbelichtet. Für die Vorkriegszeit um 1900 aber unterschlägt Langewiesche die aufkeimende Friedensbewegung, die zivilgesellschaftlichen Aufbrüche, die lebensweltliche Selbstverständlichkeit des Friedens für die europäische Bevölkerung.

Vor allem aber stellt sich die Frage, welche Kriege im zwanzigsten Jahrhundert das Wohl der Menschheit eher befördert und welche es eher zerstört haben. Und können sich die heutigen militärischen Interventionen im Namen der Humanität als Fortsetzung des alten Glaubens an den Krieg interpretieren lassen - oder sind sie nicht vielmehr ein Ausdruck dessen, dass eine aufkeimende Weltgesellschaft versucht, Krieg und Gewalt zu bannen?

Überhaupt: Kausalität ist ein scheues Reh. Gewiss waren Kriege wichtig und oft entscheidend. Aber lässt sich dasselbe nicht auch von der Liebe sagen? Oder vom Geld oder der Sehnsucht nach Macht? Isnt't it the economy? Hatten vielleicht all die europäischen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen des 19. Jahrhunderts recht, die in der Revolution Verderbnis sahen und in Reformen das Heil suchten?

Lässt sich nicht mit ebenso viel Scharfsinn argumentieren, der Antriebsmotor für die entscheidenden Neuerungen im 19. Jahrhundert seien Reformen gewesen, während Revolutionen meist in der Reaktion endeten, ob mit erfolgreichem Krieg wie in Frankreich, als sich Napoleon die Tyrannenkrone aufsetzte, oder ohne Krieg wie 1848?

Wie kann man über Krieg schreiben, ohne über Männlichkeit und die Exklusion von Frauen zu reflektieren?

Für die heutige Zeit tendiert die Transformationsforschung ohnehin zu der Einsicht, dass Krieg und Revolutionen eher zu Diktaturen, Reformen hingegen eher zu Demokratien führen, die wir wohl aufseiten des Fortschritts verbuchen können. Langewiesche selbst zitiert den Historiker James Sheehan, der von der Friedenszeit nach 1945 als von einer "unsichtbaren Revolution" spricht - also: von einer tief greifenden, gewaltfreien Reform.

Am Schluss seines Buches schließlich weist der Autor auf die großen Chancen hin, die Europa, dieses schönste Kind der neuen Zeit, bietet. Wäre es dann nicht wichtig gewesen, die These vom Krieg als großem Lehrmeister fundamental zu relativieren? Haben nicht die Sehnsucht und das Bemühen um Frieden eine ebenso lange und mindestens so effektive Geschichte in der Moderne wie der Krieg? Die Fixierung auf den Krieg, der hier häufig die Revolution impliziert, gestaltet sich also selbst in Dieter Langewiesches abwägender Studie als Problem. Reformen und gewaltferne Triebkräfte ausblendend und auf einen Faktor setzend entgeht ihm nicht zuletzt die Hälfte der Menschheit. Sieht man von wenigen und wenig überzeugenden Sätzen über die Frauen ab, so verblüfft das Buch mit einer stupenden Geschlechterblindheit.

Wie kann man über Krieg schreiben, ohne über Männlichkeitsvorstellungen und die Exklusion von Frauen zu reflektieren? Wie lassen sich Kriege- und Revolutionsmotive analysieren, ohne im Blick zu haben, dass es hier immer auch um Geschlechterordnungen und -hierarchien geht? Es gibt hierzu eine Fülle an Forschung von Karen Hagemann über Ute Frevert und Sonja Levsen bis hin zu Joshua S. Goldstein. Die Geschichte der Frauen ist viel eher einer Geschichte der Reformen, häufig eine Geschichte der Domestizierung von Politik - eine Erfolgsgeschichte, die nicht in Langewiesches martialisches Fortschrittsnarrativ passt. Die Feststellung, dass die Hälfte der Menschheit fehlt, ist keine moralische Kritik, sondern der Hinweis auf ein faszinierendes Phänomen.

An einer Stelle schreibt Langewiesche von den "Bewegungsbegriffen", die sich aus dem modernen Glauben ergaben, dass Geschichte gestaltbar und Fortschritt machbar sei: Liberalismus, Konservatismus, Sozialismus, "auch Darwinismus und Feminismus", der wirkmächtigste von allen Fortschrittsbegriffen aber sei wohl der Nationalismus. Ja? Doch wie erstaunlich, wie revolutionär ist der Aufstieg der Frauen zu gleichberechtigten Menschen.

Mit dem Bruch der alten Geschlechterordnung, in der Frauen als die Anderen und Minderwertigen gelten, löst sich die wohl tiefste und älteste Struktur menschlicher Gesellschaften auf. Es bleibt eine spannende Forschungsfrage, warum die meisten Moderneerzählungen und viele Menschheitsgeschichten ohne diese Umwälzung präsentiert werden. Das gelehrte, in vielerlei Hinsicht lesenswerte Buch von Dieter Langewiesche zeigt beispielhaft, wie und warum heute noch Frauen aus der Menschheit ausgeblendet werden können.

Dieter Langewiesche: Der gewaltsame Lehrer. Europas Kriege in der Moderne. Verlag C. H. Beck, München 2019. 512 Seiten, 32 Euro.