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Erinnerungen des Filmfunktionärs Dieter Kosslick:Der lustige Strippenzieher

"Wenn Sie noch mal mithelfen wollen, einen Weltkrieg zu inszenieren, rufen Sie mich vorher an", schrieb ihm Joschka Fischer als Außenminister einmal. Dieter Kosslick in seinem letzten Jahr als Berlinale-Direktor 2019.

(Foto: Tobias Schwarz/AFP)

Star-Anekdoten und Öko-Tipps: Der ehemalige Berlinale-Chef Dieter Kosslick hat seine Memoiren geschrieben.

Von Susan Vahabzadeh

Es gibt Geschichten, die kann ein Festivaldirektor erst erzählen, wenn er kein Festivaldirektor mehr ist. Dazu gehören alle Anekdoten, in denen sich Stars als ziemlich schräge Typen entpuppen, oder sich herausstellt, dass die Leute um sie herum die noch viel schrägeren Typen sind. Als die Rolling Stones etwa mal zur Berlinale kamen, weil dort Martin Scorseses Stones-Doku "Shine a Light" zur Eröffnung lief, setzte der Festivaldirektor Dieter Kosslick alles daran, die Baustelle des Humboldt-Forum stillzulegen, weil die Band nur unter der Bedingung zur Berlinale kommen wollte, wenn kein Baulärm ihren Schönheitsschlaf stört. Kosslick erzählt davon am Ende Keith Richards, der das schon ganz nett findet, aber darauf hinweist, dass man nach einem halben Jahrhundert als Rockstar ohnehin nicht mehr viel hört.

In seinem neuen Buch "Immer auf dem Teppich bleiben" erzählt Dieter Kosslick, der von 2002 bis 2019 die Berlinale leitete, viele solche Anekdoten. Wie er zum Beispiel einst auf George Michael wartete, der 2005 Gegenstand des Films "A Different Story" war. Nach ausführlichem Hin und Her darüber, wer George Michael wann begegnen darf, wartet Kosslick also allein auf seinen Stargast. Dann bringen fremde Männer zwei Kisten herein, und angesichts dieser stillen Szene muss Kosslick an Pina Bauschs Ballett "Café Müller" denken. Schließlich kommt George Michael, schleicht wortlos um die Kisten herum, nimmt aus einer eine Sonnenbrille, setzt sie auf, lächelt und wird gesprächig. Das liest sich ganz lustig. Kosslick hätte jedenfalls, wenn der solche Anekdoten früher erzählt hätte, kein Star mehr vertraut. Es gehört zum Job von Festivaldirektoren, über die Marotten ihrer Gäste diskret hinwegzusehen.

Nicht jeder Festivaldirektor wird vom Außenminister höchstpersönlich gerüffelt

Die Berlinale-Leitung, die auf Kosslick folgte - Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek - ist zweigeteilt, Dieter Kosslick war noch alles in einem: künstlerischer Leiter, Organisator, Geld-Beschaffer, Strippenzieher. Kosslicks eigene Auftritte bei der Berlinale waren immer unterhaltsam. Ein wenig schade ist deshalb, dass es im Buch nun nicht mehr Blicke hinter die Kulissen gibt. Geschichten etwa wie die von der Krisensitzung wegen des iranischen Regisseurs Jafar Panahi (dessen "Taxi" später den Goldenen Bären gewann), von bei der Ausreise aus Iran geöffneten Koffern und von Diplomatie auf dem roten Teppich, damit Asghar Farhadi, der mit "Nader und Simin - eine Trennung" erst die Berlinale und dann den Oscar gewann, zu Hause keine Schwierigkeiten bekommt.

Kosslick war vorher bei der Filmförderung, mit Taktik und politischen Verwicklungen kennt er sich aus. Was allerdings - es ist eine der schönsten Anekdoten in seinen Memoiren - nicht verhinderte, dass ihm selbst ein Fehler unterlief, als er 2003 zur Premiere von Oliver Stones Dokumentarfilm "Comandante" mit dem Argument, alle Hauptdarsteller würden eingeladen, Fidel Castro auf den roten Teppich holen wollte. Nicht jeder Festivaldirektor wird vom Außenminister höchstpersönlich gerüffelt - und kaum einer könnte so selbstironisch davon berichten: "Wenn Sie noch mal mithelfen wollen, einen Weltkrieg zu inszenieren, rufen Sie mich vorher an", zitiert er Joschka Fischer. Fidel Castro war dann doch nicht bei der Berlinale.

Dieter Kosslick: Immer auf dem Teppich bleiben. Hoffmann und Campe, Hamburg 2021. 336 Seiten, 25 Euro.

Als nicht ganz falsch erweist sich bei der Lektüre die Vermutung, dass Kosslicks Fokus immer eher auf der Politik und der von ihm selbst geschaffenen Reihe "Kulinarisches Kino" gelegen habe als auf dem großen Berlinale-Wettbewerb. Wesentlich leidenschaftlicher beschreibt er, was er bei einer Dienstreise in Los Angeles auf dem Teller hatte, als was es da auf der Leinwand gab. Und mit den Anekdoten ist in "Immer auf dem Teppich bleiben" dann auch bald schon wieder Schluss.

Vielleicht reichten sie nicht für ein ganzes Buch. Auf jeden Fall setzt sich bald der Weltverbesserer Kosslick durch. Weite Teile des Buchs befassen sich mit einem seiner Kernanliegen, dem umweltfreundlichen Drehen, bis hin zu Checklisten, auf denen eine Filmproduktionsfirma abhaken kann, was sie schon nachhaltig gestaltet hat, vom Kulissenbau bis zum Catering. Das ist nicht verkehrt, aber es ist doch auch eine eigenwillige Entscheidung, Öko-Ratgeber, Kindheitserinnerungen aus dem Schwäbischen und Filmfestival-Anekdoten im selben Buch zu vermischen.

Tritt da der Grund zu Tage, warum Dieter Kosslik dann womöglich doch nicht der perfekte Festivaldirektor war? Wenn jemand sich so einsetzt für die Verbesserung der Produktionsbedingungen, ist dagegen nichts einzuwenden; dass ein Film mit dem Vorsatz gedreht wurde, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, ist aber auch keine Garantie für ästhetische Qualität.

An anderer Stelle beschwert sich Kosslick über die "bösartige" Filmkritik, wobei es sich, da er kein konkretes Beispiel nennt, um eine grundsätzliche Einschätzung zu handeln scheint. Beispiele hätte es gegeben, oft warf ihm diese Filmkritik einen Mangel an Filmgeschmack vor. Die Memoiren können diesen Eindruck allerdings auch nicht widerlegen. So sehr Kosslick etwa auch das Gegenteil behauptet: Der Goldene Bär von 2005 für "U-Carmen" ist kein rühmlicher Moment der Festivalgeschichte gewesen, und kein Buch der Welt wird es jetzt noch ändern.

© SZ/crab
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