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Dieter Henrichs Interview-Autobiografie "Ins Denken ziehen":Einmal noch ums Ganze

Maximiliansorden für Dieter Henrich

Zurück zum Idealismus, wider die angelsächsische Philosophie: Dieter Henrich 2006 mit dem bayerischen Maximiliansorden in der Münchner Residenz.

(Foto: Frank Leonhardt/picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Adorno lobte ihn als "wahres Wunderkind": der Philosoph Dieter Henrich im autobiografischen Gespräch.

Von Thomas Steinfeld

Als die Philosophie nach dem Tod Hegels aufhörte, eine universale Wissenschaft sein zu wollen, blieben ihr im wesentlichen drei Arbeitsgebiete: die Geschichte des eigenen Faches, die Ethik und die Erkenntnistheorie. Einen Fortschritt gibt es in dieser Dreiheit allenfalls im Historischen, und er wendet sich rückwärts: Wer wann auf welchen Gedanken kam, wie diese Gedanken zu verstehen und wie sie aufeinander bezogen sind, lässt sich in immer feineren Abstufungen herausfinden. Was man dürfen, können, wollen oder müssen soll, in einem ethischen Sinn, ist hingegen wohl nur im Bezug auf die jeweiligen Umstände zu klären. Und was Erkenntnis darstellt, jenseits alles Erkannten, ist eine Frage, bei der schon das bloße Vorhandensein unzähliger Ansätze oder Schulen von der durchschlagenden Folgenlosigkeit der entsprechenden Bemühungen zeugt.

Die Bedeutung, die der 1927 in Marburg geborene Philosoph Dieter Henrich von den Sechzigern bis ins neue Jahrtausend nicht nur für die deutsche Philosophie besaß, beruht auf seinem Versuch, in vollem Ernst zum Idealismus, das heißt: zur Philosophie als Wissenschaft, zurückzugehen. Im Nachvollzug der Lehren von Kant, Fichte und Hegel (mit einer finalen Verbeugung vor Hölderlin) entwickelte er eine Theorie des Bewusstseins, in der es noch einmal um das Ganze des Wissens um sich selbst zu gehen schien. Ob er damit Hegels "Phänomenologie" oder der "Logik" etwas tatsächlich Anderes und Richtiges hinzufügte, dürfte zwar zumindest unsicher sein.

Doch blieben seine Werke für viele Philosophen interessant, zum einen, weil sie als Zugang zu den gedanklich schwierigsten Werken der Geistesgeschichte dienten, zum anderen, weil sie offensiv auf dem Bewusstsein als einem metaphysischen Faktum beharrten, wider vor allem die angelsächsische Philosophie. Beginnend in den Achtzigern, widmete sich Dieter Henrich darüber hinaus einer höchst aufwendigen historischen Forschung zu den geistigen "Konstellationen" zwischen den Philosophen des deutschen Idealismus, aus denen die Systementwürfe dieser Denkrichtung hervorgingen.

Von einer lebensfrohen Freundin musste er sich "losreißen", weil sie die Konzentration auf die Arbeit "unterminierte"

Eine Art von "Konstellationenforschung" bildet auch das Buch mit Gesprächen, das Matthias Bormuth, Professor für Ideengeschichte an der Universität Oldenburg, und Ulrich von Bülow vom Deutschen Literaturarchiv in Marbach, dem mittlerweile 94 Jahre alten Philosophen widmen. Es ersetzt eine intellektuelle Biographie, und es tut mehr als das: Es zeigt Dieter Henrich als "Systementwurf" eigenen Rechts, von den Anfängen eines "Ich-Bewusstseins" in einer lebensbedrohlichen Krankheit, die das zweijährige Einzelkind befiel, bis zur großen Affirmation des "Lebens", als die Dieter Henrich die Musik des Dirigenten Sergiu Celibidache beschreibt.

Das Verkehrsnetz der Marburger Straßenbahn wurde ihm zur Grundlage für das systematische Denken, der Fähnleinführer in der Hitlerjugend machte erste Erfahrung in Leitungsfunktionen, dem akademischen Lehrer Hans-Georg Gadamer wurde er zur Herausforderung in Sachen Scharfsinn. In Frankfurt lobt Theodor W. Adorno den Studenten als "ein wahres Wunderkind", bei Karl Jaspers in Heidelberg wird das "harte Urgestein des Denkens" vermisst, von einer lebensfrohen Freundin musste er sich "losreißen", weil sie die Konzentration auf die Arbeit "unterminierte".

Dieter Henrich: Ins Denken ziehen. Eine philosophische Autobiographie. München, Verlag C. H. Beck, München 2021. 282 Seiten, 28 Euro.

Es liegt in der Natur einer solchen Selberlebensbeschreibung, "komplexe und schwer zu erschließende Problemlagen" nicht wirklich entfalten, geschweige denn beantworten zu können. Menschen treten einander nicht als Argumente entgegen. In einigen Passagen jedoch entwerfen die Gesprächen intellektuelle Szenarien. Das gilt für das Kapitel über Berlin, wo Henrich zwischen den Jahren 1960 und 1965 lehrte, wo er sich mit dem Assistenten Michael Theunissen anfreundete, wo er Peter Szondi kennenlernte und wo er Suhrkamp-Autor wurde.

Nebenbei erfährt man, wie weitgespannt das Programm dieses Verlags auch damals schon war, weiter, als die spätere Verengung zur "Suhrkamp-Kultur" ahnen ließe, und welche hohe Absichten sich damals mit dem Wort "Theorie" verbanden. Und es gilt für die Ausführungen über Henrichs Jahre in den Vereinigten Staaten, wo er zum strengen Repräsentanten einer "kontinentalen Philosophie" wurde, von der man sich, wie er ironisch anmerkt, etwas "trapezkünstlerisch Verwegenes" erwartete.

In München, wohin Dieter Henrich im Jahr 1981 berufen wurde und wo er auch nach seiner Emeritierung 1994 blieb, widmete sich Dieter Henrich den im engeren Sinn historischen Forschungen: der "archäologischen Aufklärung" über die Ursprünge und Beweggründe der idealistischen Philosophie. Aus diesen Arbeiten gingen dann so unterschiedliche Dinge hervor wie die interpretatorische Erschließung eines Fragments mit dem Titel "Urtheil und Seyn", das vermutlich von Hölderlin stammt und heute als einer der Grundtexte spekulativen Philosophierens gilt, sowie die Edition der Schriften und Briefe des Theologen Carl Immanuel Diez, eines Anregers und Vermittlers der Idealisten, dessen Wirken weitgehend vergessen worden war. Daneben ist von Berufungen und Ehrungen die Rede, von den langen Jahren als Präsident der Internationalen Hegel-Vereinigung und von Aufgabe, dem Literaturwissenschaftler Hans Robert Jauß die philosophischen Hintergründe zu Marcel Prousts Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu erklären.

Über die Konstellationsforschung zum philosophischen Idealismus sagt Dieter Henrich, sie sei nie Kalkül gewesen, sondern der "Erschließung von Grundzügen eines Universums" gewidmet, in "das man sein eigenes Leben einschreiben kann". Es gibt nur einen Philosophen, in Deutschland und anderswo, der einen solchen Satz äußern und mit dem "eigenen Leben" spezifisch das seine meinen könnte. Es ist Dieter Henrich.

© SZ/crab/cat
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