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Nachruf:Dieter E. Zimmer gestorben

Mit Nabokov und Joyce beschäftigte er sich ebenso wie mit der Größe von Hühnerkäfigen. Dieter E. Zimmer war ein Universalfeuilletonist. Mit 85 Jahren ist er gestorben.

Der Titel seines Gedichtbandes war nicht nur ein Satz von Herman Melville, sondern sein eigener Stoßseufzer: "Ich möchte lieber nicht, sagte Bartleby." Mehr als ein Jahrzehnt hatte Dieter E. Zimmer dem Feuilletonchef Rudolf Walter Leonhardt als rechte und linke Hand gedient, bis er 1973 selber Chef wurde und an der Aufgabe, es allen recht und trotzdem ein Feuilleton zu machen, fast kaputtging. Zimmer stellte das Ressort zusammen, von dem dann sein Nachfolger Fritz J. Raddatz profitierte, denn er war es, der souverän Rolf Michaelis, Benjamin Henrichs und Hans C. Blumenberg als Co-Regenten zur Zeitung holte.

Er selber war 1959, mit noch nicht 25, zur Zeit gekommen, weil er sich für Vladimir Nabokov begeisterte, dem einer seiner ersten Artikel galt. Dessen "Lolita" wurde da noch als Schundbuch gehandelt, durfte nicht in die USA eingeführt werden, erschien aber bereits in deutscher Übersetzung bei Rowohlt. Der Journalist Zimmer begleitete die Gruppe 47 nach Princeton, wo er den 23-jährigen Peter Handke bei seinem ersten Auftritt erlebte, und war dabei, als auf dem Mont Ventoux der erste Petrarca-Preis verliehen wurde (und sich gleich drei Fernsehteams um die windigsten Aufnahmen stritten). Nebenher und gar nicht mit der linken Hand übersetzte er James Joyce' "Dubliner", rühmte kollegial, aber unbedingt kundig die heute viel kritisierte "Ulysses"-Version Hans Wollschlägers und enthüllte beiläufig, wie der sich in seiner Arbeit verewigt hatte.

Die Literaturverwaltung überforderte den Literaten. Zimmer zog sich zurück, gab die Kunst fast vollständig auf und wurde Wissenschaftsautor. Mit einem unendlich aufnahmefähigen Gehirn gesegnet, beschäftigte er sich mit Spracherwerb und Intelligenzvererbung, mit der biologischen Nähe des Menschen zum Tier und mit der Käfighaltung der Hühner. Bei allem Mitgefühl sah er keine Alternative, denn die Verbraucher wollen es doch nicht anders: "Wir sind viel zu viele, zu Hungrige, zu Anspruchsvolle." Dabei war Zimmer sehr genau, er maß den Platz, der Fabrikhühnern zugestanden wurde (weniger als ein Din-A-5-Blatt) und wusste, dass eine Ausgabe der Zeit an guten Tagen den Umfang der "Buddenbrooks" annahm.

Zimmer wusste, dass auch Übersetzungen altern, polierte deshalb seine eigenen nicht anders als die der "Lolita" immer noch einmal, weil sie schließlich auf der Höhe seiner eigenen Nabokov-Philologie bleiben musste. Die von ihm betreute Werkausgabe ist so maßgeblich, dass die amerikanische seinem Vorbild folgt. Übersetzen war für den Feinstmechaniker "eine Art Ingenieursarbeit".

Sein letzter Artikel erschien in der Süddeutschen und handelte von dem "kleinen gelben Mauerstück", das Marcel Proust Vermeers "Ansicht von Delft" zuschreibt. Dieter E. Zimmer, der letzte Universalfeuilletonist, ist vergangene Woche im Alter von 85 Jahren in Berlin gestorben.

© SZ vom 29.06.2020/cag

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