bedeckt München

"Diese Fremdheit in mir" von Orhan Pamuk:Kleiner Drink, große Stadt

Einsichten ins Innerste der Stadt Istanbul bekommt der Held in Orhan Pamuks neuem Roman "Diese Fremdheit in mir".

(Foto: AFP)

Wer verstehen will, warum Istanbul heute nicht mehr die tolerante, multikulturelle Stadt ist, die sie einmal war, sollte den neuen Roman des Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk lesen.

Von Christoph Bartmann

Als Orhan Pamuk 2006 den Nobelpreis für Literatur erhielt, ehrte ihn die Jury als einen Autor, "der auf der Suche nach der melancholischen Seele seiner Geburtsstadt neue Symbole für den Zusammenprall und die Verflechtung der Kulturen" gefunden habe. Ausgezeichnet wurde ein Schriftsteller, der souverän über die Mittel des zeitgenössischen westlichen Romans verfügt und in seinen besten Büchern ("Schnee", "Rot ist mein Name", "Das schwarze Buch") an Kafka oder Nabokov anschließt.

Erst die Verbindung von beidem, von Istanbuler Melancholie und literarischer Kühnheit, hat Pamuks Rang begründet, jedenfalls in der westlichen Welt. Dass man in zwei Kulturen bewandert und dabei zugleich "absolut modern" sein konnte, war eine Vorstellung, die nicht nur die Schwedische Akademie bezauberte.

Der heimliche Held ist der Bauunternehmer - er tritt auf als Architekt der Zerstörung

Diese Vorgeschichte muss man in Erinnerung rufen, wenn man Pamuks neuen Roman "Diese Fremdheit in mir" zur Hand nimmt. Etwas hat sich verändert in Pamuks Schreiben seit dem Nobelpreis vor zehn Jahren. Mehr denn je ist jetzt die Klage um die Verwandlung und Zerstörung des alten Istanbul ins Zentrum gerückt. Stärker als früher auch scheint Pamuks Hang zum Melodram zu sein.

In Pamuks Roman "Das Museum der Unschuld" trat noch eine dritte Tendenz hinzu. Die Dinge der Vergangenheit sollen vor dem Vergessen bewahrt, sie sollen aufbewahrt und gezeigt werden, nicht mehr nur im Roman, sondern im Museum. So baute sich Pamuk eine private Institution für seine eigenen Memorabilien, als wolle er den eigenen Landsleuten eine Lektion in Melancholie erteilen. Seine Bücher sollen und wollen nun, so scheint es, vor allem im eigenen Land verstanden werden und Wirkung erzielen.

Komplexe fiktionale Bauwerke

Auf den ersten Blick wirkt der neue Roman freilich wie eines jener komplexen fiktionalen Bauwerke, wie sie Pamuk berühmt machten. Ein ganzes Ensemble von Erzählstimmen trägt eine Handlung vor, die der barocke Untertitel sogleich in ihrer Absicht erläutert: "Abenteuer und Träume von Mevlut Karatas, einem Boza-Verkäufer, und seiner Freunde, zugleich ein Porträt des Lebens in Istanbul von 1969 bis 2012 aus vielen verschiedenen Perspektiven". "A Strangeness in My Mind", heißt die Gedichtzeile von Wordsworth, die dem Roman den Titel gibt.

Man tut sich schwer, bei Mevlut, dem Protagonisten, tatsächlich Spuren dieser Fremdheit zu entdecken. Und wenn, dann ist es nur eine sehr leichte Fremdheit, so wie Boza, das Mevlut über vier Jahrzehnte mit seinem Lastjoch durch Istanbul trägt, ein sehr leichtes alkoholisches Getränk ist. Boza, gemacht aus fermentiertem Weizen, war, wie man lernt, ein beliebtes Getränk zu Zeiten des Sultanats, als Alkohol verpönt, aber ein kleiner Drink trotzdem willkommen war.

Zur Zeit des Romans will in Istanbul kaum einer mehr Boza trinken, weshalb Mevlut sein Angebot auf Joghurt, Eis, Hähnchen mit Pilav und manch anderes ausdehnt. Boza, der Alkohol, der je nach Betrachtungsweise gar keiner ist, der die Gläubigen so froh stimmt wie die Ungläubigen, der so leicht ist, dass er niemandem schadet - Boza ist hier ein Symbol für gelebte Toleranz und friedvolles Miteinander, und sei es auch um den Preis eines ordentlichen Alkoholgehalts. Boza, so könnte man auch sagen, ist die Super-Metapher für diesen Roman selbst.

"Von der Schwierigkeit, ein Mädchen zu entführen"

Pamuk lässt ihn mit einem melodramatischen Auftakt par excellence beginnen. "Von der Schwierigkeit, ein Mädchen zu entführen" heißt das erste Kapitel: Auf einer Hochzeit hat sich "unser Held" in eine glutäugige Schönheit aus dem Nachbardorf verliebt, der er fortan schmachtende Briefe schreibt, die natürlich unbeantwortet bleiben.

Eines Nachts verschleppt er sie, mit tatkräftiger Hilfe seines Neffen, nach Istanbul, um noch vor Ankunft festzustellen, dass er versehentlich statt der schönen Samiha deren ältere Schwester Rayiha entführt hat. Macht nichts, sagt sich Mevlut, und auch die überrumpelte Rayiha findet sich schnell mit ihrem Schicksal ab.

Ein groß angelegter Stadthistorienroman

Mevlut, der Mann mit dem Lastjoch, ist ein gutmütiger Held, den so schnell nichts aus der Bahn wirft. Zum ersten Mal hat Pamuk einen Roman vollständig aus der Perspektive eines sogenannten einfachen Mannes geschrieben. Auch wenn Mevluts Abenteuer und Träume von verschiedenen Figuren erzählt und kommentiert werden, geht die Erzählung kaum je über seinen Gesichtskreis und seine Vorstellungswelt hinaus.

orhan kreis

Orhan Pamuk.

(Foto: Arno Burgi/dpa)

Das führt, bei aller Buntheit der geschilderten Umstände, zu einer gewissen Eintönigkeit. Gemildert wird sie durch vielerlei Wissenswertes über Stadt, Land und Welt zwischen 1969 und 2012. Der groß angelegte Stadthistorienroman verlangt nach solchen Hinweisen und Kontexten, nur bleiben sie als allgemeine Sachverhalte den Figuren fremd.

Schrecklich gutmütig

Pamuk will erkennbar dem Leser mehr mitteilen, als es die Lebenswelt seiner Figuren glaubhaft vermitteln kann. "Eine Fremdheit in mir" - man meint bisweilen zu spüren, dass Pamuk mit seinen eigenen Figuren fremdelt. Alles soll so lebensnah wirken und könnte es vielleicht auch sein, wenn Pamuk seine Figuren wirklich von der Leine ließe. Das Problem ist nicht, dass Mevlut ein Simplex oder ein Schelm ist und deswegen die großen Zusammenhänge nicht durchschaut. Das Problem ist vielmehr, dass er so schrecklich gutmütig ist oder sein muss, eine Eigenschaft, die selten große Literatur nach sich zieht.

Vielleicht steht diese allzu offensichtliche Gutmütigkeit eines Helden, der ein bisschen religiös und ein bisschen säkular ist, der den überall lauernden Gefahren und Konflikten nach Kräften aus dem Weg geht, mit Pamuks pädagogischen Neigungen in Zusammenhang. Dies ist ein erstaunlich mildes, heiteres Buch geworden, erstaunlich deshalb, weil Pamuk auch anders kann und weil er auf 600 Seiten die Ursachen und Urheber der Zerstörung des alten Istanbul deutlich genug beim Namen nennt. Ist es vielleicht nicht nur vorsichtiger, sondern auch klüger und wirkungsvoller, wenn er sein Lebensthema diesmal auf eine Weise instrumentiert, die weder in ihrer Form noch in ihrer Botschaft mögliche Leser vor den Kopf stößt?

Weder Schelm noch Schurke

In diesem Roman jedenfalls präsentiert sich Pamuk als Aufklärer, der sein "J'accuse" in menschenfreundlicher Form unter die Leute bringt. Wer verstehen will, warum Istanbul heute nicht mehr die tolerante, multikulturelle, kosmopolitische Stadt ist, an die Pamuk sein Herz verloren hat, findet in diesem Roman Erklärungen genug. Lange Passagen, und vielleicht die besten, sind einem Thema gewidmet, mit dem sich Pamuk, der gelernte Architekt, auskennt wie ein Profi: dem illegalen Bauen. "Gecekondu" heißen solche provisorischen Bauten, Wohnkomplexe und -viertel, die jetzt die Hügel rings um die Stadt überziehen. Gebaut haben sie Leute wie Hadschi Hamit Vural.

Vielleicht ist er der heimliche Held des Romans, weder ein Schelm noch ein Schurke, aber einer, der in Mevluts Straßenhändlerwelt die Fäden zieht. Wie Mevlut und all die anderen ist er aus Anatolien nach Istanbul gekommen, aber anders als Mevlut hat er bald eine Moschee gestiftet und sich dann als Bauunternehmer etabliert. Hadschi Hamit Vural ist kein Fundamentalist oder Islamist, beides Wörter, die in Mevluts Welt kaum eine Rolle spielen, er ist ein Anführer der "Frommen", der "Religiösen", der sich mit Jobs, Wohnungen und anderen guten Werken die Gefolgschaft der Zuwanderer vom Lande verschafft. Illegales Bauen und religiöses Eiferertum sind zwei Seiten derselben Medaille, verkörpert in Figuren wie Hadschi Hamit Vural, der sich ins Istanbuler Establishment vorarbeitet, ohne je ein Bürger sein zu wollen.

Der ambulante Schriftsteller

Bei der Schilderung all dieser Machenschaften ist Pamuk spürbar in seinem Element, genauso wie in den Kapiteln, die Mevlut, nachdem er alle möglichen Jobs durchlaufen hat, als Stromableser zeigen. Was gibt es nicht alles an Möglichkeiten, den Stromableser zu täuschen? Und welche Einsichten ins Innerste der Stadt gewährt das Stromablesen dem wachsamen Ableser. In Mevluts ambulanten Tätigkeiten, dem Boza-Verkäufer oder dem Stromableser, hat Pamuk sich selbst, dem ambulanten Schriftsteller, ein Denkmal gesetzt.

Wie in Baudelaires Gedicht "Der Schwan" wird dem Wanderer alles, was er sieht, zur Allegorie, aber die Melancholie raubt ihm nichts von seiner Wachsamkeit. "Diese Fremdheit in mir" ist ein Buch geworden, das es seinen Lesern vordergründig zu leicht macht. Sein tatsächlicher Gehalt erschließt sich erst, wenn man die Handlung Handlung sein lässt und, wie der Stromableser, ein bisschen hinter die Fassaden schaut.

Orhan Pamuk: Diese Fremdheit in mir. Roman. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Carl Hanser Verlag, München 2016. 592 Seiten, 26 Euro. E-Book 19,99 Euro.

© SZ vom 30.01.2016/luc

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite