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Die Zukunft Europas:Heterogenität als Potential

In der dritten Position, dem "kosmopolitischen Europa", findet heute ein semantischer Streit statt. Denker wie Ulrich Beck und Edgar Grande verteidigen unter dem Label "kosmopolitisches Europa" eher die oben genannte universalistische Ansicht. Für einen emphatischen Kosmopolitismus treten Gelehrte wie der indische Historiker Dipesh Chakrabarty oder hierzulande die Kulturanthropologin Shalini Randeria ein. Sie verstehen die europäische Geschichte als Teil einer verwobenen Moderne, zu der Europa, Amerika, Afrika und alle anderen Weltregionen in gleicher Weise gehören. In der globalen Geschichte hängen auch Aufklärung und Kolonialismus, Menschenrechte und Sklaverei untrennbar zusammen. Die Vormachtstellung Europas, als es sie innehatte, bezieht sich damit auf beides, sowohl auf die Tugenden als auch auf die Miseren der Moderne.

In dieser Position nimmt das kosmopolitische Europa seine kulturelle, religiöse und soziale Heterogenität nicht als Drohung, sondern als Potential wahr. Deshalb muss auch ein kosmopolitisches Europa, anders als Habermas oder Beck es wollen, ohne den Appell nach einer europäischen Identität oder einer europäischen Öffentlichkeit auskommen. Die normativen Ligaturen Europas liegen nämlich nicht in der politischen Erzeugung von Gemeinsamkeiten - Europa ist kein Nationalstaat im großen Format. Das soziale Bindeglied eines kosmopolitischen Europas ist die bereits vorhandene Pluralität von postnationalen "convivial contexts", wie Paul Gilroy, Soziologe der London School of Economics, Räume nennt, in denen die Interaktionen nicht durch Zuschreibungen wie Hautfarben, Herkunft oder Geschlecht bestimmt werden. Dieses neue Miteinander findet man nicht nur in einzelnen Bereichen wie Sport oder Kunst, sondern auch im Alltag von Schulen, Unternehmen und Nachbarschaften. In diesen verstreuten Erfahrungen wächst das kosmopolitische Europa zusammen, und hier muss die Politik ansetzen.

Die demokratische Legitimität jenseits der Nation darf von der unwahrscheinlichen Erzeugung einer europäischen imaginierten Gemeinschaft von oben nach unten nicht abhängen. Postnationale Legitimität muss auf "convivial contexts" setzen, in denen Postnationalismus bereits Alltagserfahrung ist. Die politische Herausforderung besteht genau darin, demokratische Verfahren und politische Institutionen zu entwickeln, die zwischen übernationalen Erfahrungen und europäischer Willensbildung vermitteln.

Nach außen muss Europa, so die Kosmopoliten, seine ambivalente Rolle erkennen und womöglich grobe Inkonsistenzen überwinden. Wie alle anderen Länder vertreten die Europäische Union und auch die einzelnen europäischen Staaten in der Weltarena Eigeninteressen. Europa darf aber nicht als Akteur der sozialen Gerechtigkeit eintreten und gleichzeitig an protektionistischen Maßnahmen gegen Agrarimporte aus armen Ländern festhalten. Es darf sich nicht als Vorreiter der Menschenrechte weltweit präsentieren und Europas Grenzen für politische Flüchtlinge dicht machen. Es darf nicht eine altruistische Rhetorik der Militärinterventionen zum Schutz der Zivilbevölkerungen pflegen und gleichzeitig Diktatoren mit schweren Waffen beliefern.

Die kosmopolitische Vision entspricht einer dezentrierten Welt, in der kein Akteur allein dominiert. Mit seiner Heterogenität und seinen Verflechtungen mit allen anderen Weltregionen ist Europa aber prädestiniert, in einer kosmopolitischen Konstellation eine konstruktive Rolle zu spielen. Dies wird sicherlich nicht mehr die missionarische und zivilisatorische Rolle sein, die viele von Europa noch erwarten. Für die kritischen Problemlagen in einer verwobenen Weltgesellschaft hat Europa nicht die Lösung. Mit seiner kolonialen und imperialen Vergangenheit, seiner gegenwärtigen Handlungsunfähigkeit ist es Teil des Problems. Weder politisch noch moralisch ist Europa in der Lage, Menschenrechte und Demokratie weltweit zu belehren. Zu dem globalen Lernprozess, Gerechtigkeit immer wieder neu zu erfinden, kann Europa aber entscheidend beitragen - und vieles für sich selbst dabei lernen.

Der Autor ist Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin

© SZ vom 20.07.2011/cris/pak
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