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"Die Wiedererfindung der Nation":Fünf Minuten kochen

Aleida Assmann will die Nation entgiften. Sie werde zu Recht gefürchtet, aber dennoch gebraucht.

Von Thomas Steinfeld

Aleida Assmann: Die Wiedererfindung der Nation. Warum wir sie fürchten und warum wir sie brauchen. Verlag C.H. Beck, München 2020. 334 Seiten, 18 Euro.

Zu Grenzen scheint zu gehören, dass sie selten verschwinden, nach Jahrzehnten und selbst nach Jahrhunderten kaum. Sie mögen physisch für eine Weile undeutlich werden. Aber sie vergehen auch in der Europäischen Union nicht, im Gegenteil. Alle Nationalstaaten, die älteren wie die jüngsten, waren wieder da, als vor fünf Jahren Hunderttausende von Flüchtlingen vom Mittelmeer nach Norden zogen, mitsamt der zumindest latenten Feindseligkeit, die zur Abgrenzung vom Nachbarn gehört.

Und die Grenzkontrollen waren noch nicht wieder aufgegeben worden, als sie im vergangenen Frühjahr schon wieder in Betrieb genommen wurden, dieses Mal, um ein im Zweifelsfall stets ausländisches Virus daran zu hindern, die einheimische Bevölkerung zu überfallen. Seitdem fahndet eine politisierte Berichterstattung nach nationalen Unterschieden in der Verbreitung wie der Bekämpfung des Virus.

Den Möglichkeiten oder der Hoffnung, die Nation zu erhalten, sie aber von ihrem latent feindseligen Charakter zu befreien, ist das jüngste Buch der Konstanzer Anglistin Aleida Assmann gewidmet. Selbstverständlich weiß sie, dass eine Nation den Globus in eine Sphäre des "Wir", zu der man selber gehört, und in ein Außen teilt, in dem die Anderen leben. Und sie weiß auch, dass sich ein solches "Wir" nicht nur parteilich ist, sondern sich gern allen anderen möglichen "Wirs" überlegen dünkt. Deshalb spricht sie davon, man müsse die Nation "entgiften" oder "umbauen".

Wie aber muss man sich den Sinn dieser Metaphern vorstellen: Verhält es sich mit dem Nationalstaat wie mit der Morchel, die man fünf Minuten kochen muss, bevor sie genießbar wird? Oder wie mit der ehemaligen Münchner Hauptpost am Max-Joseph-Platz, in der jetzt die Taschen von Louis Vuitton verkauft werden? Und überhaupt: Wer ist das historische Subjekt, das "entgiften" oder "umbauen" soll? Sollten damit Politiker oder gar nur Historiker gemeint sein, wäre zumindest ein Verdacht auf Selbstüberschätzung anzumelden. Wer aber sonst sollte das "gemeinsame Ost-West-Narrativ" erschaffen, das Aleida Assmann vermisst? Entstanden ist dieses Buch vermutlich aus Vorträgen und Diskussionsbeiträgen mit eher disparatem Charakter. Es beginnt mit der Vergewaltigung der Prinzessin Europa durch den nationalstaatlichen Stier, so wie die Politologin Ulrike Guérot diesen Vorgang darstellte. Und es endet mit dem Trog, den der Künstler Hans Haacke im Jahr 1999 im Lichthof des Reichstagsgebäudes aufstellte, bepflanzt mit Gewächsen aus allen deutschen Wahlkreisen (und mittlerweile gründlich versteppt) und versehen mit dem Neonschriftzug "Der Bevölkerung".

Um das Verschiedene zu binden, erklärt Aleida Assmann, die "Nation" sei gegenwärtig kein aktuelles Forschungsthema. Ob diese Behauptung allerdings zutrifft, wäre zu bezweifeln. Die wichtigsten Arbeiten von Anthony D. Smith, Paul James oder Henri Temple sind alle erst nach der Jahrtausendwende entstanden. Und hatten Aleida und ihr Mann Jan Assmann nicht vor zwei Jahren den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten, weil sie, wie es in der Begründung der Jury hieß, zur Aufklärung "zu Fragen eines kulturellen Gedächtnisses einer Nation" beigetragen hatten?

Die Disparatheit der Anlässe, aus denen dieses Buch entstanden sein dürfte, spiegelt sich im Auseinander der Bestimmungen, mit denen erklärt werden soll, was ein nationales Kollektiv tatsächlich zusammenhält. Der "Fundus des nationalen Gedächtnisses", schreibt Aleida Assmann, werde "einerseits für die Inszenierung der Nation wiederaufbereitet und andererseits zur Beute derer, die historische Mythen für ihre nationalistischen Zwecke ausschlachten". Aber gibt es bei diesem "Fundus" tatsächlich ein "Einerseits, Andererseits"? Oder ist es nicht eher so, dass die einen in die Paulskirche gehen und die anderen sich am Kyffhäuser treffen? Und dass die einen zwölf Jahre Nationalsozialismus für einen "Vogelschiss" halten und die anderen für ein Verbrechen ohne gleichen, aus dem eine außerordentliche Läuterung hervorging? Abgesehen davon, dass es ganz und gar nicht gewiss ist, dass die Bürger eines untergegangenen Staates mit ihren "gebrochenen Biographien" zu bekennenden Anhängern einer neuen Bundesrepublik werden, wenn beiderseits hinreichend "Selbstkritik" geübt wird.

Die methodische Voraussetzung, es gebe, außerhalb des jeweils Individuellen, noch ein "kollektives" Gedächtnis, spiegelt sich in der Annahme, in der Nation verberge sich, über die moralische Erhöhung des Staatlichen zu einer notwendig porösen und oft auch prekären Gemeinschaft hinaus, tatsächlich so etwas wie ein Kollektivsubjekt. Man versteht, warum solche Gedankengänge in der Politik auf offene Ohren stoßen. Aber welchen Sinn kann es haben, das Vertrauen auf militärische Stärke durch eine Hoffnung auf "das friedliche Zusammenleben der Nationen in der EU" ersetzen zu wollen, wenn doch offensichtlich ist, dass es mit dem Frieden ein schnelles Ende nehmen dürfte, wenn der beiderseitige Vorteil nicht mehr gegeben wäre? Und wie realistisch ist der Einfall, man könne die Ausländerfeindschaft von Nationalisten durch ein "Narrativ" auflösen, in dem von den "Migrationswellen" erzählt wird, die durch Deutschland zogen? Auf beide Fragen gibt die jüngste Wiederkehr der physischen Grenzen innerhalb der EU eine Antwort. Dass es Aleida Assmanns Plädoyers für eine menschenfreundliche Nation entschieden an Einsicht in die gesellschaftliche Wirklichkeit wie in deren Geschichte fehlt, scheint eine Bedingung des Erfolgs dieser Sonntagsreden zu sein.

© SZ vom 24.11.2020
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