"Die Verlegerin" im Kino Spielbergs Flucht nach vorne

Ein paar Freiheiten haben sich die Autoren Josh Singer ("Spotlight") und Liz Hannah schon erlaubt. In den USA wurde ihnen vorgeworfen, dass die Pentagon-Papiere eben doch mehr eine Sache der New York Times gewesen seien als der Washington Post. Nur hatte die aber keine Frau an der Spitze. Natürlich interessiert sich Spielberg nicht nur für Geheimakten und ihren Weg ins Freie, sondern auch für Figuren, für die Entwicklung von Kay Graham, die dann später tatsächlich zur Ikone wurde, hier aber noch zaudernd nach einem Sieg vor Gericht in eine Menschenmenge tritt, die gegen den Vietnamkrieg demonstriert. Spielberg lässt sie das ganz langsam tun, und um Kay Graham herum sind plötzlich nur junge Frauen, die zu ihr aufsehen. Auch das ist ein Moment, der gut in die Gegenwart passt - Frauen haben in den Protesten gegen Donald Trumps Politik, gegen die Kürzungen von Geldern für Behinderte, für die Gesundheitsversorgung, gegen Einreiseverbote und Einwanderungspolitik eine tragende Rolle gespielt, und im Herbst, bei den nächsten Wahlen, werden mehr weibliche Kandidaten antreten als je zuvor in der Geschichte der USA.

"The Post" ist insofern ein riskantes Unternehmen, als der Film sich an einem der großartigsten in diesem Genre überhaupt messen muss - an Alan J. Pakulas "Die Unbestechlichen", der davon erzählt, wie zwei unbekannte Reporter, Bob Woodward und Carl Bernstein, denselben Chefredakteur Ben Bradlee dazu bringen, ihre Recherchen zu veröffentlichen über Richard Nixons Verstrickung in den Einbruch in die Büros seiner Gegner, der Demokratischen Partei - Watergate. Nicht nur der Skandal ist legendär, auch der Film dazu, der den Fall größer und haltbarer machte als Nixons Rücktritt allein gewesen wäre. Seither sind die Redaktionsräume der Post wohl die bekanntesten der Welt. Ein Film über die Washington Post muss sich an den "Unbestechlichen" messen lassen.

Spielberg hat sich für die Flucht nach vorn entschieden - er zitiert Pakula und vor allem dessen Kameramann Gordon Willis. Auch hier sind die Regierungsgebäude, von unten gefilmt, erdrückend in ihrer Macht; und die Menschen, die es mit dieser Macht aufnehmen wollen, winzig wie Ameisen. "Die Unbestechlichen" waren großartig darin, akribisch einen komplizierten Skandal und seine Genese auf den Punkt zu bringen - das tut "The Post" nicht. Spielbergs Film wird auch nicht denselben Einfluss haben; so wichtig sind Filme heute nicht mehr.

Die Papiere belegen, dass die jungen Soldaten in Vietnam nur verheizt werden

Doch er stellt Fragen, die damals zu kurz kamen: Was ist Journalismus noch wert, wenn er nicht mehr unabhängig ist? Wenn eine Regierung Informationen zurückhält: Wie weit dürfen Journalisten gehen, um sie doch zu veröffentlichen? Wann ist das Offenlegen von Regierungsgeheimnissen gerechtfertigt, um Leben zu schützen? Kay Graham ist bereit, statt an die Börse in den Knast zu gehen. Nicht aus Geltungssucht oder Spaß am Kampf gegen Nixon. Die Papiere belegen, dass die jungen Soldaten, die Jahr um Jahr nach Vietnam geschickt werden, nur verheizt werden in einem Krieg, der nicht zu gewinnen ist. Es geht keinen Schritt weiter in Vietnam, seit vielen Jahren, und wechselnde Regierungen wissen davon. Das muss aufhören, sagt Ben Bradlee.

Manchmal sieht man in "The Post" das Weiße Haus von außen, die Kamera tastet sich an die Fenster heran, und dazu hört man das Zischen von Nixon, der schwört, dass er all dem ein Ende machen wird, oder flucht, dass keiner von der Post hier je wieder einen Fuß hineinsetzen wird. Es ist Nixons echte Stimme, die man da hört, kleine Schnipsel aus den Bandaufnahmen, die er besessen anfertigen ließ von allen Gesprächen in seinem Büro. Sie gemahnen daran, dass es am Ende nicht die Washington Post war, die Nixon zu Fall gebracht hat. Er war es selbst.

The Post, USA 2017 - Regie: Steven Spielberg. Drehbuch: Liz Hannah, Josh Singer. Kamera: Janusz Kaminski. Mit: Meryl Streep, Tom Hanks, Bob Odenkirk, Michael Stuhlbarg, Alison Brie, Bruce Greenwood. Fox, 117 Minuten.

"Wir drucken!"

Katharine Graham wagte es, sich in der Watergate-Affäre gegen US-Präsident Nixon zu stellen - und schrieb Geschichte. Ein Kinofilm erzählt jetzt, wie die Verlegerin der "Washington Post" den Mächtigen die Stirn bot. Von Willi Winkler mehr...