"Die Tribute von Panem - Mockingjay" im Kino:"Wenn wir brennen, brennt ihr mit uns"

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Jennifer Lawrence hat in den letzten Monaten bei David O. Russell angenehm kindische und überspannte Mädchen gespielt, in "Silver Linings Playbook" und "American Hustle", zusammen mit Bradley Cooper, und die Mittelstandsatmosphäre, in der sie sich da bewegte, klingt nun in der neuen Katniss nach. Ein Kind, das sich sperrt gegen die neue Coolness. "I never watch the stars, there's so much down here." Katniss ist Kämpferin, sie will sich nicht vereinnahmen lassen vom Repräsentations-, vom Propagandageschäft. Wie Fliegen schwirren die eifrigen Kids eines Aufnahmeteams um sie her, wo immer sie gehen mag, sie sollen Promo-Clips mit ihr schaffen, zur Ausstrahlung, um die Massen der verbliebenen Distrikte zum großen Freiheitskampf zu entflammen.

Aber Katniss braucht einen Anlass, einen Augenschein, um selbst in Erregung zu kommen. Catching fire! "Das Feuer breitet sich aus", droht sie dann dem Präsidenten Snow, "wenn wir brennen, dann brennt ihr mit uns . . ." Nur in Christopher Nolans "Interstellar" brennt es zur Zeit noch heftiger, dieses Feuer der Leidenschaft, mit der die Menschen noch einen letzten verzweifelten Versuch wagen, sich und ihre Welt zu retten.

Mit "Mockingjay" hat die Panem-Serie stillschweigend das Genre gewechselt, ist irgendwie erwachsen geworden. Dies ist ein Kriegsfilm, der nicht die Perspektive der Krieger einnimmt, in der Kanzel eines Kampfbombers, sondern ganz unten bleibt. Eine Kriegserfahrung, wie die Amerikaner sie im 20. Jahrhundert nicht machten, im Bunker, den feindlichen Bomben ausgesetzt. Immer wieder wandern die Kids durch Trümmerhalden, riesige Steinbrocken versperren ihnen die Sicht und den Weg.

Steif und statuarisch wie Abe Lincoln

Ein Film über die Machinationen von Politik und Herrschaft, auch die Widerstandsgruppe der Präsidentin Coin haust in einem unterirdischen Bau, einer ehemaligen Graphitmine, die in ihren düsteren Farben an die DDR erinnert, ihre Leute sind militärisch gedrillt, in Reih und Glied. Die Präsidentin hat mehr, als ihr lieb sein mag, mit ihrem Gegenspieler gemein, dem Präsidenten Snow, der in weißem langen Rock daherkommt, so dürr und steif und statuarisch wie der gute alte Abe Lincoln, der seinerzeit Tausende junger Unionssoldaten in den Bürgerkrieg schickte.

Auch Donald Sutherland, der mit wilden anarchischen Rollen - "M. A. S. H."! - anfing, beschwört die Einheit der Nation, die Ordnung, für die geopfert werden muss. Sein Regime erinnert an den Terror des Nationalsozialismus und des Stalinismus, aber auch des IS. Es ist die Position eines Perversen, hat Slavoj Žižek geschrieben, eine Haltung, "in der sich das Subjekt in die Position des Werkzeugs des Willens des großen Anderen begibt". Die gefangenen Rebellen müssen sich niederknien und werden mit Genickschuss erledigt.

Präsident Snow ist ein Profi, wenn wir bluten, das ist seine Parole, dann zeigen wir das den anderen nicht. Auch Präsidentin Coin ist ein Profi, auch im Überzeugungstäter steckt faschistisches Potenzial. "Mockingjay" macht das Kino nicht zur moralischen Anstalt, er bleibt angenehm distanziert und subversiv. Als einer der Politiker von Demokratie spricht, klingt's plötzlich schrill nach demockracy - eine Gesellschaft, die ihr Volk verspottet.

The Hunger Games. Mockingjay Teil 1, USA 2014 - Regie: Francis Lawrence. Buch: Peter Craig, Danny Strong. Nach dem Roman von Suzanne Collins. Kamera: Jo Willems. Musik: James Newton Howard. Schnitt: Alain Edward Bell, Mark Yoshikawa. Mit: Jennifer Lawrence, Josh Hutcherson, Liam Hemsworth, Woody Harrelson, Elizabeth Banks, Julianne Moore, Donald Sutherland, Philip Seymour Hoffman, Jeffrey Wright, Stanley Tucci. Studiocanal, 125 Minuten.

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