Die Tiere in "I am Legend" Held und Hund

Das Zwitschern der Vögel hat in "I am Legend" eine besondere Bedeutung. Denn Vögel sind die einzigen Tiere, die in Freiheit leben und die man dabei doch beobachten kann.

Von Thomas Steinfeld

In einer der unbeschwerten Szenen des Films "I am Legend" streichelt der Held seinen vor ihm liegenden Hund, spricht zu ihm und schaltet dann einen CD-Spieler an. Dann ist ein Lied von Bob Marley zu hören, und der Held stimmt, wohl wissend, dass ihm kein Mensch zuhören wird, in den Gesang ein: "Rise up this mornin' / Smiled with the risin' sun, / Three little birds / Pitch by my doorstep / Singin sweet songs / Of melodies pure und true."

Dank ihm ist der letzte Mensch niemals ganz allein: Im Hund wendet sich die reine Kreatur dem Menschen zu, aufmerksam und in unbedingter Zuwendung.

(Foto: Foto: Warner)

Das ist schlicht, und ergreifend wird es, wenn man die Lage des Helden bedenkt: Denn er ist ja mutmaßlich allein, der letzte Mensch in der Hauptstadt der Welt, in Nordamerika, auf dem gesamten Globus. Und wenn er morgens aufwacht (falls die Vampire ihn schlafen lassen), hört er tatsächlich nichts als das Zwitschern der Vögel.

Es dauert lange, bis dieser Film schnell und zu einem Thriller wird. Fast eine ganze Stunde lang ist er es nicht. Und mehr noch - es läuft beinahe keine Musik. Der Held hält in der menschenleeren Stadt inne, durch die Madison Avenue zieht ein Rudel Rehe, und zwischen den abgestellten Autos am Times Square sprießen kleine Bäume.

Das Trampeln der Hufe, die Jagdgeräusche eines Löwen, das leise Hecheln des Hundes sind die einzigen Geräusche, die man jetzt vernimmt - und das Zwitschern der Vögel, das von einer Freiheit und Unbeschwertheit kündet, die der Held nie sein Eigen wird nennen können, und das dennoch auf eine diffuse Weise höchst bedrohlich wirkt.

Während dieser ersten Stunde sind nicht die Vampire oder Zombies das eigentliche Gegenüber des Helden. Es sind die Tiere. Sie sind so unschuldig, wie der Mensch nicht hat werden können, und erst recht nicht der Mensch, der glaubte, seine eigene Natur beherrschen zu können.

Denn wenn sie etwas begehren, laufen sie geradewegs auf ihr Ziel zu, direkt und ohne Verstellung. Sie kennen keine Rücksichten und durchdringen die Verwirrungen, aus denen das angehäufte Wissen um Status, Macht und Geltung besteht, als hätte es sie nie gegeben. Das Tier muss und kann nichts darstellen.

Es ist nur es selbst, und alle Fragen nach Sinn und Zweck, nach Recht und Unrecht, nach Interessen und Widersprüchen sind von vornherein gelöst: Denn sie wurden nie gestellt. Das Tier ist das unpolitische Lebewesen - und in der Art und Weise, wie in diesem Film das Gegenüber des einen Menschen zu den Tieren realisiert wird, schwingt - bei aller Verdammnis - auch eine Sehnsucht mit: danach, dass es auch zwischen Menschen so sein könnte.

Deswegen ist das Verhältnis zwischen dem Helden und seinem Hund so eng: Im Hund wendet sich die reine Kreatur dem Menschen zu, aufmerksam und in unbedingter Zuwendung. Er fordert seine Teilnahme heraus, weil die Zeichen des Schmerzes und des Behagens dem Menschen so vertraut sind, weil er Gemüt besitzt, ein Temperament und eine Art Sinn für Gemütlichkeit - so anrührend, wie der Held des Nachts in seiner Badewanne liegt, eng an den Hund gekuschelt und das Gewehr über die Brust gelegt.

Und ist es nicht beinahe so, als könnte der Hund, wenn er seinen Herrn anschaut und winselt, im nächsten Augenblick zu sprechen beginnen? Und deswegen kommt dem Zwitschern der Vögel in diesem Film eine solche Bedeutung zu - und dem nur scheinbar naiven Lied von Bob Marley: Denn die Vögel öffnen den Raum. Sie sind die einzigen Tiere, die in Freiheit leben und die man dabei doch beobachten kann - nein, nicht beobachten, sondern sehen. Sie sind da, weil sie fliegen können, und sie müssen vor dem Menschen keine Angst haben, weil dieser sie nicht erreichen kann. Zurück bleibt der Mensch. Er war einmal ein politisches Wesen.