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Die Simpsons werden 20:Weiche Schale, kaputter Kern

Den "Simpsons" gelingt in nur 20 Minuten ein familientauglicher Brückenschlag zwischen Hollywood-Schelte, Bush-Bashing und Nazideutschland. Das muss die große Liebe sein.

Am besten beginnt man gleich mit den Preisen. Die gibt es nämlich reichlich: Annie und Peabody Awards, Dutzende Emmys, ein Stern auf Hollywoods "Walk of Fame". Das listenwütige Magazin Time kürte sie sogar zur besten Fernsehserie des 20. Jahrhunderts. Ihre bekanntesten Schlagwörter wurden längst in den kulturellen Kanon aufgenommen. Sie sind die am längsten laufende Sitcom, das am längsten laufende Prime-Time-Format und die am längsten laufende Zeichentrickserie der westlichen Welt. Die Rede ist, natürlich, von den Simpsons.

Simpsons, 20. Geburtstag

Unterhalten und untergraben, das sei das Motto der Simpsons, ließ sich ihr Schöpfer Matt Groening zitieren.

(Foto: Foto: dpa)

Noch besser aber, man beginnt ganz von vorne, im Jahr 1989. Nachmittags laufen damals im Privatfernsehen die Cosby Show, MacGyver und Alf. Die Trostlosigkeit ist total. Bill Cosby, Richard Dean Anderson und der Außerirdische vom Planeten Melmac vermitteln in ihren Shows brave Werte, dazu spielt die Regie Lacher vom Band.

Hinein in die mediale Ödnis brechen die Simpsons, eine Zeichentrickserie, die schon bald zu einem postmodernen Kunstwerk werden sollte. Welchem Format sonst gelingt innerhalb von 20 Minuten ein familientauglicher Brückenschlag zwischen Hollywood-Schelte, Bush-Bashing und Nazideutschland? Ob Medien- oder Waffengeilheit - hier wurde und wird adressiert, was in der amerikanischen Gesellschaft schief läuft. Und dank der Simpsons war die Kritik der Verhältnisse neuerdings sogar lustig. Unterhalten und untergraben: Das sei sein Motto, ließ sich der Schöpfer der Serie, Matt Groening, mal zitieren.

In einschlägigen Kreisen kann man heute ganze Unterhaltungen durch Simpsons-Zitate bestreiten. Der Verweis auf den fiktiven Ort Springfield zeichnet den Gesprächspartner dabei nicht als Fernseh-Junkie, sondern als Pop-Connaisseur aus. Mit den Simpsons lernt man auch Filmsprache. Ob Hitchcock, Tarantino oder Welles - es bräuchte schon ein enzyklopädisches Wissen, um all die Referenzen und versteckten Pointen zu erkennen.

Nicht wenige junge Menschen haben Klassiker wie "Once Upon a Time in America" zuerst in der Simpsons-Adaption gesehen. Und als sich Monty Burns, der reiche AKW-Betreiber und Erzschurke der Serie, in einer Folge nach dem Teddybär aus seiner Kindheit sehnt, während er einsam in seinem düsteren Fabel-Anwesen sitzt, merkt man erst Jahre später, dass das Plüschtier "Rosebud" ist, und Mr. Burns Citizen Kane.

Das Lieblingsopfer der Autoren war aber schon immer das Fernsehen selbst. Der Kanal-6-Reporter Kent Brockman und Clown Krusty sind Ergebnisse der gleichen 08/15-Formeln, nach denen TV-Shows auch in der echten Welt funktionieren, und ihre Verfehlungen sind Parabeln auf all die kaputten Figuren, die unverdienter Ruhm produziert.

Dennoch ist die Serie in ihrem Spott nicht wahllos. Wer hier schlecht wegkommt, hat es in der Regel verdient. Wer gelobt wird auch. Letzteres - die Serienreferenz als Ritterschlag - wurde anfangs nur den wirklich Großen zuteil. Mittlerweile aber, wir schreiben die 21. Staffel, tauchen immer öfter auch Stars in der Comicwelt auf, die man dort früher nicht erwartet hätte. Britney Spears, zum Beispiel, 50 Cent oder Paris Hilton. Die scheinbar immer wahlloseren Promi-Auftritte stoßen unter vielen Hardcore-Fans auf Unverständnis.

Nostalgiker beschwören bereits eine "goldene Zeit" der Serie (etwa zwischen 1992 und 1998) und kanzeln neue Folgen kritisch ab. Zu slapstickhaft wirken viele der Gags heute, zu beliebig die Plots. Natürlich haben die Autoren der Serie ihre gelegentliche Schwächen auch schon selbst persifliert. In einer Folge der elften Staffel etwa zeigten sie die Comic-Helden im Stil einer Enthüllungsstory. Längst haben sich da Burn-Out-Syndrom, Medikamentenmissbrauch und Größenwahn in die Familie geschlichen.

Vielleicht erklärt sich der - auf sehr hohem Niveau - nachlassende Witz auch durch die Politisierung der Serie nach dem 11. September 2001. Die Autoren thematisieren George W. Bushs Wiederwahl 2004 ("Wahlbetrug gibt es vielleicht in Ohio, aber doch nicht in Amerika!"). Einmal lassen sie die Simpsons gegen den Patriot Act protestieren, woraufhin die Familie auf einer einsamen Insel interniert wird. Ein andermal wird Homer zum "unlawful combatant" erklärt.

Trotz aller berechtigten Kritik sind die Simpsons natürlich noch immer eine sehr, sehr gute Show. Und sie ragen meilenweit heraus aus all der Fernsehmassenware. 20 Jahre sind eine lange Zeit in einer Branche, in der vielen Autoren schon nach einer Staffel die guten Ideen ausgehen - falls sie überhaupt je welche hatten. Dem Mittelmaß kann man so etwas leicht verzeihen, bei der großen Liebe ist das leider schwierig.

Simpsonize me!

Sind wir nicht alle ein bisschen gelb?