Süddeutsche Zeitung

Favoriten der Woche:Ein Konzert fürs Wohnzimmer

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Der russische Dirigent Vladimir Jurowski stellt Haydns Passionsmusik Komponisten aus Kriegsregionen gegenüber. Diese und weitere Empfehlungen aus dem SZ-Feuilleton.

Von SZ-Autorinnen und - Autoren

Klassik: Beziehungszauber mit Vladimir Jurowski

"Die Dinge zueinander in Beziehung zu bringen", darin bestünde "im Wesentlichen" alles Denken, sagte Arnold Schönberg, Komponist. Der Dirigent Vladimir Jurowski, in Moskau geboren, russisch-ukrainisch verwurzelt, mit 18 Jahren nach Berlin ausgewandert, hat nun ein Konzert kuratiert und dirigiert, das in diesem Sinne ein denkendes ist: Es versetzt musikalische Gegenwart und Historie in Schwingung, 1787 und 2023, zugleich aber auch Gefühle und Gedanken, Töne und Worte.

Da tönt in in der Berliner Philharmonie herüber die Passionsmusik des alten "Papa" Haydn, Titel: "Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze", aus der Bibel angesagte, geniale Adagio-Sätze. Und da dürfen sechs lebende Komponistinnen und Komponisten mit eigenen Gedanken und Orchesterklängen, von Jurowski in Auftrag gegeben, kühn dazwischengrätschen. Der musikpolitische Coup: Die sechs Tonsetzer stammen aus heutigen Kampfregionen, aus der Ukraine, Russland und Belarus sowie aus Teheran. Sie stehen am Ende alle, ausgenommen der in Minsk verbliebene Victor Copytsko, zusammen mit Jurowski und den Rundfunkmusikern auf dem Podium, überglücklich.

Aus einfachsten musikalischen Linien, ja Floskeln, errichtete Haydn Weiträumiges, Tiefsinniges, oft Dramatisches. Und Oleksandr Shchetynsky, Victoria Vita Poleva und Anton Safronov, Boris Filanovsky und Sara Abazari haben, wie weiland Joseph Haydn, mit ihren schönen Stücken eine kluge, vitale Originalität für expressiv-moderne Klanggebäude zu bieten. Aber noch andere Verbindungen sind im Kammermusiksaal der Philharmonie aktiv, mit Texten über Leid, Folter, Schmerz, Tod, aufgeschrieben vom heutigen Autor und Kriegszeugen Serhij Zhadan und der Dichterin Anna Seghers, die 1983 in einem vom Krieg geteilten Deutschland starb - lauter Anklagen, die der gerade noch amtierende Berliner Kultursenator Klaus Lederer vorliest. Darin spiegelt sich das Denken von Vladimir Jurowski, dem Musikdirektor des ältesten deutschen Radio-Orchesters und zugleich der Bayerischen Staatsoper: "Der Konzertsaal ist ein Teil unseres Lebens, und wir sind ein Teil der Gesellschaft, in der wir leben", sagte er kürzlich. Wolfgang Schreiber

Pop: Alles klar auf der Andrea Doria

Deutsch im Rock, das war lange so undenkbar wie Basilikum im Speiseeis. Und dann kam Udo, der einzigartige Lindenberg, und er küsste das Deutsche in die Rockmusik. Vor 50 Jahren war das, auf dem Meisterwerk "Alles klar auf der Andrea Doria". Auf dieser LP ist alles angelegt, was der Musiker Udo Lindenberg ist: sein packender Zugriff auf die Sprache, seine Vermengung von Musikstilen, sein Blick auf die soziale Wirklichkeit, seine "dünne Mülltonnenstimme" (er über sich selber) und seine allerzartesten Gefühle, ausgedrückt im "Mädchen aus Ost-Berlin". Ein bewegendes, rotziges, wehmütiges Klassiker-Album mit Themen, die auch im Jahr 2023 noch aktuell sind: "Und es ist doch ganz egal, ob du ein Junge oder ein Mädchen bist." Marc Hoch

Serie: Fleishman is in Trouble

Vor einigen Jahren erfand ein deutscher Sender das Genre des "großen TV-Romans". Groß war daran aber nichts, weder die Vorlagen noch deren Verfilmungen. Wie es richtig geht, zeigt die US-Serienversion des vergnüglichen Millenial-Romans "Fleishman is in Trouble" von Taffy Brodesser-Akner: In acht Episoden wird die Geschichte von Toby Fleishman (Jesse Eisenberg) erzählt, der sich von seiner Frau (Claire Danes) scheiden lässt und mit den Kindern allein gelassen wird. Für den New Yorker Arzt geht es fortan um alles: "Um Geld, mangelnde Befriedigung, um Eifersucht und Ambitionen, um Karriere, Elternschaft, Nostalgie und lebenslange Freundschaft." Das ahnt der gebeutelte Titelheld aber noch nicht, das weiß nur die kluge Erzählerin - sie macht aus dieser Miniserie (bei Disney+) einen wahrhaften TV-Roman. Sogar einen großen. Josef Grübl

Malerei: Rudolf-Levy-Ausstellung in Florenz

Ein mächtiger Kopf mit wuchtigem Kinn, ein Kneifer vor den Augen und obendrauf ein Bowler-Hut - so hat vor 1915 der Maler Albert Weisgerber seinen Kollegen Rudolf Levy (1875 - 1944) porträtiert. Levys Selbstporträt von 1943 zeigt dagegen vor grünblauem Hintergrund das Gesicht eines älteren Mannes mit Stirnglatze, leicht geöffnetem Mund, steilen Falten über der Nasenwurzel und einer runden Hornbrille. Kein glücklicher Gesichtsausdruck, Bitternis liegt über den Zügen, der Mann wirkt getrieben, nervös. Wie eine Momentaufnahme ist das gemalt, expressiv, sensibel, unübersehbar sorgenvoll.

Beide Bilder sind noch bis zum 30. April im Palazzo Pitti in Florenz ausgestellt, in einer Schau, in der vor allem Levys Gemälde aus der Exilzeit zu sehen sind. Farbintensive Stillleben mit Früchten oder Blumen, scharf umzogene Porträts vor nahezu einfarbigen Hintergründen. Auch vitale Bilder von Küstenlandschaften in Frankreich, auf Ischia oder Mallorca gibt es. Expressionistische Härte mischt sich da mit dem Feuer französischer Farbigkeit, über allem aber schwebt untilgbare Schwermut. Levy gehörte einst zu den wichtigsten Schülern von Henri Matisse und war auch mit Hans Purrmann befreundet.

Dass dieser ausdrucksstarke Maler heute meist nur Spezialisten bekannt ist, hat mit seiner Biografie zu tun, die in Stettin begann, dann über München nach Paris führte. Als deutscher Freiwilliger im Ersten Weltkrieg erhielt er das Eiserne Kreuz. In den Zwanzigerjahren lebte er in Berlin. Hitlers Machtantritt zwang ihn 1933 ins Exil. Levys Leben endete im Januar 1944 auf dem brutalen Transport nach Auschwitz.

Die Nazis rechneten den jüdischen Maler gleich doppelt zur "entarteten Kunst": seines Werks und seiner Abstammung wegen. Erst allmählich werden Bedeutung und Rang Levys wiederentdeckt. Die Florentiner Ausstellung bietet beste Gelegenheit, sich von der Kraft, Schönheit und Melancholie dieses Werkes zu überzeugen. Nach Amerika zu entkommen gelang nicht, er lebte zum Schluss in Florenz, wo ihm am 12. Dezember 1943 zwei SS-Leute auflauerten. Sie sagten, sie wollten Bilder kaufen. Auf der Treppe zu seiner Wohnung nahmen sie ihn fest und ließen ihn deportieren. Harald Eggebrecht

Film: Kuss vor dem Tode

Der amerikanische Traum als düstere Perversion: Ein junger Mann will nach oben, raus aus dem Kabuff, wo er mit seiner Mutter haust - eine Mitstudentin heiraten, deren Vater eine dicke Kupfermine besitzt. Das Mädchen wird dummerweise schwanger, Enterbung droht. Es bleibt also nur: die Verführte umzubringen und sich dann an die Schwester ranzumachen. "Kuss vor dem Tode" von Gerd Oswald (DVD/Bluray bei Explosive Media), 1956 erschienen, ist ein fieser film noir, viel Sonne, helle Farben, nach dem Roman von Ira Levin, der auch die Vorlage zu "Rosemaries Baby" lieferte. Der mörderische Sonnyboy ist Jungstar Robert Wagner, eben erfolgreich als Prinz Eisenherz. Damals war das Gerede vom Schwangersein in Hollywood verpönt, heute wirkt, wie sich großbürgerlicher Reichtum zur Schau stellt, unangenehm penetrant. Einmal, in einer Bar, muss man scharf aufpassen, dass man am Cinemascope-Rand die entscheidende Bewegung eines Schattens nicht verpasst. Fritz Göttler

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