Die Sache: Broder gegen Melzer Zionistischer Antizionismus?

Können Juden Antisemiten sein? In einem Gerichts-Streit zwischen dem Publizisten Henryk M. Broder und dem Verleger Abraham Melzer muss nun ein deutsches Gericht entscheiden, ob ein Jude einen anderen judenverachtend geschmäht hat. Jetzt fällt das Urteil.

Von SONJA ZEKRI

Inzwischen hat der Streit ein Niveau erreicht, das nur noch schwer zu unterbieten ist. Und doch unterbieten es die Kontrahenten fast täglich. Der Publizist Henryk M. Broder nennt den Verleger Abraham Melzer "Grövaz", "Größten Verleger aller Zeiten" - eine Anspielung auf den "Größten Feldherren aller Zeiten". Melzer, so schreibt Broder auf seiner Homepage, sei immer "für eine Pointe gut, die sich so anhört wie ein verschwitztes Braunhemd riecht". Dieser wiederum schmäht Broder als "Natter", deren "jiddischer Gefilte-Fisch-und-Falafel-Patriotismus" ihn dazu verleite, sich "im antisemitischen Kot zu wälzen", obwohl er im Spiegel kaum je einen "schönen blonden Jüngling" erblicken werde. Er, Melzer, habe jedenfalls "Ahasver gesehen, den Ewigen Juden."

Es ist der Rosenkrieg ehemaliger Freunde, die zu erbitterten Feinden geworden sind über der Frage, wer Israel dient und wer ihm schadet, ein Schlagabtausch ohne Regeln, der auf gespenstische Weise den rhetorischen Figuren derjenigen verhaftet ist, gegen die sich beide mit aller Macht absetzen wollen. Aber das sind Randbetrachtungen, die vom justiziablen Gehalt der Sache ablenken. Denn der Streit zwischen Henryk Broder und Abraham Melzer hat zu einem Prozess geführt, in dem nun das Urteil gesprochen wird und den nicht nur der Vizepräsident des Zentralrates der Juden, Salomon Korn, für "beispiellos" hält. Das Landgericht in Frankfurt entscheidet am heutigen Freitag darüber, ob ein Jude (Broder) den anderen (Melzer) einen Antisemiten nennen darf, oder ob das Ganze, wie der niederländische Schriftsteller Leon de Winter bemerkte, eine Art rustikaler Folklore ist.

Broder und Melzer kennen sich seit ihrer Kindheit, und zu den wenigen Dingen, auf die sich beide heute noch einigen können, gehört die Erinnerung daran, dass Melzers Vater, der ebenfalls Verleger war, von Broder stets mehr hielt als von seinem eigenen Sohn. In den achtziger Jahren gab der junge Melzer die Zeitschrift Semit heraus, für die auch Broder schrieb, Broders Buch "Wer hat Angst vor Pornografie" erschien in Melzers Verlag, aber dann riss der Kontakt ab, und als beide sich wiedertrafen, hatte sich Melzer bereits auf die Seite Jürgen Möllemanns geschlagen. Nachdem der Suhrkamp-Verlag Ted Honderichs Werk "Nach dem Terror" unter anderem deshalb abgelehnt hatte, weil darin der Terror gegen israelische Zivilisten als "moralisch rational" bezeichnet wurde, verlegte Melzer das Buch.

Und er brachte Hajo Meyer heraus, einen Holocaust-Überlebenden, der in seinem Buch "Das Ende des Judentums" den Holocaust als "Laune der Geschichte" bezeichnet, Meyer, der die "jüdischen Speisegesetze" als Ursache des Antisemitismus betrachtet, der "die früheste Ursache für den Antisemitismus im Judentum selbst" sieht, Meyer, der Israels Besatzungspolitik fast zwanghaft mit der der Nazis vergleicht und Sätze schreibt wie den von der bevorstehenden Erfüllung einer antisemitischen Vorhersage: "Ich meine den Mythos - und bis kurzem war es ein solcher - die Juden hätten es auf die Weltherrschaft abgesehen".

Im September vergangenen Jahres hatten Melzer und Meyer dessen Buch an der Universität Leipzig vorgestellt, kurz darauf hatte Broder auf seiner Webseite "achgut.de" ein Vorwort zu einem Bericht des Vortrages verfasst, in dem er unter dem Titel "Wie zwei Juden(...) den Adolf machen" die beiden als "Kapazitäten für angewandte Judäophobie" bezeichnet. Melzer habe mit seinem Verlag eine Lücke entdeckt, die er "fleißig mit braunem Dreck füllt". Gegen diese Vorwürfe hatte Melzer eine einstweilige Verfügung erwirkt, gegen die Broder wiederum vor Gericht zog. Und so muss heute die Pressekammer des Landgerichtes Frankfurt entscheiden, ob es sich bei Broders Äußerungen um erlaubte Meinungsäußerungen handelt, um verbotene Schmähkritik oder um ebenfalls verbotene falsche Tatsachenbehauptungen.

Aber kann ein deutsches Gericht den Fall überhaupt entscheiden? Melzer, der sich am Telefon tief gekränkt gibt, insistiert: "Das deutsche Grundgesetz schützt auch Juden." Und Broder, der stilistisch schon vor einiger Zeit das Florett gegen die Kettensäge eingetauscht hat und auf einer Art Internet-Pranger regelmäßig den "Schmock der Woche" ausruft, befindet gegenüber dieser Zeitung: "Es bleibt der Hautgout, dass die Erben der Firma Freisler entscheiden, was antisemitisch ist und was nicht" - was das Frankfurter Gericht in drei Worten zum Erbe des mörderischen Volksgerichtshofs macht. Er, Broder, halte die "braven Richter" für schlechterdings nicht in der Lage, das Urteil zu fällen, weil die Idee eines antisemitischen Juden ihr Vorstellungsvermögen übersteige. Ganz sicher lasse er sich von keinem Gericht verbieten, einen Antisemiten als solchen zu bezeichnen - wie etwa Melzer, der die "Nische des jüdischen Antisemitismus" aus rein merkantilen Gründen besetzt habe. Warum er angesichts der vermeintlichen Unfähigkeit der Richter überhaupt vor Gericht gezogen ist? Es habe keine Möglichkeit gegeben, sich außergerichtlich zu einigen, sagt Broder.

Das Terrain ist abschüssig und das Gericht gut beraten, sich auf die Unterscheidung zwischen zulässiger Meinungsäußerung und Schmähkritik zu beschränken, und sich nicht an der Unterscheidung zu versuchen, wann Israelkritik zu Antizionismus werde oder in Antisemitismus umkippe. Gerade dies aber betrachten Beobachter wie der Frankfurter Professor und ehemalige Leiter des Fritz-Bauer-Instituts Micha Brumlik als einen der wenigen positiven Aspekte: "Wir sind gezwungen darüber zu diskutieren, was antisemitische Aussagen sind." Dass die Behauptung, Israel betreibe eine "strukturidentische Politik" wie die Nationalsozialisten, die NS-Herrschaft marginalisiere, ist nur das eine. Argumentativ, so könnte man hinzufügen, führt der historisch absurde Vergleich der israelischen Besatzung mit dem NS-Terror ohnehin immer in die Sackgasse. Zwar unterstellt Brumlik weder Meyer noch Melzer - der darauf beharrt, dass er wohl noch ein Land kritisieren dürfe, in dessen Armee er gedient habe -, dass sie Israel auslöschen wollen. Er wisse, dass es Melzer nur darum gehe, den "Geist des Judentums" von einer Art moralischer Kontamination zu reinigen. Aber "die Frage nach guten oder bösen Absichten", das zeige das Verfahren, sei für die Bewertung antisemitischer Äußerungen "irrelevant." Broder habe zumindest im Falle Meyers in "der Sache richtig gelegen".

Das ist insofern verwirrend, als für die Bewertung antisemitischer Ressentiments der Kontext bislang eine entscheidende Rolle gespielt hat und selbst Antisemitismusforscher eine israelkritische Formulierung, sagen wir, Uri Avnerys anders bewerten als Aussagen des DVU-Chefs Gerhard Frey, weil dem einen die Solidarität mit dem Staat Israel zugrundeliegt, aber dem anderen der Wunsch nach dessen Zersetzung.

Das Verhältnis zu Israel gehört zu den Kernfragen jüdischer Identität, und die Debatte darüber wird nicht nur in Deutschland hochpolemisch ausgetragen. In seinem soeben in Amerika erschienenen Buch "Beyond Chutzpah" attackiert Norman Finkelstein, der bereits mit seinem Werk "Die Holocaust-Industrie" eine Kontroverse ausgelöst hat, Alan Dershowitz. Dieser hatte in seinem Buch "A case for Israel" die Menschenrechtslage in Gaza und im Westjordanland als "großartig" bezeichnet.

Das Urteil in Frankfurt wird Präzedenzcharakter haben. Ob es die vielfach verzahnte Diskussion voranbringt, wird man sehen. Dank der Aufregung um den Prozess, so schrieb Melzer jedenfalls triumphierend, habe er seit Mitte Januar Hajo Meyers Buch schon 279 Mal verkauft.