Die Rückkehr der Täter Gute Entbräunung!

Das Kapitel Raubkunst während der NS-Jahre wurde nach dem Krieg schon 1949 offiziell zu den Akten gelegt. In München konnten die Täter von einst ein neues Netzwerk aufbauen.

Von Jörg Häntzschel und Catrin Lorch

Ein Kunsthändler, so heißt es, hat in seinem Leben meist mehrmals mit denselben Werken zu tun; zwei, drei Mal gehen sie durch seine Hände. Doch wer immer diesen Spruch geprägt hat, konnte nicht ahnen, welche makabre Bedeutung er für das Münchner Kunstmilieu vor und nach 1945 annehmen würde.

In einem Wochenschau-Beitrag zu den "Monuments Men", den US-Soldaten, die bei Kriegsende die NS-Kunstsammlungen aus den Schlössern und Bunkern südlich von München bargen, wo sie vor den Alliierten versteckt wurden, fällt ein Weißhaariger auf. Während die Soldaten Heiligenfiguren und Gemälde auf Lastwagen tragen, wieselt er beflissen durchs Bild. Es ist Walter Andreas Hofer. Er kennt sich mit den Stücken aus: Schließlich war er der "Direktor der Kunstsammlungen der Reichsmarschalls", der Händler von Hermann Göring, der eng mit dem Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg kooperierte und Frankreich plünderte. Später wurde er von einem französischen Militärtribunal zu zehn Jahren Haft verurteilt. Doch statt ins Gefängnis zu gehen, eröffnete er in der feinen Münchner Maximilianstraße eine neue Kunsthandlung und verkaufte dort bis zu seinem Tod unbehelligt Bilder.

So war es in der ehemaligen "Hauptstadt der Bewegung". Man zelebrierte die Stunde Null, den Zusammenbruch, um sich kollektiv von der eigenen Vergangenheit zu distanzieren: der tiefen und extrem profitablen Verstrickung in die Plünderung und Enteignung jüdischer Sammlungen. Doch gelitten wurden in diesem Milieu wenig. Die Händler und Museumsleute orientierten sich geschmacklich neu. Und die Angehörigen der NS-Familien trachteten voller Energie danach, ihre Landhäuser, Seegrundstücke und Kunstsammlungen zurückzubekommen. Für alle ging das Leben nahezu bruchlos weiter.

Schon 1949 wird die Vergangenheit von der Weltkunst ad acta gelegt. Die "Rückgabe der von den Nationalsozialisten geraubten Kunstschätze" sei "so gut wie abgeschlossen", heißt es dort. "Die Militärregierung wendet nunmehr ihre Aufmerksamkeit der Wiederbelebung der freien künstlerischen Betätigung in Deutschland zu." Im Gebäude des Collecting Point, wo kurz zuvor noch Hunderte von Raubkunstbildern aus jüdischem Besitz lagerten, wurde am 12. Juni die erste Ausstellung zeitgenössischer deutscher Kunst eröffnet.

Wie man damals dachte, das verrät ein anderer Weltkunst-Artikel. Er feiert die zweite Nachkriegs-Auktion im "Kunstversteigerungshaus Weinmüller": "Die Versteigerung erreicht hinsichtlich der Quantität . . . wie auch der Qualität . . . alle Anforderungen, die man an das große und bekannte Haus zu stellen gewohnt war." Was man heute weiß, hätte man auch damals wissen können. Es war, als würde man einem rückfälligen Geiselnehmer attestieren, er agiere mit derselben Durchsetzungskraft und Entschlossenheit wie beim letzten Coup. Adolf Weinmüller, gelernter Förster, war nur aufgrund seiner frühen NSDAP-Mitgliedschaft zum Marktführer geworden. Er hatte wie kein anderer von den Verkäufen konfiszierter jüdischer Sammlungen profitiert und jüdische Firmen "arisiert". Nach dem Krieg eröffnete er ein Geschäft im Almeida-Palais in der Brienner Straße, das er bis zu seinem Tod 1958 führte.

Auch andere führende NS-Händler kamen an die Isar: Karl Haberstock, erfolgreichster Kunsthändler der NS-Zeit, Verwerter sogenannter "entarteter Kunst" und Lieferant für Hitlers Privatsammlung und das "Führermuseum" in Linz, eröffnete als "Entlasteter" schon 1951 in München erneut eine Galerie, direkt neben dem Haus der Kunst. Wolfgang Gurlitt, Cousin von Hildebrand Gurlitt, war aus Berlin nach München gezogen und wies Kunden gerne darauf hin, dass er in jenen Räumen in der Galeriestraße residierte, in denen auch die Ausstellung "Entartete Kunst" gezeigt worden war. Auch Maria Dietrich-Almas ist wieder da, die für Adolf Hitler im besetzten Frankreich einkaufen durfte.

Man holte keine emigrierten Kunsthistoriker aus dem Exil, sondern versorgte erst die Täter

Man könnte die damalige Münchner Kunstszene mit einem der Filmungeheuer vergleichen, die, in Stücke geschlagen, mühelos wieder ihre alte Form annehmen. Doch es hatte sie ja niemand zerschlagen. Es ging einfach weiter, jeder nahm die alte Position ein. München leuchtete.

Auch an den Universitäten und Verlagen: Holte man emigrierte Kunsthistoriker aus dem Exil? Nein, man versorgte erst einmal die Täter und Ideologen von gestern. Erhard Göpel zum Beispiel, der beim Prestel-Verlag Lektor wurde und als freier Mitarbeiter Kritiken für die Zeit und die SZ schrieb. Oder Hans Sedlmayer, frühes Mitglieder der NSDAP seit 1930, der in Wien als Kunsthistoriker nicht mehr als tragbar galt - und in München an die Universität berufen wurde. Oder Ernst Buchner, der seit 1932 Generaldirektor der Staatlichen Gemäldesammlungen gewesen war, sich als Kunstberater des NS-Regimes hervorgetan hatte und von Hitler persönlich ins französische Pau geschickt worden war, um dort den Genter Altar zu stehlen. Die Amerikaner ersetzten ihn umgehend durch Eberhard Hanfstaengl, aber an der Uni gab man ihm aus alter Verbundenheit einen Lehrauftrag.

Doch einer wie Buchner war mit einem Lehrauftrag nicht zufrieden. Er wollte seinen Job zurück. Was tat das Kultusministerium? Es erfand für ihn den bezahlten Posten "Beamter zur Wiederverwendung", und als Hanfstaengl 1953 das Rentenalter erreichte, kehrte Buchner wie selbstverständlich in sein altes Amt zurück. Seine Kameraden aus Kunstraubzeiten holte er mit an Bord: Den Renaissance-Experten Robert Oertel etwa, der unter Hans Posse und Hermann Voss Buchhalter des "Sonderauftrags Linz" war und an den Staatsgemäldesammlungen zum Hauptkonservator wurde. Oder Voss selbst, den er in die Ankaufkommission berief.

An all dem störten sich die Münchner damals nicht, man sah nach vorne. Buchner war ja auch tüchtig. Stolz eröffnete er am 7. Juni 1957 mit Bundespräsident Theodor Heuß die wieder aufgebaute Alte Pinakothek. Buchner war schon in seiner ersten Amtszeit berüchtigt für seine abenteuerlichen Geschäfte mit Kunst aus den Pinakotheken. Weil die Ankaufsetats knapp waren, hatte er mit den Auktionshäusern alles, was er für ästhetisch-ideologisch unerwünscht befand, gegen deutsche Malerei getauscht. Nach dem Krieg schrieb er Dutzende von Gutachten für deren Auktionsware. Kaum war er 1953 wieder Generaldirektor, blühten auch die Kunstgeschäfte zwischen Buchner und den Händlern wieder auf.

Verkauft wurde wieder über die Häuser, die schon in der NS-Zeit gut im Geschäft waren

Auch 1957, als Buchner abtrat, hatte die NS-Generation in der Bayerischen Staatsregierung noch genügend Einfluss. Man ernannte einen weiteren Kunsträuber, Kurt Martin, zu Buchners Nachfolger. Martin hatte vor allem im Elsass bei Enteignungen mitgewirkt. Als Bevollmächtigter über das dortige Museumswesen hatte er es sich zur Aufgabe gemacht "die französische Kulturpropaganda im Elsass . . . auszumerzen" und die Museen von "französischem Material" zu "reinigen". Nun reinigten er wie auch sein Nachfolger Halldor Soehner - ganz ohne ideologische Agenda - die Pinakotheken von der Überfülle mittelmäßigen deutschen Materials, die Buchner angehäuft hatte. Verkauft wurde wieder über die einschlägigen Häuser, die schon in der NS-Zeit gut im Geschäft waren: Weinmüller, Böhler, Leo Spik. Dass darunter nachweislich auch das war, was man damals "jüdisches Material" nannte, also Kunst aus geplünderten jüdischen Sammlungen, störte nicht.

Es ist also durchaus vorstellbar, dass ein Münchner Händler ein Bild in den Zwanzigern an einen jüdischen Sammler verkauft hatte, es in den Dreißigern nach der Beschlagnahmung im Staatsauftrag versteigert hatte, und es nun, in den Fünfzigern und Sechzigern, nachdem das Raubgut über die Collecting Points an die Staatsgemäldesammlungen gekommen war, von dort ein drittes Mal übergeben bekam.

Wie alte Hausgeister irrten durch dieses Netz die Witwen, Töchter und Söhne der Nazi-Kunsträuber - oder diese selbst. In den unzähligen Briefen, die sich Heinrich Hoffmann, Henriette von Schirach und Edda und Emmy Göring mit Hanfstaengl, Buchner, Martin und Oertel austauschen, mokieren sie sich schon mal über die "Jäger", die ihre Kunstsammlungen nicht herausrücken wollen. Buchner wiederum wünscht scherzhaft "Gute Entbräunung!"

Auf der Strecke blieben andere: der Kunsthändler Hugo Helbing etwa, der in der Reichspogromnacht so zusammengeschlagen worden war, dass er Tage später starb ("Todesursache unbekannt", heißt es heute im "Biographischen Gedenkbuch der Münchner Juden" auf muenchen.de). Oder der jüdische Kunsthistoriker August Liebmann Mayer, den man schon 1931 aus den Pinakotheken gedrängt hatte. Der Kunsthändler Bruno Lohse spürte ihn in Frankreich auf und holte seine Sammlung nach München. 1944 starb er in Auschwitz.

Nach Mayer ist in München keine Straße benannt. Diese Ehre bleibt einem Buchner vorbehalten.