Die Porträts von Anthonis van Dyck:Glanz schützt

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van dyck

Das Vertrauen der kleinen Clara del Monte in ihre ernst blickende Mutter Susanna Fourment wird auf diesem Bild deutlich und spürbar.

(Foto: National Gallery of Art, Andrew W. Mellon Collection, Washington,DC)

Eleganz spielt auf den Bildern des berühmten flämischen Barockmalers in besonderer Weise eine Rolle. Die dargestellten Personen wirken in ihrer Eleganz unangreifbar.

Von Harald Eggebrecht

Wahrscheinlich war es schon für den Knaben Anthonis van Dyck selbstverständlich, mit Seide, Brokat und anderen kostbaren Stoffen umzugehen. Schließlich war sein Vater Frans van Dyck ein wohlhabender Textilkaufmann und seine Mutter Maria eine versierte Kunststickerin. Man kann sich durchaus vorstellen, wie die Kinderschar, von der Anthonis die Nummer Sieben war, zwischen Stoffballen und Nadelkissen, Schmuckborten, Garnknäueln und anderem Näh- und Stickzeug herumtollte.

Später, als längst hochgerühmter Maler mit einer sehr flexibel arbeitenden Werkstatt - in der zum einen Gemälde vorbereitet wurden nach Entwürfen des Meisters, in der zum anderen auch Detailspezialisten tätig waren - ließ van Dyck für Porträts oft auch Kleider des Porträtierten herbeischaffen. Dabei ging es nicht nur um die angestrebte hohe Authentizität der Darstellung, sondern auch um charakteristische und damit charakterisierende Vorlieben des Abzubildenden. Dementsprechend teilten die Qualität der verwendeten Stoffe, ihre jeweilige Farbigkeit, ihr unterschiedlicher modischer Schnitt sehr viel mit über das Repräsentationsbedürfnis, das Modebewusstsein, aber auch das Sicherheitsgefühl der Abgebildeten und wohl auch über die bequeme Passform der Gewänder.

So fällt bei nahezu allen Porträts van Dycks sofort auf: Seine Modelle bis hinauf zum englischen König Karl I. wirken nie steif, unpassend angezogen oder übertrieben ausstaffiert, sondern sie erscheinen gewissermaßen in einer unangreifbar guten Façon. Auch wenn Karl I. in prächtiger Galarüstung zu Pferde sitzt, bleibt er König auch seiner selbst und sieht nicht wie einer aus, der sich in die Rüstung hat quälen müssen. Nichts scheint van Dyck ferner gelegen zu haben, als seine Kunden etwa heimlich zu desavouieren oder lächerlich machen zu wollen. Mit seiner immer flüssigen, leichthändig-nervösen farbenreichen Malweise holte er seine Auftraggeber gleichsam wie Protagonisten ihrer selbst auf die Bühne seiner Gemälde.

Man achte nur einmal bei den Männern auf die Vielfalt der locker hingemalten offenen oder geschlossenen Hemdkrägen, auf ihre manchmal sorgfältig umgelegten oder lässig hervorlugenden Manschetten, an die noblen Goldketten und andere Schmuckstücke. Bei den Damen meint man manchmal die Seide rascheln zu hören, wirken die Kleiderfalten wie gerade entstanden durch unwillkürliche Bewegungen unter den Gewändern. Und Perlen, Edelsteine und goldenes Geschmeide blitzen und blinken nie aufdringlich, sondern gehören so edel wie unauffällig zum Erscheinungsbild der Frauen.

Darüberhinaus inszenierte van Dyck seine Kunden nach allen Regeln malerischer Positionierkunst, wie er sie bei seinem Lehrer Rubens und auch auf seiner weitschweifenden Italienreise unter anderem bei Tizian und Tintoretto gesehen hatte. So treten die sehr unterschiedlichen Porträtierten in geschlossenen Räumen auf oder vor Durchblicken auf Landschaften. Oder sie sind umringt von dienenden Personen, prägnanten Tieren wie Hunden oder Pferden oder umgeben von Gegenständen mit vielsagendem Symbolgehalt.

Viele Gesichter zeigen Anspannung und Nervosität

Je souveräner sich also die Gemalten in ihrem Habit vor dem Porträtisten fühlten, desto natürlicher und eleganter kommen sie einem beim ersten Anblick vor. Doch das täuscht, denn ihre Gesichter zeigen unverkennbar Anspannung, Skepsis, Nervosität, und einen empfindsamen Grundernst. Dabei legen sie nicht ihr Gesicht absichtlich in Seriositätsfalten, setzen kein Repräsentationsgesicht vorsätzlich auf, fallen nicht in vermeintlich für sie besonders vorteilhafte Posen. Das gilt auch für die Kinderbilder.

Viele seiner der ganz- oder halbfigurigen Bildnisse erscheinen so, als habe van Dyck den Betreffenden oder die Dame gerade getroffen und um ein kurzes Innehalten gebeten. Ein Hauch von Überraschung zeichnet sich da manchmal in den Gesichtern ab. Oft hat der Künstler seine Auftraggeber so gemalt, als seien sie unterwegs, sie sehen nur aus den Augenwinkeln zum Betrachter, mal forschend, mal fast befremdet oder gar besorgt. Nein, das sind keine in sich ruhenden, ihr jeweiliges Amt, ihre Bedeutung oder ihre Selbsteinschätzung gleichsam wuchtig und in aller Pracht präsentierenden Könige, Edelleute und Honoratioren, wie sie etwa Rubens ins Bild setzen konnte. Auch gibt es nicht die Kühle und melancholische Einsamkeit der Macht, wie sie Tizian bei Kaiser Karl V. so einzigartig porträtierte.

Die Zeiten waren wahrlich nicht danach. Spätestens seit 1618 erfüllten sie wachsende Gefahren und Unsicherheiten, als Europa sich in die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieg stürzte. Etwas Unstetes und Verletzliches liegt daher über denen, die van Dyck so rasch wie fliegend virtuos unmittelbar bildnerisch einfangen konnte, als regten sich hinter ihren so modisch perfekten Fassaden Ahnungen und Ängste. Die Noblesse und Eleganz, in der sie van Dyck so bewunderungswürdig vielgestaltig darstellte, wird deshalb zu einer Art Schutzmantel ganz weltlicher Art für sie.

Zwei Jahre vor seinem Tod malt er sich ein weiteres Mal: als Mann mit kritischem Blick

Auch den jungen Malerkönig Anthonis van Dyck selbst, der 1641 im Alter von nur 42 Jahren in London starb, trieb es zu seinen Lebzeiten um und hin und her zwischen Flandern und England. Italien durchstreifte er ruhelos bis nach Sizilien und zurück. Schon der Knabe hatte es eilig, seine enorme Frühbegabung auszuleben. Die Reihe seiner Selbstporträts gehört zu den Inkunabeln dieses erfolgsverwöhnten Malerlebens. Bereits der Sechzehnjährige schaut hellwach, neugierig und zugleich prüfend aus den Augenwinkeln über den weißen Kragenrand seines Hemdes den Betrachter an, als sei er in Eile. Fünf Jahre später ist van Dycks Blick auf sich selbst seltsam ernst (heute in München): Der erfolgreiche Künstler im schwarzen Gewand mit Goldkette über der Schulter hält für einen Augenblick still, die rechte Hand fasst den linken Unterarm. Noch unruhiger erscheint er auf einem Bild (heute in New York) mit Mantel, kurz angelehnt und aufgestützt an eine halbhohe Mauer, dahinter glimmt es im düsteren Himmel. Zwei Jahre später trägt er ein kess an Bauch und Oberarm aufgeschnittenes Wams, aber van Dycks Antlitz zeigt unverhohlene Skepsis (heute in St. Petersburg). 1640, ein Jahr vor seinem Tod malt er sich wieder mit dem Augenwinkelblick über die Schulter, mit breitem weißen Kragen über schwarz-weiß gestreiftem Oberkleid. Das Haar trägt er nun länger als früher, und ein rötlicher Schnauzbart verdeckt fast den sinnlichen Mund. Da mustert sich ein wahrlich eleganter, gut aussehender Mann in seinen besten Jahren unmissverständlich kritisch und distanziert. Zu lachen gibt es nichts, auf keinem der Selbstbildnisse des großen van Dyck.

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