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"Die perfekte Kandidatin" im Kino:Jede Stimme zählt

"Die perfekte Kandidatin" im Kino

Würde dieser Mann eine Frau zur Stadträtin wählen: Maryam (Mila Alzahrani) mit einem Patienten, der keiner Ärtzin vertraut.

(Foto: Verleih)

Eine Frau als Stadträtin? In Saudi-Arabien? Haifaa Al Mansour macht daraus einen Feelgoodfilm mit Einblicken in den Alltag: "Die perfekte Kandidatin".

Im Westen hat das Auto als Freiheitssymbol langsam ausgedient, dank Klimawandel und Dauerstau. In Saudi-Arabien ist das noch anders, zumal bei Frauen, denen Autofahren lange verboten war. Ob beim Weg zur Arbeit oder zu einer Freundin, immer waren sie auf einen männlichen Chauffeur angewiesen. Als zum 24. Juni 2018 das Fahrverbot endlich aufgehoben wurde, war das ein Befreiungsschlag und galt vielen als Zeichen, dass sich auch sonst einiges bewegt in diesem erzkonservativen, repressiven Land. Wenn also gleich im ersten Bild von Haifaa Al Mansours "Die perfekte Kandidatin" eine von Kopf bis Fuß schwarz verschleierte Frau ein Auto steuert, ist das ein Statement. Schon in ihrem Debüt "Das Mädchen Wadjda" (2012), dem ersten saudi-arabischen Spielfilm überhaupt, hatte Haifaa Al Mansour vom Frauenalltag in ihrem Land erzählt und den kleinen, aber wichtigen Zeichen des Wandels.

Seit "Wadjda" hat sich in Saudi-Arabien viel verändert, auch Popkonzerte und Kinovorstellungen sind mittlerweile erlaubt. Die freie Fahrt für freie saudische Bürgerinnen kommt hier allerdings schon vor der Klinik ins Stocken, wo Maryam (Mila Alzahrani) als Ärztin arbeitet. Die Stichstraße zum Krankenhaus ist nicht asphaltiert, auch die Notarztwagen bleiben regelmäßig stecken. Außerdem kommt es nicht bei jedem Patienten gut an, dass Frauen und Männer hier gleichberechtigt nebeneinander arbeiten: Ein widerspenstiger alter Mann etwa will sich unter keinen Umständen von einer Frau behandeln lassen. Maryam ist von den Arbeitsbedingungen so frustriert, dass sie sich in Dubai um einen neuen Job bewerben will. Das scheitert allerdings schon am Flughafen. Saudische Frauen haben alle einen männlichen Vormund, bei Maryam ist es ihr Vater. Und der hatte schlicht vergessen, ihr Visum zu verlängern.

Haifaa Al Mansur erzählt von solchen Zumutungen ohne Empörungsgestus, kritisch, aber eben auch im Wissen um die Gebräuche in ihrem Land. Nachdem Maryam sich nicht in Dubai bewerben kann, setzt sie alles daran, dass wenigstens die Zufahrt zu ihrer Klinik asphaltiert wird. Dafür lässt sie sich sogar als Kandidatin für den örtlichen Stadtrat aufstellen.

Aber wie macht man das überhaupt - eine Wahlkampagne? Noch dazu als Frau in Saudi-Arabien? Herrlich komisch, wie Maryam und ihre beiden Schwestern Youtube-Videos studieren und mit dieser Inspiration einen Wahlwerbespot improvisieren. Dabei lauern Fallstricke überall: Der Werbespot - mit Schleier oder ohne? Und wie spricht eine Frau männliche Wähler an, wenn sie nicht einmal im selben Raum sein darf wie sie?

Haifaa Al Mansour stammt selbst aus Saudi-Arabien; sie hat in Kairo und Sydney studiert und lebt heute mit ihrem Mann, einem US-Diplomaten, in Bahrain. Ihr Blick ist der aus der Halbdistanz - so zeichnet sie ein kritisches, aber liebevolles Porträt saudischen Alltagslebens. Politisch allzu Heikles wie den rigorosen Umgang mit Regimekritikern (man denke nur an den eiskalten Mord im Fall Jamal Khashoggi) spart sie aus.

"Die perfekte Kandidatin" ist überwiegend ein Feelgoodfilm. Maryams Kandidatur wird dennoch zum Testfall, wie vernehmlich Frauen im Land mittlerweile ihre Stimme erheben dürfen - nicht nur politisch. Die Musik bildet eine zweite Ebene des Films. Maryams Vater Abdulaziz (gespielt von dem Musiker Khalid Abdulrhim) ist leidenschaftlicher Oud-Spieler, der durch die Reformen der letzten Jahre im Kulturleben nicht mehr nur auf Hochzeiten spielen darf, sondern erstmals eine Konzertreise mit seinem Orchester antreten kann. Ihre Auftritte, die Haifaa Al Mansour ausführlich dokumentiert, sind hinreißende Beispiele traditioneller arabischer Musik. Bewegend auch, wie Maryams Vater über seine verstorbene Frau, eine Sängerin, spricht. Auf einer altmodischen Musikkassette bewahrt er den Schatz ihrer Stimme.

Das Besondere, ja Spektakuläre an diesem Film ist der Blick in die Privaträume arabischen Lebens. Nicht nur, dass dieser Vater das Gegenteil eines arabischen Klischee-Patriarchen darstellt - es sind vor allem die Frauen, die so gar nicht den Schwarz-Weiß-Vorstellungen des Westens entsprechen. Auf der Straße mögen sie verhüllt fast unsichtbar erscheinen. Sobald sie aber zu Hause sind oder auch nur einfach unter sich, legen sie ihre Abayas, die schwarzen Umhänge, und Kopftücher ab, zum Vorschein kommen lebhafte, lebendige und sehr unterschiedliche Menschen.

Maryams Schwester Selma zum Beispiel wirkt wie das Sinnbild einer modernen saudischen Frau, sie ist bestens vernetzt und verdient gut mit dem Filmen von Hochzeiten. Ihre Darstellerin Dae Al Hilali ist in Saudi-Arabien eine angesagte Influencerin. Auch Mila Al Zahrani, die Maryam ganz großartig verkörpert, gleichzeitig schüchtern und selbstbewusst, ist in Saudi-Arabien eine bekannte Darstellerin: Sie verkörpert in einer Fernsehserie eine Boxmeisterin.

Bei allem gesellschaftlichen Wandel macht sich Haifaa Al Mansour keine Illusionen, was den Wahlsieg ihrer Kandidatin betriff. Ihr Drehbuch reizt die Möglichkeiten eines Happy Ends dennoch maximal aus. Es ist der typische Balanceakt vieler saudischer Frauen: zwischen dem, was gewagt, aber möglich ist, und dem ganz und gar Unmöglichen.

The Perfect Candidate, Saudi-Arabien/ D 2019 - Regie: Haifaa Al Mansour. Buch: H. Al Mansour, Brad Niemann. Kamera: Patrick Orth. Schnitt: Andreas Wodraschke. Mit: Mila Alzahrani, Dae Al Hilali, Nora Al Awadh. Neue Visionen, 101 Minuten.

© SZ vom 12.03.2020

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