"Die Gefühle eines ganzen Lebens habe ich in diesem einen gewaltigen Fußballspiel erlebt", hat Michel Platini gesagt, Frankreichs berühmter Mittelfeldkönig. Und auch, wenn es inzwischen eine nervige Neigung im Fußballbetrieb gibt, vergangene Begegnungen nachträglich größer zu reden, als sie eigentlich waren: In diesem Fall hat Platini kein bisschen übertrieben. Halbfinale der Weltmeisterschaft 1982, Deutschland gegen Frankreich, ausgetragen in Sevilla, Estadio Ramón Sánchez Pizjuán: Der Name dieser Arena gehört in seiner ganzen rauen Schönheit zum dramatischen Geschehen.
Wer damals am Röhrenfernseher live dabei war, wird sich erinnern, dass das Spiel abends um neun anfing, man sah den glasiert schimmernden Spielern an, dass da unten in Sevilla offenbar enorme Hitze herrschte, sie übertrug sich auch in deutsche Wohnzimmer, wo das Publikum Zeuge eines Dramas wurde, das nicht enden wollte. Zwischendurch wurde ein Franzose, Patrick Battiston, nach einem Zusammenprall mit dem deutschen Torwart Toni Schumacher auf einer Trage vom Platz geschleppt. Eine Hand hing schlaff herunter, er sah so aus, als wäre er tot. 1:1 stand es nach neunzig Minuten, 3:3 nach der Verlängerung, dann kam es zum allerersten Elfmeterschießen bei einer Weltmeisterschaft, am Ende hatte Deutschland 8:7 gewonnen. Ein Fußballspiel, das mehr war als ein Fußballspiel, weshalb es als "Die Nacht von Sevilla" in die Geschichte eingegangen ist, wenigstens in die Sportgeschichte. Klingt wie der Titel eines Theaterstücks.
Nichts ist erfunden, alles montiert aus Reportagen und Originalzitaten
Und klingt nicht nur so: Der Autor (und Direktor des Deutschen Fußballmuseums) Manuel Neukirchner hat das große Spiel zu einem "Fußballdrama in fünf Akten" verdichtet, die Nacht von Sevilla ist in ihrer Dramatik also endlich dort angekommen, wo sie hingehört. Bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen gab es nun die Uraufführung, oder besser: die szenische Urlesung. Auf der Bühne zwei Flutlichtlampen, dazwischen eine große, ballrunde Videoleinwand, auf der Momentaufnahmen der Begegnung gezeigt werden. Vor Aufführungsbeginn ist darin der Parkplatz des Estadio Ramón Sánchez Pizjuán zu sehen, ein paar friedlich vor sich hin schnarchende Busse. Die Ruhe vor dem Sturm.
Der Rest sind Worte. Neukirchner rekonstruiert das Jahrhundertspiel wesentlich mit Zitaten und Monologen der Spieler, Trainer, Reporter. Nichts davon ist erfunden, alles zusammengetragen und montiert aus Autobiografien, Interviews, Original-Reportagen und Gesprächen des Autors mit den Protagonisten. Material ist genug vorhanden, die Nacht von Sevilla konnte von allen, die damals eine Rolle spielten, nur verarbeitet werden durch beständiges Drüberreden. So entsteht ein Gegenbild zum Gegenwartsfußball des Bezahlfernsehens, der über dramatisch hochgejazzte Bilder erzählt wird. "Die Nacht von Sevilla" vertraut dem Wort, vorgetragen von dem Schauspieler Peter Lohmeyer. In der Bühnenmitte sitzt er auf einem Stuhl.

Die Erzählung des Spiels fängt, akkurat recherchiert, schon vor dem Anpfiff an, beim Einzug in die Katakomben. "Die deutsche Mannschaft belegt die Kabine des heimischen Vereins FC Sevilla. Es hängen Christus- und Marienbilder an der Wand. Die französische Mannschaft ist in der neutralen Kabine für Gastvereine." Wenn Lohmeyer den Stuttgarter Verteidiger Karlheinz Förster reden lässt, klingt er schwäbisch: "Ich lege meine Armbanduhr ab. Es isch genau zwanzig Uhr." Wenn er den französischen Ersatzspieler Bruno Bellone reden lässt, spricht er deutsch mit französischem Einschlag: "Briegel, Hrübesch, Rümmenigge: Die sind ja zwei Meter groß. Ihre Oberschenkel: enorrrm." Wenn er den damaligen ZDF-Reporter Rolf Kramer reden lässt, legt er eine Hand vor den Mund und klingt, wie die Fernsehreporter damals klangen, zugleich fern und trotzdem nah: "Briegel sucht jetzt den kleinen Giresse, den man schon mal verlieren kann. Sollte er aber nicht." Wenn er wie der französische Staatspräsident Mitterrand spricht, klingt er wie der französische Staatspräsident Mitterrand, der damals, auf Staatsbesuch in Budapest, das Spiel am TV verfolgte und panisch wurde, als die Deutschen ihren angeschlagenen Starstürmer Rummenigge doch noch einwechselten: "Oh, mon dieu! Rümmenisch!"

Ruhrfestspiele:Hier kann man nur staunen
Die spektakuläre Show "The Pulse" eröffnet die Ruhrfestspiele in Recklinghausen. Am zweiten Abend wird es politisch, aber nicht weniger aufregend.
"Die Gefühle eines ganzen Lebens" hat Platini in diesem Fußballspiel erlebt. Warum war ausgerechnet dieses Spiel ein Lebensspiel? Weil es von Ambivalenzen erzählt. Weil beide Teams verloren schienen, neue Hoffnung schöpften, erneut enttäuscht wurden, erneut zurückkamen. Weil die Franzosen, obwohl Verlierer, die Sieger der Herzen wurden. Und die Deutschen, obwohl Gewinner, für viele Beobachter die Verlierer waren. Schumachers Zusammenprall mit Battiston: Obwohl Battiston gottlob nicht so schwer verletzt war, wie es schien, wurde der deutsche Torwart zur Hassperson. Die deutschen Panzer waren zurück. Reporter Libération: "Dieses wilde Tier, das der deutsche Fußball ist, verdient es, im eigenen Urin ertränkt zu werden." Reporter El Correo Catalán: "Die Deutschen sind die Könige des Betrugs. Sie verdienen nicht mehr als einen verregneten Urlaub in Oberbayern."

Am Ende kommt in Recklinghausen Toni Schumacher selbst auf die Bühne und liest ein persönliches Resümee des Spiels. Eine klug gesetzte Pointe. Schumacher verkoppelt durch sein Erscheinen die alte Geschichte mit der Gegenwart. Und auch die, die 1982 noch nicht live dabei waren, erfahren: Dieses sagenhafte Spiel mit seinen sagenhaften Nachwirkungen hat es wirklich gegeben. Schumacher hatte spürbar zu tragen an der Last der Ereignisse, die Ambivalenz des Lebens und dieses Lebensspiels verdichtet sich in seiner Person am deutlichsten. Schumacher ist dankbar, dass er dabeisein durfte. Aber noch Jahre später hing er in Frankreich als Puppe am Galgen.
Die Nacht von Sevilla, bei den Ruhrfestspielen wunderbar revitalisiert. An alle, die sich einreden lassen, die immer gleichen Geldsack-Duelle in der Champions League der Jetztzeit seien Spiele des Lebens: Es gibt auch noch ein Leben vor eurer Erinnerung.
Weitere Vorstellungen im Ruhrgebiet über die Website des Deutschen Fußballmuseums .

