Die mp3-Geschichte Triumph der Kompression

Eine deutsche Erfolgsgeschichte und die Geschichte eines rasanten Kulturwandels - mp3 und wie das Tonformat das Musikhören in aller Welt veränderte. Ein Triumph der Psychoakustik.

Von Bernd Graff

Man kann die Geschichte des Dateiformats mp3 so erzählen, dass Elektrotechnik-Ingenieure in Verzückung geraten. Dann fallen Begriffe wie: Magische Zahl, Kanalkopplung, fouriertransfomiertes Datenmaterial, minderwichtige Signalanteile und Quantisierungsrauschen. Kann man machen, lässt aber viele Hörer und Leser ratlos zurück. Man kann die mp3-Geschichte aber auch so erzählen, dass sie als Technologie-Geschichte eingebettet ist in die jüngere Kulturgeschichte. Dann berichtet man von der Bedeutung des MP3-Formats und der Datenkompression für die vernetzte Popkultur, man stellt die disruptive Kraft dieser Innovation heraus und behandelt so die Digitale Revolution und den Schub, den uns das Internet in den letzten zwanzig Jahren versetzt hat.

Franz Miller, der mit seinem Buch "Die mp3-Story" eine "deutsche Erfolgsgeschichte" erzählen will, wählt den klugen Mittelweg zwischen referierendem Expertentum und kulturhistorischer Analyse, die noch einmal die Sprengkraft von mp3 spätestens ab der Jahrtausendwende für die globale Musikindustrie und für einen Technologiekonzern wie Apple hervorhebt. Miller arbeitete seit 1988 als Wissenschaftsredakteur bei der Fraunhofer-Gesellschaft, in der das Format mp3 entwickelt wurde, ab 1996 übernahm er hier die Leitung der Presseabteilung und 2005 zusätzlich die Leitung der Öffentlichkeitsarbeit. Ein Fraunhofer-Gewächs also.

So bettet er die Entwicklung von mp3 in eine Technikgeschichte, deren Innovationen fast immer zuerst skeptisch begleitet wurden. Auf dem Gebiet des Musikhörens tauchen die Widerstände auf, seit es Phonographen gibt. Denn nahezu alle Neuerungen wurden von Unbehagen begleitet und vom Argwohn, die Folgetechnologien könnten den ursprünglichen Kulturgenuss bagatellisieren und banalisieren.

Die Physik des Schalls ist eine Sache, das menschliche Hörvermögen eine andere

Denn die früher nur für öffentliche Vorführung gedachten Hervorbringungen der Hochkultur zogen immer mehr in die Sphäre privaten Konsums ein, zuerst in die familiären Wohnzimmer mit TV und Radio, inzwischen kann jeder selber bestimmen, wo und wann er was wie lange und wie oft hören möchte.

In den Wirtschaftswunderjahren des vergangenen Jahrhunderts hatte sich das Musikhören zu einem zentralen Element der Jugendkultur entwickelt. Einerseits. Andererseits sorgte die Konsumierbarkeit von Schallplatten für das ökonomische Erstarken einer Musikindustrie, die im Verbund mit Radiostationen einen unschlagbaren Erfolgszirkel aufbauen konnte: Was in den Radio-Hitparaden ganz oben stand, verkaufte sich gut. Was sich gut verkaufte, wanderte in die Hitparaden. Diesen Zirkel durchbrachen erstmals die Mitte der Sechzigerjahre eingeführten Kassettenrekorder, die es erlaubten, sich selber Musik-Archive zusammenzustellen. 1976 wurden 110 Millionen Schallplatten verkauft, aber auch schon 100 Millionen Leerkassetten.

Der Spiegel schrieb 1977: "In Schulklassen ist es zur Regel geworden, nur noch eine einzige Platte zu kaufen, die alle Schüler kopieren." Die Musikindustrie malte damals schon genau die Teufel des raubkopierten Untergangs an die Wand, die man Ende der Neunzigerjahre auch angesichts des neuen mp3-Formats wieder aus der Hölle der Jugendkulturen aufsteigen sah. Was war geschehen?

Miller, hier ist er ganz Wissenschaftsjournalist, erklärt zuerst (und sehr verständlich), was Psychoakustik ist. Die Physik des Schalls ist eine Sache, das menschliche Hörvermögen eine andere. Denn die Wahrnehmung von Schall, das Hören also, findet im Gehirn statt. Und das nimmt nicht alle Schallwellen wahr, die ans Ohr dringen. Laute Töne verdecken leise, Straßenlärm übertönt Vogelgezwitscher - obwohl es physikalisch da ist.

Genau das machen sich die Verfahren der verlustbehafteten Datenkompression zunutze: Was das Gehör sowieso nicht wahrnimmt, muss auch nicht übertragen werden. Kurz: Man kappt den digitalen Musiksignalen die überflüssigen Informationen - und reduziert ihre Datenmenge damit dramatisch: Eine Minute Digital-Musik, die sich auf einer Stereo-CD befindet, nimmt etwa 10 Megabyte in Anspruch, dieselbe Musik im mp3-Format kommt dagegen mit einem Zehntel aus: 1 Megabyte.

Die Kompression der Datenraten stieß und stößt heute immer noch auf Skepsis bei audiophilen Menschen, die sich um die gekappten Bits betrogen fühlen. Dabei können selbst "perfekte Gehöre" bei ausreichender Datenrate der komprimierten Fassung keinen Unterschied zwischen einer CD und einer psychoakustisch sorgfältig bearbeiteten mp3-Version heraushören.

Tatsächlich wurden die Ingenieure des Erlanger Fraunhofer-Instituts zu führenden Entwicklern dieses Standards, der ursprünglich natürlich gar nicht für die Verbreitung von Musik im Internet oder auf mobilen Playern und Smartphones vorgesehen war - das gab es als Massenmedium und Alltagstechnologien Ende der Achtzigerjahre ja noch gar nicht -, sondern für den Betrieb des digitalen Rundfunks und die Entwicklung von Video-CDs gedacht war. So meinte die Musikindustrie erst einmal, dass nicht genug Leute Zugang zum Internet und wenn, dann nur über träge Datenleitungen hätten.

Doch nachdem mp3 entwickelt war und sich die Software für das Kompressionsverfahren, der Encoder, (illegal!) verbreitet hatte, entstanden vor allem über amerikanische Universitätsserver rasch und zum Entsetzen der Industrie "Tauschnetzwerke", in denen Tausende mp3-Files eben nicht getauscht, sondern massenhaft vervielfältigt wurden - der Fall Napster sticht hier hervor. Doch der Geist war aus der Flasche, Software- und Computerfirmen wie Macromedia, Microsoft und Apple lizenzierten die Fraunhofer-Entwicklung und bauten sie in ihre Musikplayer für PCs ein. Die ersten portablen mp3-Player mit dem Fraunhofer Decoderchip kamen auf den Markt - noch immer angefeindet von der Musikindustrie, die Urheberrechtsverletzungen an- und abmahnte. Doch "mp3" wurde im März 1999 zum Begriff, der am häufigsten in Suchmaschinen eingetippt wurde - noch vor "sex". Erst Apple befreite mp3 mit der Abspielsoftware iTunes, dem iTunes-Store und dem Player iPod im Jahr 2001 endgültig vom Ruch der Illegalität, des Raubkopierertums, der Urheberrechtsverletzung. Die Musikindustrie musste sich wandeln, der Rest ist Geschichte. Und heute Alltag.

Franz Miller: Die mp3-Story: Eine deutsche Erfolgs- geschichte. Carl Hanser Verlag, München 2015. 480 Seiten, 26 Euro. E-Book 19,99 Euro.