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Die Mentalität der Krise:Vom Zorn der Leistungsträger

Sozialneid von oben: Es herrscht eine neue Wut in einer Klasse, die diese Wut bisher nicht kannte. Sie hat der FDP zum Erfolg verholfen und sehnt sich nach Meritokratie. Die Ausplünderung der Mittelschicht.

Ziehen wir die aufwallende Zeitgeistdebatte um den Traum von einer wahren Leistungsträgergesellschaft doch kurz auf die Straße. Buchstäblich. Auf den morgendlichen Arbeitsweg beispielsweise, der je nach Verkehrslage durch die Münchner Unsöldstraße zu einer privaten Kinderkrippe führt. An der Unsöldstraße residiert die Hypo Real Estate.

Da wallt er dann auch schon auf, der Zeitgeist, weil man als bürgerlicher Steuerzahler ja doch ein paar Fragen hätte, warum man zum Beispiel keinen Krippenplatz gefunden hat, obwohl man doch Steuern bezahlt, die einem recht skandinavisch erscheinen und nun die Krisenhasardeure retten müssen. Nun könnte ein Lamento folgen, an dessen Ende die Feststellung stehen würde, dass die Ausplünderung der Mittelschicht in diesem Lande kein Schreckgespenst mehr ist, sondern der politische Status quo.

Tatsache ist - hier gibt es einen neuen Zorn in einer Klasse, die solchen Zorn bisher nicht kannte. Das Bürgertum beschied sich mit der Rolle einer sanft schweigenden Mehrheit. Doch die bürgerlichen Mittelschichten erodieren.

Zielsicher haben die Essays der Philosophen Peter Sloterdijk und Norbert Bolz im neuen Cicero jenen Zeitgeist erfasst, der sich aus diesem Zorn nährt und auch die jüngsten Erfolge der Wirtschaftliberalen begründet. Sie finden die Worte für jene, die diesen neuen Zorn noch gar nicht formulieren können. Was da bei Bolz und Sloterdijk, aber auch in Sarrazins Gepolter und in den Koalitionsverhandlungen im Subtext mitschwingt, ist das Utopia einer wahren Meritokratie, in der die unsichtbare Hand des Marktes die Tüchtigen belohnt und die Tüchtigen sich dann um die Bedauernswerten kümmern.

Vom Überschuss des Reichtums

Dafür gibt es Vorbilder. Ziehen wir die Debatte noch einmal auf die Straße. Auf die Ecke 57. Straße und siebte Avenue in Manhattan. Dort steht ein wuchtiger, neoklassizistischer Ziegelbau, dessen Stifter sich auf dem dortigen Baldachin verewigt hat: Der Stahlmagnat Andrew Carnegie hatte den Bürgern von New York die Konzerthalle geschenkt. 1889, ein Jahr, bevor die Carnegie Hall eröffnete, veröffentlichte Carnegie in der Literaturzeitschrift North American Review ein Essay mit dem Titel "Wealth".

In seinen Überlegungen zum neuen Reichtum seiner Zeit thematisierte Carnegie schon früh die Gefahr, die eine industrialisierte und demokratische Wohlstandsgesellschaft für den sozialen Frieden bedeute. Deswegen müsse man den Überschuss des neuen Reichtums sorgsam verteilen. Man dürfe ihn nicht vererben. Der Nachwuchs würde den Reichtum nur verpulvern. Man dürfe ihn auch nicht dem Staat überlassen, der mit Geld nicht umgehen könne. Nein, nur die private Umverteilung zu Lebzeiten des Wertschöpfers garantiere den effizienten Einsatz dieses Reichtums zum Wohle aller.

"Wealth" wurde zu einem Schlüsseltext der amerikanischen Gesellschaft. Denn auch Carnegie traf hier einen Zeitgeist. Ein bis dato nie gekannter Wohlstand veränderte die Gesellschaft zum Besseren. "Die Armen genießen heute, was die Reichen sich einst nicht leisten konnten", schrieb Carnegie. Diese Entwicklung hielt über ein Jahrhundert lang an. Nun scheint sie an ihre Grenzen gestoßen zu sein. Und trotzdem schielt Europa nun wieder einmal auf das meritokratische Amerika. Ist es nicht letztlich eine viel sozialere, weil gerechtere Marktwirtschaft, wenn man den Leistungsträgern ihren Verdienst lässt?

Die hässliche Kehrseite

Wäre die amerikanische Gesellschaft nur nicht das Gegenteil der unseren. Den europäischen Solidaritätsgedanken kann man zum Beispiel nicht durch das Ideal der Philanthropie ersetzen, weil wir ein durch und durch säkularisierter Kontinent sind, die Philanthropie aber letztlich nur in Glaubensgemeinschaften so funktioniert, dass sie auch wirklich etwas bewirkt.

Das ist in den Armenküchen der Baptisten von Mississippi genauso wie in den Kindergärten der Hamas in Gaza. Und im christlichen Glauben liegen auch die Wurzeln der amerikanischen Philanthropie. George W. Bush zementierte das in den Fördergesetzen für Glaubensgemeinschaften, die auch sein Nachfolger Barack Obama unterstützt. Deswegen ist sie auch ein volkswirtschaftlicher Faktor - nach Angaben des Center on Philanthropy der Indiana University gaben amerikanische Bürger und Firmen im letzten Jahr 307,65 Milliarden Dollar für wohltätige Zwecke. Für Deutschland schätzte die GfK Charity Scope das private Spendenvolumen auf rund vier Milliarden Euro.

Amerika hat sich außerdem auf einen Gesellschaftsvertrag eingelassen, der jedem erlaubt, ohne Ansehen seiner Herkunft und Person in Eliten vorzustoßen. Dieses Versprechen sorgt für ein Minimum an sozialen Frieden, der nur funktionieren kann, wenn es kein Klassenbewusstsein gibt. Und schon gar keinen Sozialneid, die hässliche Kehrseite des europäischen Kompromisses.

Denn wir hier in Europa haben uns entschieden, uns für Sicherheit und sozialen Frieden mit dem Mittelmaß des Bürgertums zufriedenzugeben. Nur wenn dieser Kompromiss nicht mehr greift, rührt sich der Zorn und mit ihm die Fürsprecher für ein Utopia der Leistungsträger. Dann gibt es auch so seltsame Dinge wie den Sozialneid von oben.

© SZ vom 23.10.2009/rus
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