"Die Magnetischen" im Kino:Alchemie der Sounds

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"Die Magnetischen" im Kino: Magier der analogen Klänge: Thimotee Robart (r.) in die "Die Magnetischen".

Magier der analogen Klänge: Thimotee Robart (r.) in die "Die Magnetischen".

(Foto: Port au Prince Films)

Der Film "Die Magnetischen" von Vincent Maël Cardona feiert die Zeit des analogen Mixens und Musikmachens im Geist des Punk. Obwohl die Macher diese Zeit gar nicht selbst erlebt haben.

Von Anke Sterneborg

"Ich glaub, ich bin verliebt", sagt Philippe ein wenig kläglich zum Musterungsarzt, der gerade einen Stempel auf seinen Einberufungsbefehl gesetzt hat. Er ist einfach zu liebenswert und gutmütig gewesen, wollte die junge, weinende Frau hinter dem Schreibtisch im Musterungsbüro trösten. Dafür hat er sein striktes Schweigen aufgegeben, mit dem er - zusammen mit der Strickjacke des Vaters - ein bisschen dämlich wirken wollte. Zu dämlich fürs Militär. "Entschuldigen Sie unsere Methoden", sagt der Arzt, "jeder tut, was er kann." Die junge Dame war die Putzfrau, mit dem Auftrag, ihn zum Reden zu rühren.

Es ist 1981 in dem Film "Die Magnetischen" von Vincent Maël Cardona, in einem kleinen Kaff in der Bretagne, der Sozialist Mitterrand wurde gerade gewählt, der konservative Giscard d'Estaing abgesetzt. Philippe, den Thimotée Robard mit scheuem Ernst spielt, und sein älterer, hitziger Bruder Jérome (Joseph Olivennes) betreiben mit ein paar Freunden auf einem Dachboden den Piratensender Radio Warschau. Im Geiste des legendären BBC-Moderators John Peel, der ebenfalls als Radiopirat begonnen hatte, senden sie schwermütig wütende Songs von Marquis de Sade, Camera Silens, Gang of Four, Iggy Pop und Joy Division, der stille Philippe an den Reglern, der extrovertiert sprudelnde Jérome am Mikrofon.

Die Jungs erinnern an die vielen Twentysomethings, die im amerikanischen Kino von einem anderen Leben träumen, aus der Provinz aber nicht loskommen. Insofern ist der Einberufungsbefehl auch eine Chance, denn im Unterschied zum älteren Bruder, der zu viel trinkt und sich aufmüpfig am Vater abarbeitet, kommt Philippe so wenigstens raus, ins geteilte Berlin mit seiner wilden Musik- und Discoszene. Einziger Wermutstropfen: Zu Hause bleibt Marianne (Marie Colomb) zurück, die alleinerziehende Friseurin aus Paris, für ein Jahr in der Provinz. Jérome hat sie sich geangelt, Philippe himmelt sie diskret aus der Ferne an, sampelt die von ihr eingesprochenen Worte "P for Peace" (und P4 für wehruntauglich) mit Echo als Dauerschleife in einen politaktivistischen Jingle für Radio Warschau, eine Klangcollage aus Geräuschen, Texten, Nachrichtenmeldungen und Marschmusik.

An den Reglern ist Philippe ein Magier, in Berlin will er nachts im Senderaum der französischen Armee ein Mixtape für die ferne Marianne aufnehmen, eine Replik auf ihr mit nächtlichen Stimmgrüßen versetztes Abschiedsgeschenk. Es ist ein Glücksfall, dass er so auf Eduard trifft, der ihn beim britischen Militärsender einschleust, wo er nicht mit Waffen, sondern mit Vinyl hantieren darf.

Das Surren der Kassetten, das Spulen der Bänder - alles ist voller Sinnlichkeit

So vieldeutig, wie der Titel die Technik der Magnettonbänder mit den menschlichen Anziehungskräften verbindet, ist der ganze Film angelegt. In seinem erstaunlichen Debüt entfaltet Vincent Maël Cardona ein Story des Erwachsenwerdens zwischen Land und Stadt, zwischen Bleiben und Gehen, zwischen Liebe und Berufung. Zugleich ist der Film ein wehmütiger Abschiedsgruß an den älteren Bruder, die Worte, die Philippe immer wieder aus dem Off an ihn richtet, sind melancholisch aufgeladen, man ahnt, dass sie ungehört verhallen.

Und schließlich ist der Film vor allem eine Zeitreise zurück in die frühen Achtzigerjahre, zu den analogen Techniken von Musik und Radio, mit Tonbändern, Kassetten und Vinyl, mit all den sinnlichen Geräuschen, die beim mechanischen Einlegen der Kassetten, dem Spulen der Bänder, dem Klacken der Tasten entstehen und die inzwischen auch die Digital Natives begeistern. Schon verrückt, dass ein Regisseur und seine Drehbuchautoren, die alle erst um die Zeit herum geboren sind, in der ihr Film spielt, es schaffen, dieses musikalische Aufflammen der Postpunk-Zeit so authentisch aufleben zu lassen.

Eine der schönsten Szenen eines Films, der reich ist an zart aufwühlenden Momenten, spielt im Sendestudio des British Forces Broadcasting Service (BFBS). Dem Moderator hat Philippe einen Musikgruß an die ferne Marianne abgerungen, und weil ihm am Mikro die Stimme versagt, lässt er stattdessen in einer live eingespielten Klangperformance Geräusche, Töne und Noten sprechen. Einfach nur einen Song zu spielen, wäre ohnehin zu wenig, sie hat mit ihrem Mixtape einen Aufschlag wie Chris Evert hingelegt, das verlangt eine Björn-Borg-Replik.

Also wuchtet er einen schweren Lautsprecher auf den Tisch, löst die Studiomikrofone, sodass sie sirrend darüber baumeln, und beginnt virtuos mit Reglern, Bändern und Kassetten zu hantieren, mischt, blendet und überlagert, übersteuert und spielt Echos ein. Er mixt ganz analog, zwischen je zwei Plattentellern und Tonbändern, mithilfe von Gegenständen, wie einer Blechtasse auf der sich drehenden Schallplatte und einem Bleistift, mit dem er das Band aus der Kassette zieht, die er dann flink auf den Tonbandteller spannt. Hundegebell, Kirchenglocken, Wellenrauschen, Nachrichtenmeldungen, Songschnipsel, einfach alles wird zum Spielmaterial.

All das, was die DJs in den Clubs zwanzig Jahre später digital sampeln werden, wirbelt er analog zusammen und lässt die Kakofonie der Töne in den Punk-Song "Teenage Kicks" von den Undertones münden, "because I want to hold her tight!" Es ist eine furiose Performance, zugleich intimer Gruß an die Geliebte und pure Radio-Sound-Alchemie im Geist des Punk. Die Musik nimmt die Schwingungen der Liebe auf, ebenso wie die der Jugendrebellion. Und da schlägt der Film auch eine Brücke zur Gegenwart, in der sich die Risse in der Gesellschaft zu Gräben verbreitert haben: "Nicht Politik wird die Welt verändern", sagt der Kumpel Eduard, "was heute zählt, ist die Musik, die Kultur, Erlebnisse!" Mit dem Geld seiner Eltern will er in Paris ein Plattenlabel, einen Sender und dazu ein Magazin gründen, und die Welt verändern - natürlich mit Philippe.

Les Magnétiques, Frankreich, 2021, Regie: Vincent Maël Cardona. Buch: Cardona, Chloé Larouchi, Maël Le Garrec, u.a. Kamera: Brice Pancot. Schnitt: Flora Volpelière. Mit: Thimotée Robart, Marie Colomb, Joseph Olivennes, Filippe Frécon, Antoine Pelletier. Verleih: Port au Prince. 99 Minuten. Kinostart: 28. Juli 2022.

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