Die Macher von "Am Ende kommen Touristen" Zur Disco am Lagerzaun vorbei

Kein "normaler" Ort: Regisseur Robert Thalheim und die Produzenten Hans-Christian Schmid und Britta Knöller sprechen über die Komplexität des Themas Auschwitz, Emotionen bei der Arbeit und über die Widersprüche, auf die sie stießen.

Interview: Rainer Gansera

Gemeinsame Erfahrungen, gemeinsame Filmarbeit machten Robert Thalheim als Regisseur, Hans-Christian Schmid und Britta Knöller als Produzenten.

Hans-Christian Schmid, der unter anderem Regie bei "Requiem" und "Lichter" führte, produzierte mit Britta Knöller "Am Ende kommen Touristen".

(Foto: Foto: AP)

SZ: Ist es schwierig, Herr Thalheim, einen Produzenten zu haben, der selber ein bekannter, preisgekrönter Regisseur ist?

Robert Thalheim: Klar, verdammt schwierig. Aber ich habe das ja auch gesucht. Nach meinem Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg hatte ich nicht das Gefühl, dass ich jetzt ein fertiger Regisseur sei, und fand das auch deswegen spannend, mit Hans-Christian zu arbeiten. Ich bewundere seine Filme, wollte etwas dazu lernen, bin deswegen auch offen in diesen Prozess gegangen. Aber natürlich merkt man - im Positiven wie im Negativen -, dass jemand wie er auch eine starke eigene Haltung zu dem Stoff entwickelt. Jetzt, rückblickend, bin ich dankbar dafür. Vor eineinhalb Jahren ging es mir auch manchmal anders.

Hans-Christian Schmid: Mein Vorsatz war, dass ich mich am Drehort nicht einmischen würde - in der Art "Schau mal, dieser Schauspieler, was der da macht!" Da hat man als Produzent eher eine unangenehme Rolle, muss auf die Einhaltung der Arbeitszeiten achten. An der Buchentwicklung wollte ich mich jedoch stark beteiligen, und das finde ich auch richtig. Die Frage ist, wann Einmischung anfängt, wann der, den man betreuen will, sich bevormundet fühlt. Die Auseinandersetzung war immer eine inhaltliche. Es ging darum, den besten Weg zu finden, und das war kompliziert - nicht, weil wir so unterschiedlich ticken, sondern weil das Thema sehr kompliziert ist.

Thalheim: Was die Stoffentwicklung auch sehr diffizil gemacht hat. Unsere erste Formel war, keinen historischen Film zu machen, sondern an den heutigen Ort zu gehen und zu registrieren, wie heute mit der Geschichte umgegangen wird, wie schwierig das für einen Deutschen sein kann, an so einem Ort heute das Richtige zu tun.

SZ: Sie haben selbst in Auschwitz Ihren Zivildienst gemacht.

Thalheim: Ja, der Film enthält Situationen, Motive, Stimmungen, die ich dort erlebt habe - ich hatte da ja täglich mit ehemaligen Häftlingen zu tun, mit den Zeitzeugen-Gesprächen, habe Gedenkveranstaltungen miterlebt -, aber er ist nicht autobiografisch. Der Charakter der Hauptfigur, Sven, ist eher das Gegenteil von mir, Sven ist jemand, der dort reingerät und erst mal guckt, was los ist. Ich als Zivi war idealistisch hergekommen, hatte ein sehr klares Weltbild und genaue Vorstellungen, warum es wichtig ist, sich mit der deutschen Vergangenheit auseinander zu setzen und welche Lehren man daraus ziehen sollte. Aber merkwürdigerweise: Je mehr ich mich damit beschäftigte, desto komplizierter erschien mir alles. Natürlich, Auschwitz mahnt uns - stellt direkte Fragen an uns, etwa: Wie gehen wir in unserer Gesellschaft mit Minderheiten, Außenseitern oder Andersdenkenden um? Aber was heißt das konkret für 14-jährige Schüler, die vor einer Vitrine mit einem Berg von Haaren stehen? Ist so ein Museum wirklich der richtige Ort, um das zu vermitteln? Ich finde es gut, dass Sven eher unfreiwillig an diesem Ort landet, und dann langsam in dessen Widersprüche hineingezogen wird. So macht er es den Zuschauern, offensichtlich gerade auch den jugendlichen, leichter, sich auf die Geschichte einzulassen.

SZ: Wie war die erste Begegnung mit dem Projekt für die Produzenten?

Schmid: Britta und ich haben etwa zeitgleich den Kontakt zu Robert und seinem Projekt bekommen: Britta hat davon gelesen, als sie bei Maria Köpf von X Filme Produktionsassistentin war, und ich habe Robert in Frankfurt/Oder kennen gelernt: da liefen sein Kurzfilm "Granica" und mein Film "Lichter", die beide in Frankfurt/Oder spielen. Das Spannende an dieser Idee ist natürlich auch das Gefährliche. So umfassend war uns anfangs vielleicht nicht bewusst, in wie viele Fettnäpfchen man da treten kann . . . Wir haben im Vorfeld einmal den zukünftigen Museumsdirektor in Warschau besucht. Er hat erzählt, wie lange in Fachkreisen schon darüber diskutiert wird, was man mit den Haaren, die im Museum aufbewahrt werden, und die dabei sind, zu zerfallen, machen soll. Darf man sie einfach zerfallen lassen und entsorgen? Kann man sie konservieren oder "reparieren"? Soll man sie beerdigen? Und wenn, dann nach jüdischem oder christlichem Brauch? Da sind wir sehr nachdenklich wieder zurück nach Berlin gefahren.

Britta Knöller: Ich habe nicht damit gerechnet, jemals einen Film in Auschwitz zu drehen. Ich hatte den üblichen Zugang zum Thema: Geschichtsunterricht in der Schule und das, was man als politisch Interessierter nebenher erfährt. Aber den Ansatz von Roberts Treatment fand ich sofort interessant. Ich bin im Januar 2005 mit ihm zum allerersten Mal nach Auschwitz gefahren. Die Bäume waren kahl, das Stammlager Auschwitz 1 vermittelte eine ruhige Atmosphäre, das hat mich persönlich nicht so sehr berührt. Dagegen gab es in Birkenau eine starke emotionale Erschütterung.

Schmid: Mir ging es ähnlich: Wir sind im Sommer hingekommen, da bot das Stammlager fast einen "schönen" Anblick: grün, friedlich - aber in Birkenau hat es mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Da war ich erschüttert, bis hin zu Tränen. Da wurde emotional erfahrbar, was ich vorher nur vom Bewusstsein her erfasst hatte. Ich merkte, dass es mich richtig zornig macht, dass es Leute gibt, die versuchen, das zu verharmlosen, zu verdrängen, zu leugnen.

SZ: Gab es Momente, wo Sie am Projekt zweifelten?

Schmid: Ja, sehr viele. Es war schwierig mit der Drehgenehmigung: Wir wussten, dass wir sie eigentlich brauchen, wussten aber auch, dass das Museum sie nicht erteilt, selbst Spielberg hat sie nicht bekommen. Da merkt man sofort, dass alles kompliziert wird, dass alles doppelten Boden und Subtext hat.

SZ: Für die Vergegenwärtigung der Geschichte gibt es, neben der Begegnung mit dem ehemaligen Häftling Krzeminski, zwei Stränge: die Liebesgeschichte von Sven und der jungen polnischen Touristenführerin Ania und die Präsenz einer deutschen Chemiefabrik am Ort.

Thalheim: Die Liebesgeschichte war immer die Möglichkeit für den Blick in die Stadt Oswiecim, für den Blick auf die Jugendlichen: wie das empfunden wird, an so einem Ort zu leben und zu arbeiten. Die leben ja jeden Tag in dem Widerspruch, den ich selbst auch erlebt habe, dass man abends in die Disco geht, und auf dem Weg dorthin am Lagerzaun vorbei fährt. Viele polnische Jugendliche sagen auch: Das ist irgendwie nicht unsere Geschichte, das Lager haben wir den Deutschen zu verdanken, das ist deren Sache, und wir wollen nicht immer in der ganzen Welt mit dieser grauenhaften Geschichte in Verbindung gebracht werden. Sie wollen ein "normales" Leben führen. Andererseits wissen sie auch, dass das eben kein "normaler" Ort ist.

SZ: Gab es für das filmische Konzept Vorbilder - etwa im polnischen Kino?

Thalheim: Als ich Freiwilliger in Auschwitz war, wurde das polnische Kino für mich sehr wichtig. Ich sah die alten Filme von Roman Polanski, Krzysztof Kieslowski, Andrzej Wajda, das war für mich ein Zugang zum Land - dabei ist auch mein Interesse fürs Kino entstanden. Für dieses Projekt aber war Alain Resnais' "Hiroshima mon amour" besonders wichtig, der durch seine Liebesgeschichte ein historisches Trauma erzählt.

SZ: In dem ja Archivaufnahmen des Schreckens in Hiroshima zu sehen sind.

Thalheim: Das wollte ich nicht. Ich denke, jeder hat diese Bilder im Kopf, etwa die Schwarzweißbilder von den grauenvollen Leichenbergen, die bei der Befreiung der Vernichtungslager gemacht wurden. Ich möchte mir nicht anmaßen, mit diesen Bildern zu operieren.