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Die Linke und der Antisemitismus:"Terroristen sind doch hochrational"

Der spätere Politikwissenschaftler Wolffsohn war im Frühjahr 1970 als Soldat in Israel, wo das Bedauern über die Toten im jüdischen Altersheim nicht groß gewesen sei. "Why are they in Munich?" habe es geheißen. "Warum kommen sie nicht hierher?" Und die Fatah? "Terroristen sind doch hochrational in der Auswahl ihrer Ziele, und ein Altersheim als Terrorziel ist einfach nicht spektakulär genug." Die Behauptung, Kunzelmann sei Fatah-Mann gewesen, ist für Michael Wolffsohn "weder guter Journalismus noch gute Wissenschaft - das ist gar nichts."

Fest steht, dass wenige Tage vor dem Brand ebenfalls in München ein palästinensisches Terrorkommando die Passagiere einer El-Al-Maschine überfiel. Ein Israeli starb, als er seinen Vater schützen wollte; die berühmte Schauspielerin Hanna Maron wurde durch eine Handgranate schwer verletzt. Außerdem wurde in München wenige Tage später ein Paket mit einer Bombe aufgegeben, die eine Swissair-Maschine zum Absturz brachte. Alle 47 Insassen starben. Doch trotz der Anwesenheit des legendären Fritz Teufel macht das München noch nicht zu der Terrorzentrale, die der unermüdliche Rechercheur Kraushaar entdeckt haben will.

Aber weil für ihn alles mit allem zusammenhängt, liest er aus der Bemerkung Teufels, für die Olympischen Spiele "schwebt mir da etwas vor", unweigerlich den Überfall heraus, bei dem ein weiteres Palästinenser-Kommando 1972 Mitglieder der israelischen Mannschaft ermordete. Zwar wusste der Spiegel schon 1981, dass sich der Olympia-Stoßtrupp des "Schwarzen September" deutscher Helfer aus rechtsradikalen Kreisen bedient hatte, aber davon ist bei Kraushaar keine Rede.

Was für seine Generation zuvor der Imperialismus war, der altböse Feind, wird neuerdings durch den Antisemitismus-Vorwurf ersetzt, der mit einem vollkommenen Ablass für etwaige eigene Sünden verbunden ist. Seit seinem Buch über die "Bombe im Jüdischen Gemeindehaus" (2005), in dem er mehrere, nicht unbedingt zuverlässige Zeugen dafür aufbieten konnte, dass Kunzelmann hinter dem Anschlag im November 1969 in Berlin stecken muss, will Kraushaar mit aller Gewalt die Linke des Antisemitismus überführen.

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