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Die Kunst Christos:Enthüllen, nicht maskieren

Die Projekte wollten die Gestalt des Verhüllten betonen. Es ging niemals darum, Dinge zu verkleiden, sie, wenigstens für kurze Zeit, zu einem anderen Wesen zu machen. Das Gegenteil war das Ziel.

Von Harald Eggebrecht

Verhüllungsprojekte seien nur ein sehr geringer Teil ihrer kreativen Arbeit. Immer freundlich, immer lächelnd, immer wach und gewitzt sprach der hagere Mann mit den grauen, leicht verwirrten Locken und der Hornbrille auf der Nase, während seine Lebens- und Projektgefährtin Jeanne-Claude, die Tochter eines französischen Generals, strenger und kategorischer formulierte. All ihren Vorhaben eignete eine ungewöhnliche Leichtigkeit getragen von einem heiteren Optimismus, dass das Geplante am Ende schon gelingen werde, selbst wenn die Vorbereitungsphasen manchmal Jahrzehnte in Anspruch nahmen.

Diese Leichtigkeit der Unternehmungen, des, wie beide immer betonten, an sich "sinnlosen und irrationalen", aber eben auch attraktiven, poetischen Verhüllens einer gegebenen Realität, haben sie immer dem Flüchtigsten abgetrotzt, dem wir alle unterworfen sind: der Zeit.

Christos Einhüllungen, Überdeckungen, sein laufender Zaun (Running Fence), seine Rudel von gelben und blauen Schirmen über zwei Kontinente verteilt in Japan und Kalifornien, sein Einpacken von ganzen Küstenlandschaften oder sein Drapieren einer Inselgruppe vor Miami, Florida, mit riesigen pinkfarbenen Manschetten, alle diese spektakulären Veränderungen üblicher Wahrnehmung lebten vor allem durch ihre zeitliche Begrenztheit und von ihrem unwiederholbaren Verschwinden. Das erinnert an jene Kunst, deren Wesen genau das Verschwinden ist, nämlich die Musik. Auch das Theater, der Tanz und andere performativen künstlerischen Erscheinungen entfalten ihre besondere Faszination durch ihre jeweilige Einmaligkeit, die es nur so und so nie wieder gibt. "Unser Werk handelt von Freiheit, und Freiheit ist der Feind allen Besitzanspruchs, und Besitz ist gleichbedeutend mit Dauer. Darum kann das Werk nicht dauern," erläuterte der Künstler.

Christos Vorhaben, einmal ausgeführt, boten nur für ein paar Tage oder Wochen das neue Bild, neue Ansichten des bis dahin Wohlvertrauten, bevor die Wirklichkeit des Alltags zurückkehrte, etwa auf den Pariser Pont Neuf 1985 oder zum Berliner Reichstag vor 25 Jahren. Der Gedanke, eine dieser Aktionen erneut durchzuziehen, verbot und verbietet sich glücklicherweise von selbst. Wer die Verhüllungsaktionen miterlebt hat, erinnert sich etwa an jene gloriosen Tage, als der Pont Neuf das wichtigste, aufregendste, überraschendste Monument war, überzogen mit einer sanft golden glänzenden Folie, die die Brücke wie ein Phantom aus dem Märchen erscheinen ließ. Ähnlich erging es dem Reichstag in seiner silbern schillernden Stoffhaut, der Millionen Betrachter und Flaneure anzog, als habe Christo dem den direkten Blicken so kunstvoll entzogenen Reichstagsgebäude einen neuen Sinn eingestiftet, der sich bei der abschließenden Enthüllung offenbaren werde.

Keineswegs jedoch verwandelten die Umhüllungen die Objekte in unförmige Klötze oder unkenntliche Massen, keinesfalls wurden charakteristische Strukturen des Verhüllten vergröbert, sondern das Künstlerpaar gewann den Bauten oder Landschaften neue Eigenheiten ab, wie etwa dem Tal in Colorado, das durch einen riesigen roten Vorhang geteilt wurde, oder der verhüllten Küstenlandschaft in Australien; Eigenheiten, die niemand vorher für möglich gehalten hätte und die erst mit der tatsächlichen Inszenierung erleb- und sichtbar wurden. Wer damals über den Pont Neuf ging, wird diesen Goldglanz seiner Überhaut im Lichte des Pariser Herbstes nicht vergessen können.

Die Einwände, dergleichen Kunst sei doch nichts anderes als eine Art von sehr aufwendigem Happening, sogar peinlichen Massenchoreografien in Olympiastadien nicht unähnlich. Weit gefehlt, Christos Unternehmen gleichen viel mehr Kompositionen, die einmal ausgeführt bald wieder gleichsam verwelkt sind. Man denke an Künstler wie Leonardo oder Raffael, die grandiose Feuerwerke inszenierten und Architekturen konzipierten, die nur für ein großes Fest zu halten hatten. Oder an jene barocken Feuerwerker, deren Genie nur für einen Moment raketenartig aufleuchtete und genauso ins Nichts versprühte.

Die Einhüllungen und andere Aktionen sind daher auch nie mit Maskierungen und Verkleidungen zu verwechseln, weil Christo und Jeanne-Claude ja nicht etwas anderes vorstellen wollten, keinen Identitätstausch beabsichtigten und selbstverständlich kein Verbergen von womöglich dunklen Plänen vorhatten. Sie verhüllten unmissverständlich den Reichstag, sie hängten den gewaltigen Vorhang durch den Canyon in Colorado, nicht um seine Gestalt zu verschleiern, sondern im Gegenteil offensiv zu betonen.

Masken, besonders in rituellen Zusammenhängen etwa bei indigenen Völkern in Afrika oder Amerika, wollen dagegen unbedingt den Identitätswechsel. Der Wolfstänzer wird gleichsam zum Wolf, was die Maskierung und die Tanzbewegungen verstärken sollen. Auch die Masken im altgriechischen Theater dienten dem Verbergen des Individuellen zugunsten des Typus. In den klassischen Theaterformen Japans treten ausschließlich Männer auf, deren geschlechtsspezifische und persönliche Individualität zur Gänze hinter den zu spielenden Gestalten, also auch weiblichen, zu verschwinden hat. Dafür braucht es Masken und Kostüme. Dass Maskierungen jenseits von Kulten, Theater und Verkleidungsfesten auch dem Verbrechen dienen können, muss nicht betont werden.

Nein, Christo und Jeanne-Claude hatten nie Beschwörungen, Vorspiegelungen, Täuschungen, gar Hintergehungen, sondern immer eine neue "irrationale und sinnlose", doch je einmalige Kunstrealität im Sinn. Sie für einen Augenblick lang durchzusetzen und zu realisieren im wahren Sinne des Wortes, ist ihnen, und später nach Jeanne-Claudes Tod, Christo allein wunderbarerweise auch gegen heftigste Widerstände in Politik und Gesellschaft immer wieder geglückt. Im Falle der Reichstagsverhüllung hat also zart und zäh gesiegt gegen deutsch und schwer.

© SZ vom 05.06.2020
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