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Die Krimi-Kolumne:Zwielichtiges Schnitzel

In Friedrich Anis neuem Tabor-Süden-Roman, seinem mittlerweile zwanzigsten, ist München alles andere als eine Weltstadt mit Herz. "Der einsame Engel" heißt Anis Trauma-Roman in der Tradition von Georges Simenon.

Von Florian Welle

Der Vater und Martin Heuer: Zwei Tote, die Tabor Süden nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Sie sitzen mit ihm am Tresen, begleiten ihn durch die Stadt. Seit dem letzten Fall hat sich ein weiterer hinzugesellt: Leonhard Kreutzer, der graueste Schattenschleicher der Stadt. Der knapp siebzigjährige Kollege von Süden wurde das Opfer von Neonazis.

Friedrich Anis jüngster Roman "Der einsame Engel" knüpft dort an, wo "M" vor zwei Jahren aufgehört hat. Ein Anschlag hat die Detektei von Edith Liebergesell am Sendlinger Tor zerstört; wie es nun weitergehen soll, weiß niemand so recht: "An dem Tag, an dem bei einer Gewalttat auch nur der geringste Verdacht auf einen neonazistischen Hintergrund bestand und die bayerischen Behörden den Anschlag deswegen automatisch als rechtsradikal einstuften, würden dem Münchner Oberbürgermeister Flügel wachsen und im Hofbräuhaus das Bier ausgehen."

Der neue Tabor Süden Roman, der mittlerweile zwanzigste, enthält unzählige Seitenhiebe auf die Stadt München, die hier alles andere ist, nur keine Weltstadt mit Herz. Anis Wut ist das Hintergrundrauschen bei Südens Suche nach dem verschwundenen Justus Greve. Aber auch "die Vermissung" des Obsthändlers ist nicht das Wesentliche. Eher läuft der Fall so mit. Unspektakulär, ja beinahe fad wie ein abgestandenes Weißbier zunächst, bis er einen monströsen Kern offenbart.

Friedrich Ani sagte einmal über seine Krimis, er beschreibe Innenwelten. Unverkennbar: Simenon ist das Vorbild. "Der einsame Engel" ist ein Trauma-Roman. Die Vergangenheit klebt wie eine zweite Haut an den Protagonisten. Und sie klebt auch an Edith Liebergesell, die um ihren ermordeten Sohn trauert. Tabor Süden, der den Selbstmord seines besten Freundes und Kollegen Heuer immer noch nicht zu fassen kriegt, holt sie sowieso immer ein.

"Möge es nützen" hatte Heuer immer gesagt, wenn er sich ein neues Bier einverleibte. Nun, es nützte eben nichts. Das Leben, so wie es ist, ist stärker. Es faltet die Menschen zusammen, reißt Löcher in ihre Seele. Doch kein Alkohol ist auch keine Lösung. Und so sitzen Edith und Tabor immer wieder in ihren "Katerschmieden" zusammen, mal "leidlich", mal "monumental bebiert". Immer noch besser, als zurückzukehren in die "Furchtluft" der Wohnungen.

Es gibt sie zuhauf in dem traurig-leisen Roman, die typischen Ani-Worte und -Sätze, für die man den Autor schätzt. Gelegentlich überschreitet er allerdings die Grenze zur Manier. Ein "zwielichtiges Schnitzel mit einem makabren Kartoffel-Gurken-Salat" lässt man sich noch gefallen, ein Satz wie "Das untergärige Bier versetzte meinen Körper in eine oberbärige Stimmung" gehört ersatzlos gestrichen.

Ein Buch, das frösteln lässt? Nicht nur: Die junge Kollegin Patrizia hat den 55-jährigen "Verschwundenen-Sucher" Süden in ihr Herz geschlossen. "Schön war", sagt er, "dass sie nachts keine Fragen stellte, als ich am offenen Fenster des Pensionszimmers stand, überwältigt von meinen Tränen, die all die Jahre ungeweint geblieben waren."

Friedrich Ani: Der einsame Engel. Ein Tabor Süden Roman. Droemer Verlag, München 2016. 206 Seiten, 18,00 Euro. E-Book 15,99 Euro.

© SZ vom 07.06.2016
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