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Die Ketzerei des Fundamentalismus:Ruin gemeinsamer Sprache

Man muss sich alles offen halten, so, wie der Käufer des Geländewagens, der davon ausgeht, dass es ja sein könnte, dass er sich in der Stadt verfährt und unversehens mitten auf dem Acker landet - und dann, endlich, vorbereitet ist.

Das kann ein furchtbar anstrengendes Leben sein. Der Fundamentalismus ist der höchstpersönliche Ausweg aus der Individualismusfalle. Da gibt es klare Lehren, fertige Lebensstile und Erziehungskonzepte, die richtigen Hosen und das gottgegebene Rezept, mit und ohne Fleisch. Man muss ja nicht das ganze Leben dabeibleiben, aber für den Moment hilft es ungemein, manchmal auch fürs ganze Leben.

Manchmal allerdings macht es krank. Und manchmal tötet es. So kommt es, dass sich in der westlichen Welt das Lebens- und Lebensabschnitts-Fundamentalismus ausbreitet, so sehr, dass sich inzwischen aufgeklärt besonnene Atheisten bedrängt sehen von den toleranzlos Unduldsamen in den eigenen Reihen.

Die neue Ausschließlichkeit bedroht den Dialog in den Religionen und den der Religionen untereinander, sie ruiniert gemeinsame Sprachen, sie segmentiert die Welt in sich selbst bestärkende Untergruppen mit ihren jeweils eigenen Göttern.

Die anderen sind in der Defensive. Die anderen, die irgendwo dazwischen stehen, die wissen, dass ein Glaube nicht nur Wellness ist, sondern auch von gemeinsamen Lehr- und Grundsätzen lebt, die aber nicht lebensfern erstarren dürfen.

Für die Vernunft und Glaube zusammengehören, die aber auch Platz haben für das Mystische, Geheimnisvolle des Religiösen. Die sich immer wieder neu justieren müssen und leise die Stimme des Fundamentalisten in sich selbst hören: Wie wäre es, wenn du das Durchwursteln ließest und dir einfach einen strengen Glauben zulegtest?

Es droht, verkürzt gesagt, die Mitte verlorenzugehen zwischen den Fundis und den Alles-egal-Menschen. Sich einfach einen strengen Gott zulegen, das ist die Versuchung des Fundamentalismus und sie wirkt. Sie wirkt umso stärker, je mehr man davon ausgehen kann, dass die Strenge dieses Gottes sich gegen die Anderen richtet - und einen selber rechtfertigt, das eigene Verhalten und Leben.

Verlust des Geheimnisses

Das ist die eigentliche Häresie des Fundamentalismus: Er stellt sich über Gott, indem er das Deutungsmonopol über ihn beansprucht, sich zum Maßstab des richtigen Lebens erklärt.

Er versucht dem Transzendenten, dem Ersten und Letzten des Lebens, das Geheimnis zu nehmen: Wir wissen, was Gott will. Wir kennen ihn. Er hat uns gesagt, wo es langgeht. Was aber ist das für ein Gott, dem das Geheimnis genommen ist, der transparent ist wie ein vollständig ausgefülltes Facebook-Profil? Der nicht mehr fremd sein darf, wo man doch erst dem nahekommen kann, der fremd war und bleibt?

Das ist die Stärke, die Hoffnung der Nicht-Fundamentalisten unter den Gläubigen aller Art: Der lebendige Gott, überhaupt jedes lebende Sinngebäude, lebt vom Fremden, davon, dass es unergründlich bleibt, weil das Leben unergründlich und nicht steuerbar ist - nur so kann es lebendig sein, traurig und glücklich, leidvoll und lustig.

Ein ausgedeuteter, berechenbarer Gott ist tot, ein Untoter bestenfalls, der sein bisschen Lebenskraft aus denen saugt, die ihm zu Diensten sind. Und das ist ja die Osterhoffnung, die die Christen über die eigene Religion hinaus der Welt verkünden: Das Leben siegt.