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Die Ketzerei des Fundamentalismus:"Fußspuren des Messias"

Torrey, ein hochintelligenter Mann und glänzender Prediger, ist selbst ein Vertreter dieser Bibelforschung gewesen, dann aber bekehrte er sich: Nur im reinen Wortlaut der Bibel, im Fundament des Glaubens, lag für ihn die Wahrheit. Es waren religiös aufgeladene Zeiten. Am 9. April 1906 hatten in einem kleinen Haus in Los Angeles William Joseph Seymour und seine Freunde eine "Geistausgießung" erfahren - die Pfingstbewegung nahm ihren Anfang.

Die christlichen Fundis waren nicht die Einzigen. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg gründeten jüdische Strenggläubige die Agudat Israel, die "Union Israel", deren westeuropäischer Zweig in der jüdischen Besiedlung Palästinas zunehmend die "Fußspuren des Messias" sah.

1928 schließlich gründete Hasan al-Banna die ägyptische Muslimbruderschaft, und bis heute erstaunt es, wie buchstabengetreu die Islamisten die westlich-fundamentalistische Kritik der modernen Zivilisation aufgreifen, mal, als würde ihnen Oswald Spengler die Hand führen, mal, als kämen sie frisch aus dem marxistischen Indoktrinationskurs.

Man kann sie sich kaum unterschiedlicher vorstellen, die amerikanischen Erweckungsprediger, jüdischen Heiliglandträumer, Islamisten. Und doch einte sie viel: Sie heiligten die Schrift. Sie teilten die Welt in Gut und Böse ein, sie verachteten das Unentschiedene des Liberalismus. Sie waren antistaatlich und antiinstitutionell, setzten auf die kleine Gruppe, die persönliche Erfahrung, die radikale Entscheidung.

Sie gaben vor, das Ursprüngliche wieder zur Geltung bringen zu wollen - und brachen doch radikal mit den Traditionen ihrer Religionen.

Widersprüchliches Nebeneinander von Religion und Alltag

Denn das voraufgeklärte Christentum und Judentum, der traditionelle Islam, sie alle lebten mit dem widersprüchlichen Nebeneinander von gegebenen Regeln und praktischem Alltag. Sie wussten, dass die Fastengesetze, Speiseregeln, Gebetszeiten und die Gebote zur Frauen-, Ehe- und Sexualkontrolle unumstößlich stehen, die Wirklichkeit des Lebens aber anders sein konnte.

Die Aufklärung geißelte diese Ambiguität als bigott und verlogen. Ihre Vertreter forderten das Ende des Dogmatismus - eine allgemeine ethische Grundhaltung müsse in immer neuen Situationen neues Handeln bedingen.

Der Fundamentalismus übernahm die aufklärerische Kritik, folgerte aber das Gegenteil daraus: Das Leben hat den Regeln zu folgen, die Abweichung ist des Teufels. Der Fundamentalismus ist ein Teil der Aufklärung; der Islamwissenschaftler Thomas Bauer aus Münster hat das jüngt im Bezug auf den Islam herausgearbeitet; es gilt genauso für Pfingstkirchen, traditionskatholische Piusbrüder, Ultraorthodoxe, Jakobiner aller Himmelsrichtungen.

Wandlungs- und lernfähig

Der Fundamentalismus hat sich als wandlungs- und lernfähig erwiesen, wie auch die liberale, sich marktwirtschaftlich organisierende Gesellschaft. In Palästina und Libanon stehen Hamas und Hisbollah für soziale Gerechtigkeit und gegen die Korruption der PLO. In Lateinamerika sind viele Frauen Trägerinnen der wachsenden Pfingstkirchen: Sie akzeptieren die theologische Abwertung, weil der neue Glaube die Männer verpflichtet, mehr zu arbeiten, weniger zu trinken und weniger zu huren.

In Europa und den USA sind fundamentalistische Gruppen häufig in der Form moderner als die traditionellen Kirchen und Parteien: In ihren Kirchen hat das Schlagzeug die Orgel abgelöst, die Kontakte sind international, der Austausch, die Information, die Radikalisierung erfolgen im Netz - der Offline-Zweifler und Nachdenker erscheint als Spießer.

Überzeugung und individuelle Lebensform können, aller verbalen Sozialkontrolle zum Trotz, eklatant auseinanderklaffen. Auch das macht es heute leicht, ein Fundi zu sein. Es gewinnt, wer sich abgrenzt, weltweit. In Afrika, Lateinamerika und den Ländern Asiens ist das so - weil Abgrenzung und Profilschärfe im Kampf der Religionen um Menschen, Einfluss und geistige Ressourcen die größte Durchschlagskraft erzielen.

Im reichen Westen ist das so - weil untergeht, wer sich nicht unterscheidet. Darin besteht ja die Qual, wenn man sich den eigenen Gott schaffen muss, zusammengesetzt aus den vielen möglichen göttlichen Zutaten: Man muss immer das Eigene schaffen, wie man sich ernährt und die Kinder erzieht, was man anzieht und wohin man in die Ferien fährt, was man liest, mit wem man sich befreundet, was man für Sünde hält und was für Erlösung.