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"Die große Regression":Unschärfen im Detail und große Leerstellen in den Diagnosen

Das beginnt damit, dass die Neoliberalismus-Saga erschreckend unkonkret bleibt. Leidet Italien wirklich an Deregulierung und nicht doch eher an Mafia, Staatsklientelismus, sklerotischer Justiz und einem unterirdischen Ausbildungswesen? Neoliberal mag die internationale Umgebung für Italien geworden sein und damit wirtschaftlichen Misserfolg verschärfen, auf sein Innenleben hat sich das bisher kaum ausgewirkt.

Freilich, wer "Lebensweisen" (Streeck) unter allen Umständen unter Artenschutz stellen will, muss den Italienern auch ihren Schwarzgeld- und Schwarzarbeitskapitalismus lassen. Um bei Streeck, der sich vom psychologisierenden Regressionsverständnis erfreulich fernhält, zu bleiben: Er blickt mit Zustimmung auf Theresa Mays Versprechen der "one nation". Hoffen wir darauf, dass es sich nicht nur um die rhetorische Vorbereitung des Moments handelt, in dem britische Regierungen nicht mehr alles was, was schiefläuft im Land, auf "Brüssel" schieben können.

Viel erschütternder als Unschärfen im Detail bleiben die großen Leerstellen dieser Diagnosen. Es erscheint in ihnen nämlich so, als sei der gegenwärtige Weltzustand vor allem eine Verschwörung neoliberaler "Eliten", die, befreit vom Druck des Kommunismus, die Welt seit 1989 umgebaut haben.

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Aber war da nicht noch etwas anderes? Fand nicht seit den Neunzigerjahren eine Revolution in den Produktivkräften statt, die die erste industrielle Revolution mittlerweile an Geschwindigkeit in den Schatten stellt? Kann, wer vom Neoliberalismus redet, von der Digitalisierung schweigen?

Das gilt übrigens nicht nur für Märkte und Betriebe, sondern auch für politische Revolten und Migration. Seit Luthers Reformation und ihrem vom Buchdruck gestützten Schnellerfolg dürfte kein Kommunikationsinstrument eine so revolutionierende Wirkung gehabt haben wie das Smartphone. Kein Wort dazu in der "Großen Regression"!

Reaktion heißt jetzt also Regression und findet viel Verständnis

Damit hängt zusammen ein Umbau in der öffentlichen Kommunikation, bei dem die Regressiven getrennt marschieren und vereint schlagen. Dem Brexit voraus ging ein jahrzehntelanges Brüssel-Bashing der Murdoch-Presse, so wie Trump natürlich auch ein Produkt der planmäßigen Verschärfung des Tons im amerikanischen Privatfernsehen ist. Auch im intellektuellen Überbau gibt es seit Langem schöne Querfronten: von Boris Johnson zu Perry Anderson, von Peter Gauweiler zu Wolfgang Streeck.

Protest entsteht nicht einfach, er ist machbar. Facebook-Revolutionen können inzwischen auch die Rechten anzetteln. "Eliten" gibt es im Zweifelsfall überall. Und wenn man Lügenvorwürfe oft genug wiederholt, werden sie auch geglaubt. Denn, und das ist die eigentliche Schwäche des Regressionsbegriffs: Es gäbe ja auch immer noch die gute alte Reaktion.

"Reaktion", ursprünglich ein Begriff aus der Newtonschen Physik, wurde seit 1789 zum konstanten Begleiter von Fortschritt und Revolution. Doch anders als bei "Regression" sind hier keine schillernden Pathologien gemeint, sondern bewusste Haltungen und Maßnahmen. Dabei konnten die Reaktionäre übrigens immer an ein selbstkritisches Bewusstsein der Aufklärung von den Kosten des Fortschritts anknüpfen. Reaktionäre standen an der Spitze der Gesellschaft, aber Fortschrittsfeinde und Maschinenstürmer gab es auch an der Basis.

Nicht nur wehrlos, im schlimmsten Fall dumm und zynisch

Der Anspielungshorizont des Suhrkamp-Bandes ist Karl Polanyis schon 1944 erschienene Studie "Die große Transformation", die die kapitalistische Zerstörung traditioneller Lebenswelten in der ersten industriellen Revolution analysiert. Marktwirtschaft und Nationalstaat gingen dabei eine Verbindung ein, die sich derzeit wieder auflöst - die jüngste Regression kann als Widerstand gegen diese neue große Transformation gelesen werden.

Dieser Vergleich ist allerdings wenig ermutigend. Wütender Protest wird nicht reichen, es sei denn, man hofft auf den großen Kladderadatsch. Es wäre schön, die Linke käme mit umfassenden Vorschlägen, die mehr bedeuten als "Stahlhelmkapitalismus" (Adam Tooze), Verlangsamung, Sand im Getriebe oder das lustvolle Starren auf ein "Interregnum" mit Chaos und Gewalt. Der Begriff der "Regression" macht sie nur wehrlos, im schlimmsten Fall dumm und zynisch.

Heinrich Geiselberger (Hrsg.): Die große Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 320 Seiten, 18 Euro. E-Book 15,99 Euro.

© SZ vom 12.04.2017/doer
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