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"Die Geschichte der getrennten Wege":Sie liest feministische Literatur und entdeckt, dass "die Kultur" männlich ist

Lila ist der Glutkern der Saga, ihre kreative und destruktive Kraft ordnet das Personentableau wie Späne in einem Magnetfeld um sie herum an. Und diese Kraft springt auf die Leser über. Immer wenn diese kurz davor sind, sich ein bisschen zu langweilen mit der Ich-Erzählerin Elena, ihren Status- und Rollenproblemen, ihrem Hadern mit dem eigenen Wert und Können, taucht Lila auf, mit dramatischen Trompetenstößen, und zieht den Roman aus dem geruhsamen Andante cantabile in ein wütendes allegro furioso e tempestuoso, geht es nicht mehr um Anerkennung oder die kleinen Unterschiede, sondern um alles oder nichts.

Das komplexe Verhältnis der beiden Freundinnen bildet das psychologische Zentrum der Romane, und es ist verblüffend festzustellen, dass es in seiner Ambivalenz auch nach drei Bänden noch lange nicht ausgeleuchtet ist. Sie sind voneinander abhängig, ineinander verkeilt und rivalisieren miteinander, seit Lila Elenas Puppe in ein dunkles Kellerloch geworfen hat. Anziehung und Abstoßung funktionieren wie ein Magnet (noch einmal!), der ständig seine Pole wechselt.

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Italienische Literatur

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Elena, die gesellschaftliche Erfolge aufeinander häuft, fühlt sich dennoch der Freundin unterlegen, weswegen sie sich immer wieder radikal von ihr abwendet, um herauszufinden, wer sie selbst ist. Auch feindseligen Gefühlen lässt sie in ihrer Erzählung freien Lauf, bis hin zum Wunsch, die Unüberwindliche möge tot sein. Lila wiederum projiziert die Möglichkeiten, die sie nicht hat, auf den Aufstieg der Freundin, unterstützend, fordernd, wütend, wenn Elena sich hängen lässt: "Wer bin ich, wenn du nicht gut bist?" Ein "wunderschönes Leben" soll die Freundin führen, "auch für mich".

Dass die Autorin der neapolitanischen Saga eine Frau sein dürfte (was ja auch angezweifelt wurde), zeigt sich nicht zuletzt in den Passagen, in denen es um Körperwahrnehmung und Sexualität geht. Wenn die Freundinnen ihre sehr unterschiedlichen Erfahrungen mit der "elenden Vögelei" und der Möglichkeit, selbst Lust zu erleben, austauschen oder Elena ihre Schwangerschaften erlebt bis hin zur panischen Angst, aus ihr kröche statt eines süßen Babys ihre verabscheute Mutter heraus, mit ihrer Engherzigkeit, ihrem Neid, ihrem Hinken. Und Elena Ferrante gibt diesem Komplex seinen zeithistorischen Hintergrund. In den Jahren der "Geschichte der getrennten Wege" ist die Pille noch nicht zugelassen (Elena und Lila besorgen sie sich illegal), die panische Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft Begleiterin jeder sexuellen Begegnung und der Mann in jeder Beziehung an der Macht.

Wenn Lila eine Schöpfung Elenas ist, wie kann dann Elena so mittelmäßig sein, wie sie beständig behauptet?

Auch kulturell. Elena merkt, dass ihr Minderwertigkeitsgefühl, ihr zwanghaftes Bedürfnis, zu gefallen und sich anzupassen, etwas damit zu tun haben, dass sie eine Frau ist. Sie liest sich in feministische Literatur ein und entdeckt, dass "die Kultur" eine männliche Kultur ist; das wird das Thema ihres zweiten Buches sein. Lila ist aber auch hier schon viel weiter und radikaler; ihre ernüchternden Erfahrungen in der Fabrik haben sie darin bestärkt, dass "alles Schwindel ist", von der Kultur bis zum Kommunismus, dass nur die Macht und das Geld regieren und jeder für sich schauen muss, wie er zurechtkommt. Schwindel ist übrigens auch körperlich zu verstehen; immer wieder erlebt Lila, wie schon in den vorausgehenden Bänden, Momente, in denen sie sich aufzulösen droht, sie gehören stilistisch zu den dunkel leuchtenden Höhepunkten des Buches.

Das Verhältnis der beiden Freundinnen, die selbst manchmal nicht wissen, wo die eine aufhört und die andere beginnt, hat aber noch eine weitere Dimension. Sie berührt die Geheimnisse literarischer Perspektivierung. Es ist ja Elena, die hier erzählt, ausschließlich ihre Stimme hören wir. Eine Stimme der Rekonstruktion, denn Lila ist von der Bildfläche verschwunden, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen, und Elena, die sich ohne Lila wie ein Nichts fühlt, will sie wieder zurückholen - schreibend. Wir sind also, um uns ein Bild von Lila zu machen, allein auf Elenas Erinnerungen angewiesen, ergänzt durch Notizen der Freundin, die aber auch wieder von Elena ausgewertet, angereichert, ausfabuliert sind. Wie kommt es dann, dass der Glutkern Lila die konventionelle Hülle Elena immer wieder grandios durchstößt, zum Leuchten bringt, in Flammen setzt? Wenn Lila eine Schöpfung Elenas ist, wie kann dann Elena so mittelmäßig sein, wie sie beständig behauptet? Sie ist es doch, die uns diese Doppelgeschichte auf so brillante und intrikate Weise erzählt. Sollten also Lila und Elena ein und dieselbe Person sein, in zwei Körpern und Köpfen, aber auf einer höheren Ebene immer vereint?

So präsentiert der dritte Band der "Neapolitanischen Saga" die Erlebnisse zweier sehr real anmutender Personen in einer dramatischen Phase Italiens. Aber diese beiden Personen sind mit jedem Band zugleich plastischer und flirrender geworden, kommen uns näher und werden uns fremder zugleich. Was ist Identität? Diese Frage bleibt im Raum stehen, wenn wir das Buch zuklappen. Ihre Antwort, so ist zu vermuten, wird auch der Abschlussband nicht geben. Wir warten dennoch mit Ungeduld auf sein Erscheinen im kommenden Februar. Wieder in der wunderbaren Übersetzung von Karin Krieger.

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